Grüne Tulpe- Nationalmannschaft der dt. Schriftsteller 1:0

Geduld und Wahrheit

......dass Fußball und Politik recht gut zusammengehen, gehört inzwischen zu den Allgemeinplätzen der Republik. Während sich früher Fußballkommentatoren mit Vorliebe des politischen Vokabulars, insbesondere solchen aus Kriegszeiten, bedienten, so gilt es umgekehrt im Bundestag zunehmend als schick, Heribert Fassbinders Weisheiten in die Debatten zu übernehmen.

...vom "Über-Ich" zum "hauet ding rein"....

Ob Fußball und Literatur hingegen gut zusammenpassen, harrt noch immer des Beweises. Gut, es gibt Ödön von Horvaths wirklich anrührende "Legende vom Fußballplatz". Aber danach ist die Aufstellung der deutschen Fußballliteraten eher unterklassig. Handkes "Angst des Tormanns beim Elfmeter" zeugt von grobem Unverständnis, da allgemein bekannt ist, dass der Torwart beim Elfmeter nur zum Helden werden kann, aller Druck hingegen auf dem Schützen liegt. Fraglich, ob die Fußballer unter den Literaten wirklich Champions- League- Format erreichen. Nicht zu empfehlen ist Sepp Maiers Werk "Ich bin doch kein Tor". Lesen wir lieber einmal aufmerksam Gerd Müllers Erinnerungen: Elegante Verbindungen von informativen Fakten mit emotionsgeladenen Einblicken in die Spielerseele ("Jedesmal, wenn ich an das verlorene Halbfinalspiel der Weltmeisterschaft in Mexiko gegen Italien denke, rege ich mich auf.") und packenden Spielbeschreibungen ("Dieses Mal Elfmeter? (…) Nix Elfmeter."), gepaart mit interessanten ethologischen Beobachtungen ("Die Einwohner von Léon, wochentags fleißig und unabkömmlich, nicht mit Reichtümern gesegnet, leisteten sich einen Stadionplatz (…)." Oder auch auf die Gegner bezogen: "Die Engländer hatten hart, aber fair gespielt. Es wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen, einem Gegner absichtlich in die Knochen zu fahren. Italienische Fußballer nehmen es normalerweise nicht so genau.") und naturwissenschaftlichen Erklärungen ("Um 12 Uhr mittags wurde das Spiel angepfiffen. Die Sonne stand beinahe senkrecht über unseren Köpfen, unsere Schatten auf dem Rasen waren ganz kurz."). Oftmals bleibt aber unklar, was der "Bomber der Nation" eigentlich sagen wollte: "(…) trotz einer Reihe von Chancen bis zur 45. Minute für uns keine Ausgleichsmöglichkeit." Oder "Wäre es nicht heiß gewesen, hätten wir uns jetzt schon gewundert, so gut hatten wir uns akklimatisiert." Seine Stärken lagen eindeutig dort, wo auch die Wahrheit liegen soll: auf dem Platz, nicht auf dem Papier, das sich vielmehr durch Geduld auszeichnet. Aber nur allzu oft siegt geduldiges Papier über Wahrheiten, wie man aus der Politik weiß.

...lasset die Spiele beginnen...

So brauchte auch die wahre spielerische Überlegenheit vor allem Geduld, um zu einem Sieg der Tulpen gegen die Vertreter der Schreiberzunft zu kommen. Eine erste Schrecksekunde am Rosenmontag mussten die Tulpen schon vor Spielbeginn überstehen, als ihr Torwart sich bei der Abwehr eines Schusses das Handgelenk verbog.

...was eine Narretei an diesem Tage, doch siehe da, es klärte sich der Nebel, denn: in der Folge dieser kaum gebraucht so sehr und seine Position offensiv verstanden, Er, blieb der Schuss, durch diese hohle Gasse er kommen musste - vom Schützen Ergin ungestraft....ebenso wie alle folgenden noch folgenlos.......

Doch weiter im Text: Von Anfang an schlugen die Tulpen die übliche Anweisung ihres Spielertrainers – "wir kennen den Gegner nicht," oder "der Gegner ist stark, wir fangen erst einmal defensiv an" – konsequent in den Wind. Sie ließen sich von jugendlichem Leichtsinn getrieben, hinreißen und ihrer Spiel- und Angriffsfreude freien Lauf. Ihr Pressing begann am gegnerischen Sechzehner. Das verlangte aber große Laufbereitschaft und Kampfeswillen. Da die Autoren aber aus einer massierten Abwehr heraus agierten und immer wieder sehr geschickt Dribblings stoppten, indem sie den Ball mit langen Beinen wegspitzelten, blieben die Tulpen-Angriffsbemühungen erfolglos. So, blieben Chancen Mangelware und nur durch Fernschüsse konnten die Tulpen gelegentlich das Autoren-Tor in Gefahr bringen.

Dabei traf Asgar Ergin mit einer wunderschönen Volley-Direktabnahme einmal die Querlatte und Wolfgang Helm lief an der rechten äußeren Strafraumgrenze geschickt gegen den Ball, der nur um Haaresbreite am linken Winkel vorbeistrich. Mit fortgeschrittener Spieldauer wurden logischerweise die Tulpen müder und die Autoren kamen immer besser ins Spiel und konnten sich nun auch immer öfter aus der Defensive befreien und ihre Angriffe aufbauen. Doch die Tulpen-Abwehr ihrerseits war wieder einmal hervorragend organisiert von Tresfore Dambe, der einen modernen Libero auf einer Höhe mit seinen Manndeckern spielte und immer wieder den zentralen Angreifer selbst übernahm. So kam die einzige Schreiber-Spitze auch nur zum einzigen Torschuss der Autoren in der ersten Hälfte aus spitzem Winkel, den der ansonsten aber beschäftigungslose Jochen Hake im Tulpen-Tor problemlos entschärfen konnte.

Konsequenterweise blieb die leidende – an was sie litt, ist dem Autor (dieses Artikels, im Folgenden nur noch "der Autor" genannt, im Gegensatz zu "den Autoren", nämlich den Gegnern der Tulpe, die als rhetorisches Stilmittel vom Autor, also dem Autor, teilweise

pars pro toto

als "der Autor" bezeichnet werden) nicht bekannt – Sturmspitze in der Halbzeit auf der Bank, da sein im wahrsten Sinne des Wortes exorbitanter Ellbogeneinsatz bei Laufduellen sehr zu seinem Unverständnis nicht vom Schiedsrichter als Foul der Tulpen gegen ihn gewertet wurde.

Auf Seiten der Tulpen war besonders eine Umstellung in der Pause bemerkenswert. Wolfgang "Bonaparte" Helm entschied, das Spiel brauche eine ordnende Hand, keine ruhige, sondern eine kreative, das Spiel aufbauende. Dass diese Rolle ihm auf den Leib geschneidert sei, mag an Napoleon erinnern, aber, wie dem auch sei, die Tulpen spielten die zweite Halbzeit geduldig und diszipliniert, während der Autor an und für sich, also nicht der Autor, der diese Zeilen verfasst hat, ebenso diszipliniert verteidigte und sich aufopferungsvoll mit allen deutschen Tugenden immer und immer wieder in den Schuss warf. Die Tempodribblings von Hartwig Meyer und Tresfore Dambe aus der eigenen Hälften wurden von der eng gestaffelten und langbeinigen Defensive ein ums andere Mal gestoppt und blieben wirkungslos. Gefahr kam wenn über die Flügel. Geduldig spielten die Tulpen, ließen den Ball von Station zu Station durch ihre Reihen laufen und flankten was das Zeug hält. Und wenn denn einmal eine Flanke durch die überragende Autoren-Abwehr, die Bälle, nicht Autoren abwehrte, auf der Stirn oder dem Fuß eines Tulpenstürmers landete, vergab vornehmlich Christoph Benze auch noch von innerhalb des Fünf-Meter-Raumes vor dem freien Tor (dreimal) oder traf die Latte und Uwe Birkel als zweite Spitze wickelte sich bei seinem Kopfballversuch vor dem verwaisten Tor um den Ball, brachte ihn aber nicht in Richtung Tor.

...Elfmeter! Nix Elfmeter!

Schließlich ein Dribbling von rechts im Autoren-Strafraum von Kristoffer "Toffi" Born, geschickt setzt er sich gegen drei Verteidiger durch, ist an der Grundlinie mit freiem Weg zum Tor und bekommt einen Pferdekuss. Elfmeter? Nix Elfmeter. Die Autoren-Abwehr gab das Vergehen fairer Weise zu, dch erst später. Am besten sah die Situation jedoch der an der Mittellinie einzige verbliebene Stürmer der Autoren, der allen Anwesenden sofort über den ganzen Platz seine Beobachtung mitteilte, dass dies auf keinen Fall ein Elfmeter gewesen sein konnte. Nun denne: So sei es....und nun in die Schlußphase....

Selbiger Stürmer ist kurz darauf bei fast dem einzigen Autoren-Gegenstoß in der zweiten Hälfte ebenfalls an der Grundlinie durch, nachdem der Ball unglücklich über Tulpen-Libero Dambe gesprungen ist und der Autoren-Stürmer so plötzlich frei auf das Tor zu stürmen konnte. Doch Tresfore Dambe nutzt Schnelligkeit und Physis, holt den durchgebrochenen (durch die Abwehr, nicht er selbst ist durchgebrochen) Stürmer ein und grätscht ihn ab. Elfmeter? Nix Elfmeter. Wiederum teilte der Autoren-Stürmer nicht die Beobachtung seiner Mitspieler, die fair das faire Tackling einräumten.

Seit Mitte der zweiten Halbzeit erkundigten die Autoren sich regelmäßig beim Schiedsrichter nach dem Fortschritt der Zeit. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Doch auf diese Weise waren die Tulpen jederzeit über die Zeit informiert. Dementsprechend groß dann zehn Minuten vor Ende die Erleichterung, als wieder einmal eine Flanke durchrutscht und Marek Dutschke innerhalb des Sechzehners zum Schuss kommt. Auch der wäre wohl wieder in den Armen des Autoren-Torwarts gelandet, doch diesmal stellte ein Autoren-Verteidiger seinen Fuß dazwischen und fälschte unhaltbar ab. Der heldenhafte Kampfesmut der Schreiberlinge blieb unbelohnt.

Diese stellten nun sofort um und nahmen das Spiel in die Hand, drückten die Tulpen ihrerseits immer wieder in deren eigene Hälfte. Dies führte schließlich zu einer Ecke in der 90. Minute. Ausnahmslos alle Schriftsteller sind nun im Strafraum der Tulpen. Selbst der Torwart, im Hinspiel noch der Schütze zum Ausgleich, steht im Zentrum der Schlacht einschussbereit. Sollte es einen Fußballgott geben, muss der doch eingreifen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Gerry Hillringhaus erzielte so einst per Seitfallzieher das wunderschöne Tor des Monats, Frank Rost rang mit einem Tor in der Nachspielzeit einst nach einer Ecke Rostock noch mit 4:3 nieder, als Armin Veh schon wutentbrannt den Innenraum des Stadions verlassen hatte, nachdem Werder erst in der 89. Minute das 3:3 erzielt hatte. Nun also die Eleven der deutschen Literatur, die sich aus der Unwissenheit der Fußball verächtenden Intellektuellen hervorheben.

Die Ecke fliegt herein, ein Autor kommt mit dem Kopf an den Ball, aber es ist nur der Autor dieser erbärmlichen Kolumne, nicht ein Vertreter der schönen Künste. Doch die Kopfballabwehr in die Mitte gerät zu kurz. Noch einmal läuft der Ball in den Tulpenstrafraum, der Spielführer der Autoren kommt frei zum Schuss. Und um wenige Zentimeter streicht der Ball über das Aluminium und einen fairen Abschluss eines großen Kampfes hinweg. Das Spiel ist aus, aus, aus.

Fazit:

Respekt verdient die Geduld der Tulpen, aber noch mehr die aufopferungsvolle Abwehrschlacht der Autoren. Franz Beckenbauer hat es schon immer gesagt: Fußball wird im Kopf entschieden. Die mentale Stärke der Tulpen hat gewonnen. Wie in der Politik siegt am Ende langfristig die wahre Überzeugungskraft spielerischer Kultur linken Fußballs über die Strapazierfähigkeit geduldigen Papiers. In diesem Sinne muss auch dieser Bericht gelesen werden.