Grüne Tulpe - Nationalmannschaft der Schriftsteller: 5:1

 

Die Kommentatoren-Nationalmannschaft

Wenn Fußballer noch keine Kinder haben, gibt es Samstagabends Bundesliga. Jeden Samstag. Seit SAT1 mehr Werbepausen durch mehr Interviews ermöglichte, wurden zwar weder Spielanalysen intelligenter noch die Unterhaltung besser, aber es entstand eine neue Nationalelf: die Interview-Nationalmannschaft. Damals waren das Manni Schwabl (nur mit Untertiteln verständlich, die es aber nie gab), Joachim Hopp (der "Leck-mich-am-Arsch-Effekt", was immer er damit auch meinte), Andi Brehme ("- - -", was schon seine inhaltsstärkste Antwort war). Aber warum sollen die auch geschliffen antworten können auf Fragen, deren Sinngehalt den der BILD-Zeitung bei weitem unterbietet? Nein, diese Art der Kommunikation gehörte nicht zu ihren Kernkompetenzen.

Die Grüne Tulpe besteht inzwischen zunehmend aus (mehrfachen) Vätern. Die Bundesliga-Spieler kennen wir zum größten Teil nicht mehr. Und die Montagabend-Spiele sind eigentlich auch nur noch der Wiederhall einer immer ferneren ambitionierteren aktiven Vergangenheit. Aber an diesem Montagabend durften wir gegen eine Nationalelf spielen - immerhin. Die Nationalelf der Kommunikationskompetenten.

Beide Teams traten heute nahezu in Bestbesetzung an, was einen Fight wie schon in einigen vorangegangenen Spielen versprach. Und so legten die Autoren auch gleich mächtig los. Ihr Mittelfeld ließ die Tulpe nicht zur Entfaltung kommen, sondern schnürte sie in der eigenen Hälfte ein. Doch das hatten die Grünen inzwischen gelernt. Sie praktizierten ein Spiel des ruhigen Fußes. Kein gepflegter Spielaufbau, eher notgedrungen wurde das Mittelfeld schnell mit langen Bällen überbrückt. Doch Chancen blieben zunächst selten. Endlich mal ein gelungener Spielzug und gleich ein Freistoß rausgeholt. Aber das 1:0 dann doch eher überraschend aus dem Off.

André Bornstein will auch mal einen Freistoß schießen. Da ist er auch mit einem Ball in der Nähe der Mittellinie zufrieden. Zwar fehlt er als Kopfballungeheuer – im Sinne eines ungeheuren Streuwinkels bei fast 100% gewonnener Kopfballduelle – als Abnehmer im Strafraum, aber gerade dies ermöglicht der Grünen Tulpe diesmal das Tor. Denn so kommt keiner an den Ball, der einmal auftrumpft und dann ins rechte obere Eck springt. Gestört wurde dagegen die Sicht des letzten Schriftführers durch einen alten Bekannten. Die langjährige Tulpe Jürgen Stark war für ein paar Tage mal in der Stadt und durfte gleich wieder im gegnerischen Strafraum für Unruhe sorgen. Das gelang ihm gleich, denn durch seine Täuschung, den Ball erwischen zu wollen ohne es zu können, blieb der Torhüter kalt auf der Linie und die grüne Führung war da.

Sofort wollen die Sprachgenies das Heft wieder in die Hand nehmen. Doch schon die nächste Ecke für die Grünen fliegt über Abwehr und Torwart auf den zweiten Pfosten, wo diesmal Rückkehrer Jürgen Stark dann wirklich Ballkontakt aufnimmt. Er gewinnt das Sprungduell gegen seinen direkten Gegenspieler und köpft in athletischer Manier den Ball wuchtig zum 2:0 ins Netz.

Nun besinnen sich die Wortathleten ihrer wahren Stärke und reden mehr miteinander – allein es ist nur babylonisch. So kommentieren sie bald jede Regung von Schiedsrichter, Gemüt und Gegner und verlieren zunehmend den Blick fürs Wesentliche: den Nächsten, zu dem man passen soll. Da wird lamentiert: Sie fühlen sich gefoult, vom Foul-Spiel des Gegners übervorteilt, vom Schiedsrichter bei Fouls stets missdeutet und doch selbst gefoult.

Was eben noch Druck war, ist nun ein Albdruck. Hinten läuft derweil Weiland Hartwig Mayer jeden Angriff ab und vorne vergeben die Tulpen auf kurioseste Weise Chancen vor dem leeren Tor. Viel Zufall, wenig Spielkultur.

Die Hälfte Zwei beginnt und nichts verändert sich. Die Tulpen wechseln jetzt mehr und geraten gegen die Kommentatoren zunehmend in die Definsive. Doch die machen zu selten eine Chance daraus und kommentieren eifrig weiter.

Nach feiner Kombination will Tulpen-Mittelfeld-Leutschturm Julian Rieck den Ball aus einem Meter ins leere Tor schieben. Doch da schießt in letzter Sekunde der Gralshüter der deutschen Sprache heran und verteidigt in unglaublicher Weise des Deutschen Allerheiligstes, sein Tor. Julian kommt unsanft auf dem Boden der Tatsachen auf, in diesem Fall der Kunstrasen im Tor, wo er statt des Balles im Netz zappelt. Sein fragender Blick scheint noch nicht realisiert zu haben, dass dieses nicht sein Tor geworden ist. So mancher denkt in diesem Moment an Dietmar Jakobs und seine schlimme Einfädelung im Hamburger Tor in der Saison 89/90 beim Bundesligaspiel gegen Werder Bremen. Doch Julian muss zum Glück nicht mit einem Skalpell befreit werden und kann sogleich unverletzt die anschließende Ecke abwarten, die aber nix einbringt.  

Anders die der Schriftsteller. So gelingt es dem Heribert Fassbender des Feuilletons sich nach einer Ecke von links geschickt auf Hartwig Mayers Schultern aufzustützen und sein erstes Duell an diesem Abend zu gewinnen. Der Ball fliegt halb abgewehrt Richtung Strafraumgrenze, wo Waldemar Hartmann die richtige Stammtisch-Parole kennt und per Kopf und Bogenlampe zum Anschluss trifft. 2:1.

Nun könnte das Spiel kippen, doch die Tulpe verteidigt kämpferisch ihr Gehäuse. Zudem ist ja auch noch Christian Meuschke im grünen Kasten, der sich nicht noch ein Ding einnetzen lassen will. Ein Weitschuß eines Verfassers streift allerdings nur knapp am Green Goal vorbei.

Ein paar Minuten später faustet dann der Torhüter der Kommentatoren den Ball nach einer schönen grünen Kombination Toffi auf den Fuß. Der kontrolliert das Spielgerät am Strafraum und schießt dann mit seinem schwachen Rechten überlegt ab. Durch alle Verteidiger hindurch und am Torhüter vorbei, knapp neben den linken Pfosten. 3:1.

Doch das Spiel wogt weiter hin und her. Zweimal direkt hintereinander rettet Keeper Christian Meuschke gegen einen frei zum Schuss Gekommenen und macht dessen Leistung so zur Randnotiz.

Die Grünen greifen weiter früh an, reißen so Löcher ins eigene Mittelfeld. Auch wenn die Abwehr heute sicher steht, machen sie den Spielaufbau fast nur durch lange Bälle. Ein solcher wird von Born per Kopf verlängert in den Lauf von Sebastian Tschirbs. Der legt den Ball irgendwie am letzten Mann vorbei, tankt sich hinterher und schießt den Ball noch gerade mit der Fußspitze am herauslaufenden Torwart vorbei ins Netz zum 4:1. Ein wunderschönes Tor und dazu noch sein erstes im Dress der Grünen Tulpe! Glückwunsch!

Doch noch ist nicht Schluß. Als dann doch noch eine Ecke von rechts auf Andrés Stirn landet -allerdings auf die Schultern eines literarischen Riesens gestützt- der Ball dann doch mal von seinem Köpfchen im Tor.  5:1. Endstand.

Bleibt nur noch das Resümee:

Nicht durch besseres Spiel, sondern durch einige bessere Spieler konnte sich die Grüne Tulpe durchsetzen. Und auch wenn ihre Chancen ihr noch weit mehr Tore erlaubt hätten, drückt das Ergebnis nicht den Unterschied zwischen beiden Mannschaften an diesem Abend aus.

"Das hätte auch andersrum ausgehen können" ist der Schlusskommentar – von den Tulpen.