Grüne Tulpe - Rotation Prenzlauer Berg 2:1

"Ich spürte seinen Atem in meinem Nacken, aber er kam einfach nicht an mich heran!"

Fußball ist eine Metapher für das ganze Leben. Es gibt Regeln, in deren Rahmen das Spiel zu spielen die weitaus größere Herausforderung ist als durch Fouls zu gewinnen. Es gibt die Guten und die Bösen, die im ewigen Widerstreit stehen. Es gibt Mannschaften von Individualisten, in denen jeder seine persönliche Leistung zelebriert, und es gibt Mannschaften, die das Zusammenspiel von Individualisten zelebrieren.

Natürlich ist Maradonas Tor gegen England 1986 für alle Zeit unvergessen, aber das Zusammenspiel der Rumänen eingeleitet vom genialen Hagi und abgeschlossen von Dumitrescu gegen Argentinien 1994 bescherte uns den schönsten Treffer des Turniers. Es gibt die, die spielen, um andere zu unterwerfen, und es gibt die, die spielen, um andere zu integrieren – Menotti sah darin den Unterschied zwischen Rechten und Linken. Am Ende unterscheiden sich diese Auffassungen des Fußballs darin, ob das Spiel zählt oder das Ergebnis. Und weil Fußball etwas über die Persönlichkeit jeden Spielers aussagt – die Wahrheit liegt auf dem Platz – unterscheiden diese Auffassungen von Fußball auch ganze Auffassungen des Lebens, der Gesellschaft und der Politik.

Welche Auffassung die Grüne Tulpe vertritt, ja vertreten muss, ist nachgerade definitorisch durch ihre Historie und Herkunft festgelegt. Und eigentlich gleichen die Gegner der Tulpe ihnen auch immer in dieser Grundeinstellung. Eigentlich, nicht immer.

Rotation Prenzlauerberg, die inzwischen nach Kreuzberg umgezogen sind, hatten kräftig eingekauft, um endlich die Tulpen einmal zu schlagen. Eine Truppe laufstarker und ambitionierter Individualisten forderte an diesem Abend die Grüne Mannschaft. Der nasse, seifige Untergrund verlangte aber ein gepflegtes Zusammenspiel. Schnelligkeit und lange Pässe mussten hier vergebens sein. Lernfähige Teams erkennen das recht schnell und stellen ihr Spiel darauf ein, ein Haufen Einzelkämpfer wirkt da eher hilflos.

Und so entwickelte sich ein Spiel, das hart umkämpft, oft von Undiszipliniertheiten auf beiden Seiten geprägt, aber immer nach dem gleichen Schema ablief: Lange Pässe auf das Tor der Grünen endeten im Toraus, beim Torwart oder wurden gerade noch an der Grundlinie erreicht und zu Flanken verwertet, die allesamt von der in diesen Situationen nicht immer sattelfesten Tulpen-Abwehr geklärt werden konnten. Die zahlreichen Ecken brachten dann den Rotierenden einige Torsituationen.

Auf der anderen Seite verloren die Tulpen viele, zu viele Bälle im Spielaufbau, kamen aber, wenn sie den Ball bis vor das gegnerische Tor tragen konnten, zu einigen herausgespielten Torchancen. So auch in einer Drangperiode der ehemaligen Ostberliner in Mitte der ersten Halbzeit durch einen perfekten grünen Konter: Torwart Markus Meyer brachte den Ball per Abwurf ins Spiel zur einzigen Spitze Christoph Scheich, der legte in die Mitte ab, langer Ball auf den rechten Flügel in den Lauf von Marek Dutschke, der bedient perfekt den im Zentrum mitgelaufenen André Bornstein, der ungehindert und souverän zum 1:0 abschloss. Es war übrigens sein 24. Saisontreffer und das so kurz vor Weihnachten!

Der Spielverlauf war nicht unbedingt auf den Kopf gestellt, aber die von der Zentripetalkraft zusammengehaltenen zeigten zu diesem Zeitpunkt schon den größeren Willen. Von Beginn an scheuten sie nicht vor kleineren Fouls zurück, die sie ununterbrochen mit dem Schiedsrichter diskutieren und den Tulpen als nicht nennenswert darstellen wollten. Während die Tulpen sich davon zunächst nicht behelligen ließen, wurden mit zunehmender Spieldauer und Diskussionsfreude der Willigen, aber nicht so richtig könnenden Kreisbewegten auch die Nerven der Tulpen dünner und ihre Disziplin und Selbstbeherrschung schwächer. Zumal die Kreiselnden kriselten und Körpereinsatz ihrerseits für grundsätzlich im Rahmen der Maße erachteten, sich umgekehrt aber über gestörte Kreise nur allzu leicht beschwerten und selten mit dem Schiedsrichter einer Meinung waren. So liessen sich dann schliesslich auch einige Tulpen zu Diszplinlosigkeiten und Schimpftiraden provozieren. Doch dies sollte denn auch ihre einzige Schwäche an diesem Abend sein, welche sie eigentlich schon längst abgestellt zu haben glaubten. Der Druck der Pirouetten-Dreher und ihr Eckenkonto wuchs, nicht aber ihr Torkonto. Ein auf der Linie von Marek Dutschke geklärter Kopfball blieb denn auch ihre größte Chance.

Die zweite Halbzeit setzte diesen Spielverlauf fort. Doch die Tulpen standen jetzt sicherer in der Abwehr, die in der ersten Halbzeit noch unterbesetzt war. Die gruene Mannschaft spielte zudem konzentrierter in der Offensive. Das Mittelfeld arbeitete konsequenter zurück und konnte so die laufstarken und schnellen Offensivkräfte, die in Halbzeit 1 immer wieder Überzahlsituationen herstellen konnten, perfekt binden und so im Regen stehen lassen. Dadurch kehrte auch zunehmend Ordnung in der Tulpenabwehr ein und die Tulpenverteidiger konnten ihre Positionen halten. So mussten ein individueller Fehler im sicheren Defensivzusammenhalt der Tulpen und eine geschickte Einzelleistung der Solotänzer die Wende bringen. Einwurf von links, die Tulpen passen den Ball unter Druck zurück bis in die Mitte, wo Außenverteidiger Dietrich Brockhagen ein kapitaler Schnitzer unterläuft und er den Ball dem aggressiv nachsetzenden Kreisläufer quasi in den Lauf legt. Der lässt sich nicht zweimal bitten und schließt zum 1:1 ab. Frenetischer Jubel der Kreisel.

Doch die Tulpen schalten sofort um und dominieren nun das Spiel wieder. Tresfore Dambe, ehemaliger Goalgetter, doch schon seit Monaten mit Ladehemmung, hat zwei erstklassige Einschusschancen nach Ecken. Er vergibt beide. Dann aber ein Pass von Linksverteidiger Sebastian Wienges aus der eigenen Hälfte, der die zentripetale Abwehr filetiert. Wieder kommt Tresfore Dambe an den Ball, läuft allein mit dem Leder auf das rotierende Prenzl-Tor zu, nur den wilden Atem seines Gegners im Nacken, doch der kommt einfach nicht an ihn heran. Nach einem Kreisel von Dambe im Gedenken an die Gegner in deren Strafraum schließt er zum 2:1 ins kurze Eck ab. Die Torflaute ist überwunden und das mit einem ganz wichtigen Treffer.

Denn kurz danach verletzt sich der starke Tulpenlibero Hartwig Mayer. Die zwölfte Tulpe Ahmed Sheriff spielt beim Gegner einen bis dahin souveränen Libero. Den wollen die noch wilder Rotierenden jetzt erst recht nicht hergeben, aber auch nicht ihren schlechtesten Spieler, der am Ende des Spiels tatsächlich keine einzige Minute Spielzeit auf dem Feld verbrachte. So viel zum Thema Freundschaftsspiel. Denn Rotation Prenzlauer Berg wollen nur eins: Siegen.  Egal wie. Und wenn die Tulpen eben nur noch zu zehnt spielen. Hier zeigt Rotation für welchen Fußball sie wirklich stehen. Wie war das nochmal: Es gibt die Guten und die Bösen, die im ewigen Widerstreit stehen. Rotation tat jedenfalls alles, um ja nicht zu den Guten gehören zu müssen.  Sie gieren nur nach dem Ausgleich und Ihre Unterlegenheit übersetzen sie in wüste Beschimpfungen.

Die Tulpe muss die letzte Viertelstunde also in Unterzahl spielen, aber sie sind es, die sich Chancen erspielen – und vergeben. Zuerst die größte Chance, wieder Tresfore Dambe. Er ist wieder allein vor dem Tor, nimmt den Ball an, kein Gegner stört ihn, legt sich den Ball zurecht, schaut und dann fängt er an zu denken – ein Fehler. Sein Schuss aufs lange Eck trifft den Handschuh des Torwarts.

Kurz darauf darf Markus Meyer noch sein Können zeigen.  Das erste und einzige mal an diesem Abend. Der Tulpe-Rückhalt kann wunderbar gegen den auf ihn zustürmenden Krisen-Kreisel Spielmacher im Herauslaufen klären. Danach wirken nur noch Zentrifugalkräfte, Rotation gerät weiter ins Schleudern und das Spiel ist endlich vorbei.

Fazit:

Rotation wollte mit allen Mitteln gewinnen, aber sie konnten trotzdem die Tulpe nicht brechen. Diese Niederlage haben sie sich dadurch mehr verdient als die Tulpen ihren Sieg.

Albert Camus bemerkte einmal treffend: "Alles was ich über die Moral der Menschen weiß, verdanke ich dem Fußball". Und  Jean-Paul Sartre ergänzte: "Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft".