Grüne Tulpe - Spanische Botschaft

Spanien ist das neue Italien

Sie gewinnen grundsätzlich nur mit 1:0, fallen bei der geringsten Berührung und fordern laufend Karten für den Gegner. Und nun sind sie Weltmeister. Fraglos verdientermaßen – insbesondere gegen Niederländer, die spielen, wie man es den Deutschen jahrzehntelang vorwarf. Den Rausch des "Fußball total" der Niederländer, der von diesen nach Barcelona getragen wurde und heute das Grundgerüst des spanischen Spielsystems bildet, aber von den Spaniern weniger berauschend, dafür ergebnisorientierter gespielt wird, wird längst anderswo genossen. Die Deutschen hingegen scheinen die neuen Niederländer zu sein– berauschender Fußball, aber im entscheidenden Spiel verlieren sie. Aber wer will so gewinnen wie die Spanier?

Louis van Gaals Ajax der 1990er, das das Spielsystem, mit kurzen Pässen den Ballbesitz zu maximieren, erstmals erfolgreich perfektionierte, war immer auf der Suche nach der Lücke zum Tor. Spaniens Tiqui-Taca hingegen maximiert nur den Ballbesitz, aber hat kaum Zug zum Tor. Chancen sind eher Zufallsprodukte.

Maradona sagte über die Spanier, dass sie die Tore an der Außenlinie suchen. Der Maradona, der wohl noch bevor seine Karriere richtig begann, daran zerbrach, dass Menotti ihn als zu jung nicht in die Seleccion zur WM 1978 berief und ihm so die Möglichkeit verwehrte, im eigenen Land zum WM-Helden zu werden. Dieser Menotti sagte nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1978, seine Spieler hätten die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt. In diesem doppelten Sinne verweigerte er Diktator Videla den Handschlag bei der Siegerehrung. Fußball ist demokratisch. Menotti versteht Fußball als die Entfaltung der Individualitäten der Spieler zum bestmöglichen kollektiven Spiel.

Aber der Rausch wird am Tag danach immer zum Kater – so auch nach dieser WM. Am Montag nach dem Finale musste die Tulpe gegen die zuletzt übermächtige spanische Botschaft ran – zweier Mannschaften, die ihren Individualisten die notwendigen Freiheiten geben. Doch wer gewinnt, liegt immer wieder am kollektiven Zusammenspiel der Individualisten.

Und dieses Mal zählte das Kollektiv der Tulpen 14 Spieler und das der Spanier nur zwölf – bei der brütenden Hitze ein nicht zu vernachlässigender Vorteil. So begann denn das Spiel auch durchaus schwungvoll. Die Tulpen wehrten sich mit einer Vierer-Abwehrkette und einem Fünfer-Mittelfeld. Aber die individuellen Geniestreiche der Spanier Ramon und seiner Unterstützer aus dem Mittelfeld stellten die Tulpen-Defensive ein ums andere Mal vor Aufgaben.

Meist blieben Andre Bornstein und Stephan Examitzki Herr der Lage. Doch einmal war ein Spanier dann doch schneller am Ball und flankte brandgefährlich in die Mitte, wo aber keiner mitgelaufen war. Was sonst auf Tor kam, fing der souveräne Jochen Schieborn weg. Vor allzu schwierige Aufgaben wurden die Tulpen so kaum gestellt und ließen kaum Chancen zu. Nach vorne ließen aber ihrerseits die Spanier den Tulpen extrem wenig Raum und was doch einmal durch kam, wurde vom eleganten Libero Sebastian Wienges weggefischt. So blieb das Spiel bis zur Halbzeitpause chancenarm, aber nicht uninteressant.

In der zweiten Hälfte mussten die Spanier der Hitze und den beschränkten Wechselmöglichkeiten zunehmend Tribut zollen. Die Tulpen konnten nun immer mehr das Spiel nach vorne verlagern. Im defensiven Mittelfeld sicherte Ratimir Britvec ab und zog die Fäden im Angriff, Ralf Südhoff dirigierte kongenial. Nur ein echter Abnehmer in der Spitze fehlte. Zu eng war dann doch die Deckung der Spanier, zu wenig Zeit zum Abschluss blieb den Tulpenstürmern. Und die Direktabnahmen blieben letztlich zu unpräzise.

Eine Kopfballchance nach Ecke für Andre Bornstein bedeutete letztlich ebenso wenig Gefahr wie ein Schuss von Markus Kurdziel. Noch am vielversprechendsten sah eine gefährliche Bogenlampe von Ralf Südhoff aus, die letztlich aber auch sicher vom Torwart über die Querlatte gelenkt werden konnte. Kurz vor Schluss dann doch noch einmal Spannung vor dem Grünen Kasten. Ein Freistoß. Als aber auch der geblockt werden konnte, wurde das Spiel kurz darauf abgepfiffen.

Unentschieden nach 90 Minuten – "Har, Har!" denkt sich da der Teutone. "Dann machen wir jetzt Elfmeterschießen. Da gewinnen wir immer!" Aber auch das ändert sich. Nach dem sechsten Stechen und Schütze Nummer elf gewinnt Spanien – wer sonst? Knapp – wie sonst? Und so endete ein schönes Spiel dann doch irgendwie mit dem verdienten Kater.