Grüne Tulpe - Umweltbundesamt

Was zählt eigentlich als Derby?

Natürlich kommt einem spontan eine offensichtliche notwendige (aber nicht unbedingt hinreichende) Bedingung in den Sinn: die zwei Mannschaften sollten aus der gleichen Stadt stammen. Doch ausgerechnet in diesem Punkt zeigen sich die Medien in ihrer 'Derby'-Benutzung eher beliebig. Man muss nur einen kurzen Blick auf die Spiele des letzten sogenannten "Derby-Wochenendes" werfen, um festzustellen, wie der begrenzende Begriff von "gleicher Stadt" bis zu "gleichem Bundesland" und sogar zu "gleicher vager geografischer Region" ausgeweitet werden kann. Auf diese Weise konnte das wohl keineswegs Derby-fähige Hannover 96 sogar gleich zwei "Derbys" innerhalb einer Woche spielen: erst das "Niedersachsen-Derby" gegen Wolfsburg und danach das "Nordderby" gegen Bremen. Wenn man nun die Tendenz den Begriff "gleiche vage geografische Region" einfach zu "gleicher vager Politiknähe" erweitert, dann kann man kurzerhand das heutige Spiel zwischen die Grüne Tulpe und Umweltbundesamt (UBA) durchaus als "Öko-Derby" bezeichnen. Klingt doch eigentlich ziemlich cool. Sowieso ist die Derby-Bezeichnung in diesem Fall mindestens so gültig, wie bei dem funkelnden Südwestderby zwischen Kaiserslautern und Hoffenheim (2:2 (0:1), wenn nicht gültiger.    

"Das war mit Sicherheit kein gutes Fußballspiel."-St. Pauli Trainer Holger Stanislawski bewertet das neueste Hamburg-Derby gegen HSV.

Ein Derby ist immer ein besonderes Spiel. Die für gewöhnlich konkreten Ziele eines normalen Ligaspieles verschwinden und in ihrer Abwesenheit verlieren die Mannschaften ihren Halt. Alle Perspektive geht verloren. Statt eines einfachen Kampfs um einen guten Platz in der Liga, entsteht ein finsterer Konflikt, der nichts Geringeres als ein Kampf mit dem eigenen Selbst ist.

Und so passierte es an diesen Montagabend, dass die technisch überlegende Grüne Tulpe etwas zurückhaltend, fast behutsam an ihr schattenhaftes Andere herantrat; als hätten sie Angst, dem Gegner den tödlichen Schlag zu versetzen. Ballbesitz schien in der Anfangsphase das Exklusivrecht der Grünen zu sein, aber von effektiver absichtlicher Ballbewegung konnte gar keine Rede sein. Stattdessen bummelte der Ball schwerfällig im Niemandsland, wo Grüne Mittelfeldspieler ihn bequem annehmen und dann weiter ins Bedeutungslose schicken konnten.

Zum Glück waren die UBA-Kicker genauso vorsichtig und unbestimmt in ihrer Abwehr und zögerten nicht, den Tulpen notwendige Gelegenheiten anzubieten. In der 20. Minute faustete der UBA- Keeper einen harmlosen Fernschuss nachlässig weg. Den daraus folgenden Nachschuss von Marek Dutschke schaffte er gerade noch zu halten, aber gegen Simon Bruhns trockenen Nachschluss war er chancenlos. 1:0 für die Grüne Tulpe.

Das 2:0 kam kurz darauf, nach einem spektakulär unglücklichen Abstoß ("Abstoß" wird bestimmt bei UBA's nächstem Trainingslager auf der Aufgabenliste stehen).  Der Ball gelangte an den flinken Fuß Bornsteins, der nicht weit vom Strafraumbogen stand. Der nahm sich zwei Schritte Zeit, sein Gewissen zu befragen, und dann schoss dann den Ball gnadenlos ins lange Eck. Jetzt hatten die Tulpen zwei Stufen, mit welchem sie sich aus dem psychischen Sumpf ziehen konnten. 

"--Hypocrite adversaire, --mon semblable,--mon frère! "

-Der spät eingewechselte BVB-Stürmer Charles Baudelaire an Torwart Manuel Neuer während des Pott-Derbys zwischen FC Schalke und Dortmund.

Wer in dieser Partie Cain spielen würde und wer Abel wurde kurz vor dem Seitenwechsel beschlossen. Ein fulminantes Steillaufen durch den Strafraum von Aaron Greicius erzeugt ein großes Vakuum dahinter. Außenverteidiger Markus Meyer brachte daraufhin eine perfekte Flanke an den Elfmeterpunkt, wo der schon abgehobene Bornstein mit einem ungeheueren Flugkopfball ins Kreuzeck abschloss. 3:0. Einen Augenblick lang blieb Bornstein noch auf dem Boden liegen und es sah zunächst danach aus, als wollte er dort noch länger verweilen. Doch schließlich stand er wieder auf: in seinem mit Kunstrasen verputztem Gesicht breitete sich nun ein riesiges Grinsen aus. Endlich war die Freude ins grüne Spiel zurückgekehrt!

Trotzdem waren die Tulpen zur Halbzeit mit ihrer Leistung noch nicht wirklich zufrieden. Um mehr Ordnung ins Mittelfeld zu bringen  entschied Trainer Sebastian Wienges in der Pause für ein Systemwechsel von 4-4-2 zum klassischen 3-2-3-2. Und das mit großem Erfolg, wie sich gleich zeigen sollte.

Mit dem Anpfiff zur zweiten Hälfte griffen die Grünen in der zweiter Hälfte mit Fokus und Absicht an. Der Ball war praktisch in der Grünen Hälfte nicht mehr zu sehen. Es gab aber dann doch einen Ausnahmefall. Die unterernährte Grüne Dreikette war langsam aber tief in gegnerisches Gebiet geschlichen, mit der Hoffnung auch etwas Beute zu machen. Somit wurde der an der Mittellinie geduldig wartende einzige UBA-Stürmer völlig vergessen.

Die allerste Möglichkeit und der Alleingelassene war auf und davon und sprintete Richtung Tulpe-Tor. Schlussmann Jochen Schieborn nutzte widerum den 50m Sprint des Gegners dazu, sein Herauslaufen genau zu timen und sich perfekt zu positionieren.  Aber der UBA-Bomber hatte sich eine perfekte Torvariante zurechtgelegt. Aus vollen Lauf schloß er mit einem großartigen Lupfer ins lange Eck über den chancenlosen Schieborn ab. 3:1.       

"He cried in a whisper at some image, at some vision—he cried out twice, a cry that was no more than a breath—'The horror! The horror!' "

Joseph Conrad beschreibt Kurtz' Tod in Heart of Darkness.

Diese Aktion erwies sich allerdings leider als letztes Aufbäumen der UBA Mannschaft, deren Platzpräsenz immer mehr schattenhaft und unsichtbar wurde und deren Spiel nur noch ein ausgedehnter Abschied zu sein schien. Zwei zusätzliche Tore waren die unvermeidliche Folge.

In 74. Minute gelangte ein abgelenkter Ball an den Fuss des rechten Mittelfeldspielers Dietrich Brochhagen, der den Ball direkt drehend ins kurze Eck beförderte. 4:1, Dietrich konnte damit sein erstes Ligator für die Grüne Tulpe nach seiner sehr schweren Verletzung feiern.

 Nur vier Minuten danach befand sich Kristoffer Born nach einem schönen Doppelpass von Aaron Greicius völlig frei vom Tor. Allerdings musste sich der grüne Kapitän an diesem Abend damit abfinden, noch ein wenig länger über das vor ein paar Spielen erreichte 250. Tor zu sinieren. Denn der UBA-Torhüter vermochte irgendwie, seinen Knaller-Schuss noch gegen die Latte zu lenken. Bruhn zeigte jetzt noch einmal die echte räumliche Intuition eines Stürmers. Er staubte den abgeprallten Ball ab, kassierte seinen Doppelpack, und schloß damit den Kreis in diesem Spiel. 5:1.            

Als sie die Runde machten und ihren besiegten Brüdern vom Umweltbundesamt die Hände gaben, war die Stimmung unter den Grünen aber doch irgendwie gedämpft. Zwar freuten sie sich über ihren Derbysieg und auf den Start in eine neue Siegserie. Trotzdem belastete sie gleichzeitig das triezendes Gefühl, dass auch hier etwas verloren ging, dass auch irgendein Teil des Selbsts mit verloren hatte. Ein komisches, finsteres Gefühl, das sie eifrig zu verstecken (ver)suchten, durch das obligatorische Dankesschön an Gegner und Schiedsrichter mit einem dröhnenden "Gut...Sport!"