Grüne Tulpe - X-Kicker

Lola staunt

Warum kann Fußball auf der Wiese mit Jackentoren bis 10 stundenlang friedlicher Ballzauber auf höchstem Niveau sein, aber, sobald das gleiche Spiel mit Trikots, Linien, Schiedsrichter, Spielzeit und Alutoren mit Netzen formalisiert wird, zu dumpfem Kampf verkommen? Denn schließlich kommen wir doch alle eigentlich von dieser Wiese. Das ist doch der wahre Fußball. Ich will nicht romantisieren. Natürlich haben wir uns auch auf der Wiese mal mit unserem besten Freund furchtbar gestritten. Aber bei beiden Spielen geht es doch in fast allen Fällen um genau gleich viel: gar nichts. Und dennoch brauchen wir einmal einen Schiedsrichter und einmal nicht. Vielleicht liegt es ja gar am Schiedsrichter. In Freudscher Interpretation stellt der für den ödipalen Fußballspieler die übermächtige, unnahbare Vaterfigur dar, der zugleich jede Verantwortung für alles regelwidrige Tun abnimmt und für eben dies streng bestraft. Einzige Möglichkeit dieser faszinierenden Inkorporation von absoluter Macht zu begegnen ist es daher quasi Foul zu spielen. Ist das der wahre Antrieb des Fußballspiels?

Oder ist es spieltheoretisch gedeutet der fehlende Schatten der Zukunft zweier mehr oder weniger einander unbekannter Mannschaften, deren Individuen sich in der Anonymität der Industriegesellschaft kaum in einem anderen Kontext wieder begegnen werden? Meine ganz persönliche Vermutung ist ja, dass das Spielende bei 10 Toren für eine der Mannschaften wesentlich gnädiger ist, als die unerbittlich verrinnende Zeit, die dem Fußballspieler in jeder Sekunde die Endlichkeit seines Daseins selbst grausam spüren lässt. Da ist die Hoffnung, bis 10 den Rückstand schon wieder wett zu machen, oder die Sicherheit, einen aussichtslos hohen Rückstand ohnehin nicht noch aufholen zu können, schon menschlicher.

Wie dem auch sei, ist die häufige Wiederholung von Fouls in Verbindung mit Lamentieren, Abstreiten der Regelwidrigkeit und umgekehrt lautstarken Protesten, wenn der Gegner sich gar zur Wehr setzt, bei Spielen mit der Bedeutung von denen der Tulpen doch immer wieder erstaunlich. Noch erstaunlicher war aber der Verlauf des Spieles an diesem Montagabend.

Zum Spiel:

Die Grünen Tulpen begannen offensiv und überlegen, ließen ein oder zwei Gegner Mann gegen Mann aussteigen, erspielten sich mit wenigen Pässen Chancen und kamen schon nach fünf Minuten nach Anspiel von Andrea "Schnappi" auf Jörn Schneider im Strafraum zum 1:0. Der steht völlig frei vor dem Torwart, schießt den sogar noch an, doch der Ball fällt ihm wieder vor die Füße und er schiebt ihn ins leere Tor. Naja, manchmal kann man eben kaum anders, da ist man opportunistisch.

Und gleich darauf schlägt Aaron Greicius eine Ecke von rechts herein, bei dem im Football sich schon eine Angabe der Hang Time angeboten hätte. Die fällt auf den Kopf des völlig alleingelassenen André Bornstein, von dessen Stirn der Ball ins Tor abperlt. 2:0.

Es sind noch nicht mal 10 Minuten vergangen und die Grüne Tulpe führt 2:0. Eigentlich sind die X-Filmer gar nicht schlechter, im Gegenteil. Aber irgendwie hat der Film noch gar nicht angefangen. Das Ergebnis erinnert eher an einen glücklichen Zufall.

Es geht munter weiter und fast klingelt es schon wieder im X-Kasten. Tulpe Simon Bruhn hat nach herrlicher Flanke von Jörn Schneider noch die Gelegenheit per Kopf auf 3:0 zu erhöhen, aber er trifft leider nur den Tormann.

Aber langsam kommen die Medienvertreter in diesem Spiel-Film an. Sie laufen jetzt mehr, gehen den Bällen nach, setzen die Tulpen schon bei Ballannahme unter Druck, und legen deren technische Grenzen offen. Ein Angriff über links rutscht am bis dahin souveränen Libero Stefan Witt vorbei und wird von der Grundlinie über die gesamte Tulpenabwehr hinweggehoben, in deren Rücken allein mitten vor dem Tor der andere X-Stürmer steht und per Kopf zum Anschluss 1:2 trifft.

Viele Chancen erspielen sie nicht aus ihrer Überlegenheit, gegen die nun viel zu tief stehenden Tulpen. Aber der Ausgleich bahnt sich an. Und irgendwann ist es dann auch so weit. Ein geordneter Angriff sieht anders aus, aber Einsatz macht vieles wett auf Seiten der fleißigen Filmemacher. Nach einer Unordnung im Tulpe-Strafraum ist ein Regisseur-Bein schneller und schießt zum Ausgleich ein. 2:2 ist dann auch der Halbzeitstand, der angesichts der Spielanteile und dem permanenten Druck, unter den die Tulpen schon im Mittelfeld gesetzt werden, inzwischen eher schmeichelhaft ist.

Die zweite Halbzeit gleicht lange der ersten: viel Aufwand, wenig Chancen, aber eigentlich keine mehr für die Tulpen. Bezeichnend, dass die Führung dann aus einem missglückten Abstoß den grünen Liberos in den Fuß des Gegners resultiert, den der kompromisslos in die Maschen hämmert.

Nun führt die Überlegenheit auch zu Chancen. Ein geschickter Pass in die Spitze, Lola rennt und allein vor dem Torwart, halb hebt er, halb schiebt er den Ball ungehindert am Torwart vorbei. Doch Christian Griebenow hat aufgepasst und schlägt den Ball gerade noch vor der Linie weg. Ein Schmerzensschrei und dramatisches Wälzen am Boden folgen. Ob dies der vergebenen Chance gilt oder einer Berührung, bleibt ungewiss. Dem Schiedsrichter ist's gerade recht, was anderen billig ist, und er entscheidet auf Elfmeter. Doch Keeper Jochen"Goycochea" Schieborn hält den Ball, was – unter der Prämisse der Existenz eines Fußballgottes – die Frage nach der Ursache des Schreiens und Greinens zuvor beantwortet.

Nichts desto trotz: kurz darauf setzt der X-Mittelfeldmotor aus dem Halbfeld einen platzierten Flachschuss zum 4:2 ins rechte untere Eck und jetzt führen die Filmschaffenden mit 2 Toren Vorsprung.

Nun nahm das Spiel aber wieder eine erstaunliche Wende. Die unterlegenen Tulpen gewannen Spielanteile zunehmend zurück, erspielten sich jetzt wieder Chancen und setzten ihrerseits den Gegner unter Druck. Die verlegten sich aufs Kontern, aber ohne die notwendige Kontrolle des Spiels zu behalten. Im Gegenteil: Finn Pelke und Jörn Schneider wurden nun bei nahezu jedem Dribbling durch Fouls gestoppt, es sei denn sie waren zu schnell und ließen ihre Gegner ins Leere foulen. So arbeiteten sich die Tulpen teilweise in Fünf-Meter-Schritten von Freistoß zu Freistoß über das Feld. Jedes gepfiffene Foul wurde nun von den Zelluloid-Athleten als nicht der Rede wert bestritten. Ihrerseits sahen sie sich aber schon durch Pressschläge überhart attackiert: Lola flennt.

Ein langer Ball, Jörn Schneider läuft an einigen Verteidigern vorbei, Lola moniert Abseits und selbst als der Schiedsrichter andeutet, er sei da anderer Meinung, will keiner mehr der X-Men eingreifen. So kann Schneider in Ruhe den Ball vor dem Torwart stoppen, schauen und halbtrocken zum 3:4 einnetzen.

Ein Ausgleich würde den Spielverlauf auf den Kopf stellen, aber die Xer machen wenig Anstalten, sich noch an diesem Spiel groß zu beteiligen. So kommt die Tulpe tatsächlich zu Chancen. André Bornstein drückt einen Kopfball Richtung langes Eck. Der Verteidiger am Pfosten drischt den Ball unter die Latte, von wo er ins Feld springt. Aber von irgendwo muss er ihn ja unter die Latte gedroschen haben…

In genau dieser Phase gelingt den X-Filmern dann aber doch noch etwas. Ein abgewehrter Ball fällt dem wackeren Linksverteidiger vor die Füße, der nicht recht weiß wohin damit. Da schickt er eine herrliche Bogenlampe diagonal über den überfüllten Strafraum ins lange Eck. Ein unhaltbares 5:3. Damit endet dann auch der 90 Minüter.

Fazit: Ein angemessenes, irgendwie erstaunliches Ergebnis. Vermeintliche Überlegenheit schlägt nur allzu leicht in ihr Gegenteil um, wenn die wirklich guten Argumente fehlen. Ein 2-Tore-Vorsprung kann immer schnell wettgemacht werden, gerade dann, wenn das führende Team glaubt, dass Spiel schon längst gewonnen zu haben. Doch ein Spiel ist erst zuende, wenn der Schiedsrichter abpfeift. Diese Weisheit gilt übrigens nicht nur im Fußball...