Hessisch-Niedersächsische-Allgemeine - Grüne Tulpe

Pressing einmal anders

Die Grünen unterscheiden sich von denen anderen Parteien vor allem durch eines: Inhalte. Und das hilft dann auch Peinlichkeiten zu vermeiden. Als Renate Künast den Anstoß beim Rückspiel zwischen Hessisch-Niedersächsischer Allgemeine und Grüner Tulpe ausführte, versuchte sie nicht, wie weiland Edi Stoiber nicht vorhandenes Ballgefühl vorzutäuschen und einfach Richtung potentiellen Wähler loszuballern (Stoiber schoss 2002 beim Torwandschießen einer Wählerin ins Gesicht, Anmerk. d. R.).

Ganz im Gegenteil schwor sie ihre Tulpe noch einmal darauf ein und pflichtete darin dem Schiedsrichter bei, dass Fairness und die bessere Spielanlage in diesem Spiel entscheidend sein müssen und dass am nächsten Tag kein Bild des verletzten Chefredakteurs das Titelbild der HNA zieren solle. Der wiederum wies umgehend mit einem verschmitzten Lächeln darauf hin, dass diese Devise für die Presse selbstredend auch gelte und dass die Presse sowieso immer fair spiele. Wie erfolgreich Künasts Strategie im Wettkampf ist, sollte sich in diesem noch zeigen.

Während die Vertreter der vierten Gewalt ihre geballte Schreibkraft aufboten, mussten die Tulpen ihre Berliner Reisegruppe mit zahlreichen Kassler Sympathisanten auffüllen. Nicht eingespielt und auf ungewohntem Rasen wollte sich auf Seiten der Tulpe nicht wirklich ein flüssiges Spiel ergeben. Andererseits stand als Kernstück die Grüne Abwehr mit drei Tulpen aus Berlin – von denen eine Libero Thomas Flügge, inzwischen Kasseler Fraktionsgeschäftsführer ist – in altbewehrter Manier.

So blieben in der ersten Hälfte Torchancen Mangelware. Und wenn die Tulpen doch einmal zum Abschluss kamen, stand da ein überragender Keeper zwischen den Pfosten, der jeden Ball parierte. Gegen Ende der letzten Hälfte kamen so die Vertreter der Schreiberzunft immer besser ins Spiel und wurden formidabel von ihrem Alterspräsidenten Chefredakteur Seidenfaden organisiert. Und so hatte Keeper Jochen Schieborn seine erste Bewährungsprobe. Nach einer Ecke kommt ein Redakteur im Sechzehner frei zum Schuss, nimmt den Ball direkt und leitet die Hereingabe von links aufs Tor. Aber Schieborn hat aufgepasst und steht genau richtig. So bleibt es beim 0:0 zur Pause.

Für gute Laune am Rande sorgt derweil Nicole Maisch, die zwar fußballerisch ihre ersten Schritte mit einem Ball auf der Aschebahn macht, aber den direkten Zweikampf keinesfalls fürchtet, sondern den Tag mit ihren Wählern bei bestem Kaiserwetter genießt.

Die Pause nutzt die Tulpe für einige kleinere Umstellungen, so dass die Kasselaner Urgesteine Totten Fiege und Olli Künne nun nebeneinander in vorderster Sturmreihe spielen. Die kennen ihre Laufwege, wissen blind, wo sie dem anderen den Ball hinservieren müssen. Aus dem Mittelfeld kommt außerdem noch Unterstützung von Mustafa Gündar für die Offensive, der zwar eines der älteren Semester auf dem Platz ist, aber mit dem Ball auch auf Rasen umzugehen weiß. Dafür hat Flügge nun die Seiten gewechselt und verteidigt für seine Morgenlektüre.

Diese Grüne Unterstützung stabilisiert zwar die Hessisch-Niedersächsische Presse, aber destabilisiert die Tulpen-Defensive kaum, da ihrerseits Michaela "Birgit" Prinz aus dem Wahlkreisbüro der hessischen Grünen Vertreterin im Bundestag Nicole Maisch alles abräumt, was bis zu ihr durchkommt. Die Kräfte der Redakteure schwinden zusehends, und es werden zunehmend Angriffe schon vierzig Meter vor dem Tor mit hoffnungslosen Fernschüssen abgeschlossen.

Aber noch stehen die Reihen hinten geschlossen. Gündar nimmt bei einem seiner technisch anspruchsvollen Dribblings eine Berührung im Strafraum als Anlass zu fallen, allein fällt der Schiedsrichter die Entscheidung, den fälligen Elfmeter zu verweigern und den gefallenen Spieler vielmehr zu verwarnen, nicht derart aufzufallen.

Aber dann ist es soweit: Künne führt den Ball über links in die Gefahrenzone, ein Ruf von Fiege und die Hereingabe kommt passgenau. Fiege muss am rechten Pfosten nur noch den Fuß hinhalten zum 1:0.

Nun wehrt sich das Printmedium zu sehr unter Druck zu geraten. Doch ein Geistesblitz des Grünen Fraktionspraktikanten aus Köln Jörn Schneider, der den Ball gefühlvoll über die letzte Abwehrreihe in den Lauf von Olli Künne in den freien Raum hebt, bringt schon bald die vermeintliche Vorentscheidung. Künne netzt kompromisslos links oben in den Winkel zum 2:0 ein.

Und wieder ein Angriff über links. Aaron Greicius flankt auf Jörn Schneider, der per Kopf zu Totten Fiege verlängert und schon wieder ist der Ball im Netz. 3:0. Zu hoch und zu einfach ist das Ergebnis zu diesem Zeitpunkt. Ein langer Ball aus dem Mittelfeld auf einen bis vor kurzem noch in der Landesliga stürmenden Redakteur, ein Schuss, eine Berührung, und dieses mal ertönt der Pfiff. Elfmeter. Das lässt sich die HNA nicht nehmen. Perfekt von Lokalredakteur und HNA- Kapitän Burghard Holz in den rechten Winkel gezirkelt schlägt der Ball zum 1:3 ein. Keine Chance für Greenkeeper Jochen Schieborn.

Der lässt sich aber nicht lumpen und leitet wiederum nur wenig später mit einem langen Abschlag einen drei Stationen Angriff über Gündar auf Schneider ein – wohlgemerkt drei Stationen bis zum 4:1. Denn Gündar verlängert per Kopf in den Lauf von Schneider, der allein vor dem Torwart, den Ball so eben noch unter dessen Körper hindurch ins Netz schieben kann.

Noch zwei Minuten. Nun greift Flügge entschlossen an. Über rechts nutzt er seine Schnelligkeit und zieht an Freund und Feind mit Ball vorbei, dringt in den Strafraum ein und wird von der Kasseläner Leihgabe Jakob schlicht über den Haufen gerannt. Es folgt wieder das schon gesehene Duell. Dieses mal entscheidet sich Schieborn für die andere Ecke – zu früh. Er wird von Holz ausgeguckt und der Ball rollt dort, wo eben noch sein Bein stand, über die Linie zum 2:4.

Feixend folgt der Hinweis, dass das Hinspiel vor vier Jahren im letzten Wahlkampf ja 5:2 für die Tulpen endete und die HNA damit mit ihrer Leistungssteigerung durchaus zufrieden sein kann. Das wollen die Tulpen nicht auf sich sitzen lassen. Noch eine Minute? Da muss doch noch was gehen.

Ball zu Künne auf links und der setzt den Ball von der Strafraumgrenze mit einem trockenen ansatzlosen Schuss neben den Pfosten ins Netz. Und wieder einmal gewinnen die Grünen kurz vor Zieleinlauf die entscheidenden Prozente. 5:2 und täglich grüßt das Murmeltier. Nur Westerwelle glaubt jedes Mal, dass er bald Außenminister ist.