Bundestags-Hallen-Masters 2008

Mit Leviathan im Marie-Elisabeth-Lüders Haus

Warum ist eine beliebige Anzahl von Männern, sobald ein Ball in ihre Mitte rollt, nicht mehr dazu in der Lage, die Nichtigkeit ihres Tuns zu erkennen? Ganz zu schweigen von ihrer eigenen persönlichen Nichtigkeit. Da werden plötzlich x-beliebige Bälle zu spiel- ja beinahe lebensentscheidenden Situationen, da wird ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit oder die des Mitspielers und schon gar nicht die des Gegenspielers um jeden noch so geringen Vorteil gekämpft, da werden die sittlichen Errungenschaften aus 5000 Jahren zivilisatorischer Kulturgeschichte verdrängt. Homo homini lupus est, schrieb Thomas Hobbes und muss dabei an ein Hallenturnier gedacht haben.

Doch während in Frontabschnitten in militärischen Auseinandersetzungen, wo Frauen eingesetzt werden, die Verluste auf beiden Seiten besonders dramatisch sind, weil Männer den letzten Rest rationalen Handelns verlieren, unterscheiden sich Fußball und Krieg in dieser Beziehung doch deutlich. Die Anwesenheit von Frauen auf dem Fußballfeld hat zivilisierende Wirkung. Plötzlich spielen Männer Fußball, anstatt Fußball zu kämpfen. Sie ziehen nicht durch, wo der Ball nur eventuell, der Gegner aber mit Sicherheit getroffen wird. Und Tore werden nun weit unterhalb des Sinns des Lebens angesiedelt.

So geschehen in der letzten Minute des Spiels um Platz Sieben bei 1:0-Führung für das einzige Frauen-Team im zehn Mannschaften starken Feld, die sich schon in der Vorrunde hervorragend geschlagen – nein, eben nicht geschlagen, vielmehr gespielt hatten. Der Angreifer spitzelt den Ball über die schon am Boden liegende Torhüterin hinweg, der Ball tänzelt auf der Latte, fällt wieder herunter vor das leere Tor. Doch statt dass ein gewagter Kung Fu-Tritt des Angreifers den Ball über die Linie drückt, geht der das Verletzungsrisiko für die Torhüterin nicht ein und lässt den Ball unbehelligt in ihre Arme fallen. Dieser Moment war zweifellos der fußballerische Höhepunkt des Turniers, danach kam nur noch ein langer Abgesang, in den sich die Tulpe mit einer Finalniederlage (und ihrem bis dahin besten Spiel) nahtlos einreihte.

Zum Turnierverlauf:

Schon die Vorrunde kündigte an, dass die Tulpe weniger mit spielerischen als mit aktivistischem Angriffsfußball ihre Gegner beherrschen wollte. Ihre Überlegenheit äußerte sich mal in Spielanteilen, mal in Chancen, einmal auch in Toren, aber nie in einer überlegten und überlegenen Spielweise.

Das 1:1 im Eröffnungsspiel gegen Vorjahressieger und Gastgeber SG Bundestag war noch relativ ausgeglichen. Es folgte ein humor- und witzlos erkämpftes 4:0 gegen die Meister der Herzen aus der IT-Abteilung und ein 2:0 gegen das noch mit am spielstärksten auftretende Paul-Löbe-Haus, deren Bester wie weiland Franz Beckenbauer mit Schlüsselbeinbruch und auf die Brust gelegtem Arm spielte und von hinten heraus dominierte. Dass die Tulpe dieses Spiel gewann, hatte sie einer Defensiv-Disziplin reinster Huub Stevens-Schule zu verdanken. Und schließlich kamen sie sehr zum Jubel des Gruppen-Konkurrenten SG Bundestag im letzten Gruppenspiel trotz deutlicher Überlegenheit nicht über ein 1:1 hinaus, was mit einer durchaus diskussionswürdigen Schiedsrichter-Leistung und seltsamen Spielverzögerungen zu erklären war. Doch schon wenig später jubelte die Tulpe nicht, denn die SG Bundestag kam in einem Jahrhundertspiel nach 0:1-Rückstand und 2:1-Führung zu einer 2:3-Niederlage und so nicht mehr an Tabellenführer Tulpe heran. Die mussten nun anderthalb Stunden auf ihr nächstes nichtiges Spiel warten.

Das Finale begann mit einem Lattenkracher der Bundestagsverwalter, die in der Folge nicht mehr als genug taten, aber nicht unverdient zu einem 1:0 und 2:0 aus der Distanz kamen. Danach hatten die Tulpen ungefähr zwei hundertprozentige Torchancen allein vor dem Torwart, nutzten aber leider keine und verloren so sang- und klanglos das Finale.