Zwei Halbzeiten grün

Grüne Tulpe

Von Christian Salewski

In der achten Spielminute ist es plötzlich vorbei mit der Gelassenheit. Bis dahin hat der Spielertrainer der Grünen Tulpe nicht wirklich den Eindruck gemacht, als müsste er seiner Mannschaft etwas vorschreiben. Bis dahin. Dann verliert jemand im Mittelfeld einen Zweikampf und macht das, was jeder Trainer hasst: Er gibt den Ball verloren, bleibt erst stehen und joggt dann gemächlich dem Gegenspieler hinterher, der bereits fünf Meter Vorsprung hat. "André, ran da!", brüllt Sebastian Wienges aufs Spielfeld. Ansonsten beginnt das Spiel der favorisierten Grünen Tulpe gegen die Mannschaft der AOK Berlin erwartungsgemäß an diesem eiskalten Montagabend im Februar, an dem nicht ganz klar ist, ob der Kunstrasenplatz matt schimmert, weil er in gelbliches Flutlicht getaucht ist oder weil er gefroren ist. Das 1:0 für die Tulpen fällt bereits nach vier Minuten.

Vor der Partie hat Wienges wortlos einen DIN-A3-Bogen mit der Mannschaftsaufstellung an die Kabinentür im Berliner Poststadion geklebt und sich dann selbst die Schuhe geschnürt. Eine kurze Ermahnung, flach zu spielen und sich frei zu laufen, um anspielbereit zu sein, das war es. Mehr Ansagen braucht die Grüne Tulpe des Jahres 2008 nicht. Die Mannschaft kennt sich, sie ist eingespielt, sie gewinnt weitaus mehr Spiele als sie verliert.

Willy Ruhl lehnt sich gemütlich in seinem Schreibtischstuhl zurück und denkt nach. Nicht lange, aber doch so lange, wie es braucht, um sich an ein Fußballspiel vor 25 Jahren zu erinnern. "Unser erstes Spiel, das hatten wir gegen die Betriebssportmannschaft der Polizei des Bundestags. Das war unser erstes Spiel, das wir denn auch 12:1 verloren haben."

 

Ruhl ist das Urgestein der Grünen Tulpe. Damals, im Frühjahr 1983, als der HSV die Bundesliga-Tabelle anführte und später Deutscher Meister wurde, damals war er es, der von Joschka Fischer und Heinz Suhr aufgefordert wurde: "Willy, Du bist doch ein Bonner. Kannst Du nicht eine Fußballmannschaft aufbauen?" Also fragte Ruhl in der Fraktion, wer Lust auf Fußball, hatte. Er organisierte Gegner und Plätze. Und als die Sache Form annahm, meldete er dem Stadtsportbund eine Betriebssportmannschaft der grünen Bundestagsfraktion. Der Name war inspiriert von der Anschrift des Abgeordnetenhochhauses: im Tulpenfeld.

Auch das zweite Spiel ging verloren und das dritte. Eigentlich wurde immer verloren. Die Grüne Tulpe benötigte mehr als 20 Spiele, um ihren ersten Sieg einzufahren, gegen eine Mannschaft des Bonner Landeskrankenhauses. Ruhl muss noch heute lachen, wenn er an die Anfänge denkt. Er rollt mit seinem Stuhl nach links und greift in den kleinen Schrank, der neben seinem Schreibtisch im Jakob-Kaiser-Haus des Bundestages steht. "Diese Hosen hatten wir damals, Trikots gab es nicht", sagt er und zeigt eine grüne Sporthose, die man heutzutage höchstens beim Rosenmontagsumzug anziehen würde. Zu den Hosen kamen Unterhemden, beklebt mit der Sonnenblume, die damals das Partei- und Fraktionslogo war.

So ist das mit der Grünen Tulpe. Ihre Geschichte kennt zwei Zeitrechnungen, zwei Halbzeiten sozusagen. Es gibt die Bonner und es gibt die Berliner Zeit. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein. Markus Kurdziel, der seit 1987 für die Tulpe aufläuft und seit 1993 ihr Präsident ist, hat den Wandel mitgemacht, auf dem Spielfeld und daneben. Er bezeichnet die ersten Bonner Jahre als ein "wildes Gekicke", das dennoch seinen eigenen Charme besaß. "Inzwischen", sagt er, "können wir nicht mehr als Rumpeltruppe durch die Gegend ziehen." Die Grüne Tulpe tritt als Botschafterin der Bundestagsfraktion auf und bei allem Spaß am Amateursport soll sie auch die Professionalität vermitteln, mit der die Fraktion die politische Arbeit betreibt. Man kommt, selbst wenn man der ewigen Gleichsetzerei von Politik und Fußball skeptisch gegenübersteht, in diesem Fall nicht daran vorbei: Die Entwicklung der Grünen spiegelt sich auf dem Fußballplatz.

 

Kurz vor der Halbzeit fällt das 2:0. Wienges, der sich inzwischen eingewechselt hat, passt steil auf seinen Stürmer Ralf Südhoff. Der behält, wie man so sagt, die Nerven gegen den Torwart der AOK, der allerdings eher herausstolpert als eilt. 2:0, das ist Okay, aber auch nicht mehr. In der Halbzeit fordert Wienges mehr Konzentration. Keine langen Bälle in die Spitze, flach durchs Mittelfeld. Der Tonfall ist kollegial, aber bestimmt. Widerspruch gibt es keinen, auch nicht als der Trainer ankündigt, wer gleich aufs Feld darf und wer draußen frieren muss. "Das ist halt nicht mehr Sponti und auch nicht basisdemokratisch", sagt Wienges beim Bier nach dem Spiel. Vielleicht ist das Wort Disziplin etwas zu hoch gegriffen, um die Haltung der Tulpen-Spieler im Jahr 2008 zu beschreiben. Disziplin arbeitet schließlich mit Sanktionen. Es wirkt eher so, als hätten die Spieler von selbst verinnerlicht, dass nur Teamwork zum Erfolg führt. Verinnerlicht, dass das Ego sich unterordnen muss, dass, um in der Fußballsprache zu sprechen, die Mannschaft der Star ist.

Es war, glaubt man den Erzählungen, ein längerer Weg zu dieser Einsicht. Gespielt wurde, abgesehen von Ausnahmen, schon immer montagabends. Das war in Bonn nicht anders als heute in Berlin. Zu den Gegnern zählten Betriebssportmannschaften, Mannschaften von Bundes- und Landesministerien, von ausländischen Botschaften, von Freiwilligen Feuerwehren, eben von allen, die sich sportlich mit den Grünen messen wollten. Willy Ruhl war derjenige, der sich um den Platz, den Schiedsrichter, die Verpflegung kümmerte. Er wurde zum Manager der Grünen Tulpe und manchmal eckte er bei den Kollegen in der Fraktionspoststelle an, weil die Organisation so viel Zeit verschlang. Es mag sein, dass es an diesem Engagement liegt, dass Ruhl noch immer leicht sauer werden kann, wenn er von den anfänglichen Disziplinlosigkeiten erzählt, die er "typisch grünes Chaos" nennt. Es blieb mehr als nur ein paar Mal an ihm hängen, einem enttäuschten Gegner zu erklären, warum nur sechs, sieben Spieler bis zum Anpfiff erschienen waren, obwohl er doch um 14 Uhr noch eine ganze Mannschaft beisammen hatte. In einem Rundschreiben an die Mitglieder aus dem April 1988 äußerten Uwe Günther, der damalige Vereinspräsident, und Willy Ruhl die Befürchtung, "dass alles Sinnen und Trachten, alle Hoffnung und alle Phantasie der Vereinsmitglieder nicht wie in der Vergangenheit auf den Sieg der Mannschaft gerichtet ist". Sie schrieben die poetischen Zeilen mit einem Augenzwinkern, aber ernst gemeint waren sie schon. "Ja, es war Chaos damals, aber ein liebevolles Chaos", sagt Ruhl.

Das war neben dem Platz so, aber ähnlich war es auch auf dem Platz. Die Tulpe hatte in den Anfangsjahren viele erstklassige Fußballer in ihren Reihen. Matthias Kreuzeder hatte in der Bayernliga gespielt, Wolfgang Bayer sogar in der 2. Bundesliga und Ludger Volmer war ein exzellenter Torwart, der nicht umsonst den Spitznamen, "die Katze von Ückendorf" trug. Das Potenzial war groß, aber kaum einer hielt sich an die Taktik. Wenn dann noch die Großen der Fraktion aufliefen, dann stand sich die Mannschaft nicht selten selbst im Weg.

Mehr als einmal gerieten Joschka Fischer, der in der Mitte stürmte, und Hubert Kleinert, der ihn als Rechtsaußen bedienen sollte, aneinander. "Der Fischer hat die Bälle doch immer verstolpert, weil die Technik doch sehr bescheiden war", erinnert sich Kleinert. Etwas Ähnliches muss er wohl auch damals gesagt haben, als er und Fischer plötzlich aufeinander losgingen. Der Schiedsrichter unterbrach das Spiel. Ruhl musste die beiden Hitzköpfe trennen.

Eckball für die Grüne Tulpe. "Jetzt ein Kopfballtor!", ruft der eben ausgewechselte Marek Dutschke aufs Spielfeld. Er steht mit einer Flasche Wasser an der Seitenlinie und dampft vor Schweiß. Einen Moment später steigt Wienges am Fünf-Meter-Raum hoch und köpft den Ball, den der Mannschaftskapitän Kristoffer Born alias Toffi perfekt hereinzirkelt, ins lange Eck. Dass das Tor auf Zuruf fällt, ist Zufall, klar, aber irgendwie passt es ins Bild. Denn in den Berliner Jahren ist aus der Grünen Tulpe eine eingespielte Truppe geworden. Die Jahresstatistiken weisen seit 2001 durchweg mehr Siege als Niederlagen aus. Im Jahr 2004 etwa wurden 26 Spiele gewonnen, bei nur sechs Niederlagen und zwei Unentschieden. Im Protokoll der Jahreshauptversammlung der Tulpe von 1997 heißt es dagegen noch: "Die Bilanz könnte besser sein, wenn in Zukunft das Kassieren dämlicher Tore reduziert wird."

Wenn Ratimir Britvec den Erfolg erklären soll, benutzt er Begriffe wie "psychosoziale Grundlage der Mannschaft" oder "Soziometrie der Mannschaftsteile". Britvec wird innerhalb der Tulpe "unser Philosoph" genannt und tatsächlich war er es, der der Mannschaft nach dem Umzug aus Bonn eine Art Philosophie gegeben hat. Britvec, der in seiner Jugend bei Roter Stern Belgrad gespielt hat und ausgebildeter Fußballtrainer ist, übernahm 1999 die Aufgabe, dem Spiel der Tulpe als Trainer System zu verpassen. Er bildete Mannschaftsteile, die es vorher so nicht gab. Er stellte die besseren Spieler in die Abwehr, um von hinten ein sicheres Spiel aufzuziehen. Er ließ im jährlichen Trainingslager Taktik üben und schaffte so einen Rahmen, an dem sich alle orientieren konnten. "Es hat nach dem Umzug etwa zwei Jahre gedauert, bis eine Art gewachsene Ordnung entstanden ist. Seitdem hat die Mannschaft ein Profil bekommen und ist viel besser geworden", sagt Britvec bei einer Zigarette im Hof des Jakob-Kaiser-Hauses und stellt seine Tasse Kaffee auf den Pfosten, an dem der Aschenbecher befestigt ist. "Es ist fast wie in einem Verein eine Tradition entstanden, die es jedem Neuen erleichtert, sich schnell zurechtzufinden. Ich meine, dass das der größte Erfolg ist." Vier Jahre lang war Britvec Spielertrainer, bevor ihm die Belastung zuviel wurde. Ihm folgte Wolfgang Helm, der inzwischen im Europäischen Parlament arbeitet. Dann kam Sebastian Wienges. Britvec macht nicht mehr die Aufstellung, aber er spielt noch immer mit in der Mannschaft, die seine Handschrift trägt. Schräg gegenüber von Britvecs Schreibtisch in der Fraktionspoststelle steht ein Regal, in dem sich die Pokale stapeln, die die Tulpe bei Turnieren gewonnen hat, viele davon unter seiner Leitung.

Eine Trophäe fehlt allerdings. Der Pokal für den Sieg bei den Deutschen Alternativ-Meisterschaften. Vier Mal hat die Grüne Tulpe an dem beliebten Einladungsturnier teilgenommen, dass im Modus der Weltmeisterschaft ausgetragen wird: 1989 in Köln, 1998, 2000 und 2006 in Regensburg. Nach der ersten Teilnahme war man noch stolz, nicht Letzter sondern Vorletzter geworden zu sein. 2006 wurde die Tulpe immerhin Elfter der 24 teilnehmenden Mannschaften. Es waren große Turniere mit vielen Zuschauern. Das Medienecho war riesig, nicht zuletzt, weil es Wettkämpfe zwischen Mannschaften waren, die sich ausnahmslos als politisch alternative Mannschaften verstanden.

 

"Wir sind das, wo die Fraktion nix für kann. (frei nach Adi Preissler) Wir sind der wilde, ungezügelte Trieb, die Libido von Partei und Fraktion", stand in der Bewerbung für das Turnier 1998. Die ironische Distanzierung funktionierte. Die Grüne Tulpe bekam als Willkommensgruß von der ausrichtenden Mannschaft Piranhas Regensburg sogar ein 30-Liter-Fass Kneitlinger-Bockbier spendiert, "mit garantiert mehr als fünf Prozent".

Im vergangenen Jahr blieb die Einladung dann aus, nicht zum ersten Mal. "Wir werden regelmäßig nicht eingeladen, weil wir, seit die Grünen an der Regierung beteiligt waren, nicht mehr als alternativ wahrgenommen werden", sagt Markus Kurdziel. Bei dem Turnier in Regensburg im Jahr 2000 beschimpften einige der anderen Teilnehmer die Grünen-Spieler gar als Kriegstreiber. "Grüne galten wegen des Kosovo-Kriegs als Verräter in diesen Kreisen", erinnert sich Britvec. Es war ein Moment, in dem jedem klar wurde, dass die Grüne Tulpe keine x-beliebige Betriebssportmannschaft ist. Ein unschöner Moment, aber in der Summe überwiegen die schönen.

Tresfore Dambe läuft zum Freistoß an. Der Antritt ist kurz, aber mächtig. Er trifft den Ball Vollspann und umso erstaunlicher ist es, dass der Ball sich um die Mauer dreht wie ein Schuss mit dem Innenrist. Nach mehr als 20 Metern Flug schlägt er knapp neben dem Pfosten ein, unhaltbar, ein Traumtor. Damit steht es 6:0. Die Mannschaft der AOK Berlin gibt nun endgültig auf. Kurz zuvor musste sie bereits das fünfte Tor hinnehmen, ihr bester Spieler sitzt mit verletztem Knie am Spielfeldrand und es sind nur noch wenige Minuten zu spielen. Manchmal hat Aufbäumen keinen Sinn mehr.

Eine Erfahrung, die auch die Grüne Tulpe machen musste. Nachdem die Grünen bei der Bundestagswahl 1990 im Westen an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert waren, saßen lediglich acht Abgeordnete der ostdeutschen Liste Bündnis90/Die Grünen im Parlament. Es folgte die bittere Zeit des ruhenden Spielbetriebs. "Acht Abgeordnete und ihre Mitarbeiter, das waren einfach zu wenig Leute", sagt Markus Kurdziel. Die Grüne Tulpe musste wie die Fraktion eine Zwangspause einlegen. Was blieb, war "die Fahne der Grünen Tulpe hochzuhalten", wie Kurdziel es nennt. Direkt mit dem Wiedereinzug in den Bundestag 1994 ergriff er dann die Initiative, die Tulpe aus ihrem Winterschlaf zu wecken, mit Erfolg. Die Grünen wollten auf ihre Mannschaft nicht verzichten. Auf den Abstieg folgte der direkte Wiederaufstieg.

Der normale Spielbetrieb ist das Eine. Etwas Anderes, etwas Besonderes ist es, wenn die Grüne Tulpe international auftritt.

Dabei haben Spiele gegen ausländische Botschaften Tradition. Die Tulpe trat gegen die italienische Botschaft an und gegen die britische, gegen die sowjetische und später gegen die russische. Nach einem Spiel im Juni 1996 lobte der russische Botschafter Wladislaw Petrowitsch Terechow gar: "Die Grüne Tulpe hat sich um Deutschland verdient gemacht."

Gespielt wurde auch gegen nigerianische Menschenrechtler oder die Sieger der Gay World Championships, den Stonewall FC aus London. Doch egal, wen man fragt, die Antwort ist immer dieselbe, zumindest, wenn man die fragt, die dabei waren: Das legendärste Spiel der Grünen Tulpe war ein Auswärtsspiel.

1. November 1996, ein Freitag. Um neun Uhr morgens treffen sich 14 Tulpen-Spieler und drei Spielerfrauen. Sie machen sich auf gen Osten. Zum Essen kehren sie in der Brauergaststätte Pilsen ein. Erst gegen 20 Uhr erreichen sie nach langer Fahrt ihr Ziel, das Hotel Prokop in Prag. Zwei Tage später läuft die Tulpe im Stadion von Slavia Prag gegen eine Auswahl des tschechischen Außenministeriums auf. Politische Schwergewichte prallen im Namen der Völkerfreundschaft aufeinander: Die tschechische Auswahl um Vize-Außenminister Alexandr Vondra und Jugendminister Ivan Pilip auf der Einen, die Grüne Tulpe mit Joschka Fischer, Cem Özdemir, Rainer Baake und Manfred Morgenstern auf der anderen Seite. "Wir können heute den fußballerischen Unsinn mit dem politischen Sinn verbinden", sagt Fischer vor dem Ehrenanstoß, den Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer gemeinsam mit dem tschechischen Außenminister Josef Zieleniec ausführt. Selbst Staatspräsident Vaclav Havel stößt beim Empfang anlässlich des 50. Geburtstages von Grünen-Urgestein Milan Horacek dazu. Die Presse beider Länder berichtet ausführlich und wohlwollend darüber, wie "Prag und Bonn sich beim Fußball versöhnen" (Berliner Zeitung).

Am späten Sonntagabend kehrt die grüne Kolonne zurück nach Bonn. Die Mission in Sachen Völkerverständigung ist erfüllt. Fischer erklärt: "Wir wollten auf unsere Weise dazu beitragen, dass die deutsch-tschechische Versöhnungserklärung, auf dem weihnachtlichen Gabentisch liegen wird, wie der Kanzler es versprochen hat." Wenige Wochen nach dem Spiel, Anfang 1997, wird die Erklärung unterzeichnet. Und nebenbei: Die Grüne Tulpe gewann in Prag mit 3:0.

Weniger harmonisch, geradezu undiplomatisch geht es bekanntlich in der innenpolitischen Auseinandersetzung zu. Auch die Grünen haben ihren Clausewitz gelesen, aber das mit der Gewalt, das haben sie nicht so gern. Und so ist für die Kicker der Grünen Tulpe der Fußball, was dem preußischen Strategen der Krieg war: Politik mit anderen Mitteln ­­– zumindest, wenn es gegen den innenpolitischen Gegner geht. Markus Kurdziel bezeichnet die Spiele gegen Mannschaften von SPD, Union oder sogar der Jungen Liberalen mit gebotener Ironie als "Fußball mit Kratzen, Beißen, Spucken und Ärmel hoch". Fußball wie im vergangenen Jahr, als die Grüne Tulpe im Berliner Jahn-Sportpark auf die neu gegründete Fraktionsmannschaft der Linken, die Roten Socken, traf.

 

Es war eine Art Derby, verbissen geführt und geprägt von "unrühmlichem Wadenbeißerfußball", wie es im Spielbericht der Tulpe heißt. Es ging schließlich um die Frage, welche Fraktion den besseren linken Fußball auf den Rasen bringt. Die Grüne Tulpe schoss sechs Tore in dieser Schlacht um die fußballerische Vorherrschaft in der Opposition und kassierte nur eines. 6:1, eine Steilvorlage in den politischen Raum. Kurz darauf stichelte Renate Künast im Interview mit der Berliner Zeitung gegen Gregor Gysi. "Die Grünen haben ein eingespieltes Team: Das ist doch ganz logisch, dass wir gewonnen haben!"

Im Poststadion läuft die Nachspielzeit. Es ist inzwischen so kalt, dass die Auswechselspieler der AOK Berlin in die Wärme der Kabine geflüchtet sind. Die der Grünen Tulpe wippen in Erwartung des Schlusspfiffs von einem Bein aufs andere, gehüllt in dicke Sweatshirts und Trainingsjacken. Doch noch läuft das Spiel und noch gibt es die Chance, sich in der Torschützenliste einzutragen. Der letzte Angriff der Tulpe kommt über rechts. André Bornstein läuft sich frei, winkt, fordert den Ball, bekommt ihn und zieht in den Strafraum. Ein trockener, platzierter Schuss ins lange Eck, 7:0. Das Spiel wird nicht mehr angepfiffen.

Am nächsten Montag wartet ein neuer Gegner, wie beinahe an jedem Montag seit 25 Jahren. Ein Vierteljahrhundert zwischen Politik und Fußball. Die Grüne Tulpe ist bei aller Veränderung die Konstante im Fraktionsleben der Grünen. "Wir sind eine normale Betriebssportmannschaft, so wie die von Siemens oder von der BVG, nur wir sind halt die Mannschaft der grünen Bundestagsfraktion", sagt Markus Kurdziel. Und wenn man das "normal" und das "nur" weglässt, kann man ihm sogar glauben.