Rede von Claudia Roth

Deutsches Auslandsschulwesen

07.11.2019
Claudia Roth
Bundestagsvizepräsidentin Sprecherin für Auswärtige Kulturpolitik

Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): In einer Welt der Unordnung, in der Rechtsstaatsverächter, Demokratiefeinde, in der die Gegner von Gleichstellung und Pluralität nicht nur lauter, sondern auch stärker werden, in einer solchen Welt sind Bildungsfreiheit und Wissenszugänge, Austausch und Einblick in andere Lebenswelten von immenser Bedeutung. Bildung ist dabei nicht nur Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe, sondern auch Stabilisator von Demokratie und Motor von Entwicklung, umso mehr in einer Zeit, da sich Nachrichten auch dann blitzschnell verbreiten, wenn sie falsch sind, da Wissen gezielt manipuliert wird, da fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse öffentlich infrage gestellt werden, umso mehr in einer Welt, die uns vor beachtliche Herausforderungen stellt, umso mehr in einer Welt voller Krisen, Kriege und Konflikte.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, laut UNESCO-Weltbildungsbericht können 264 Millionen Kinder und Jugendliche weltweit nicht zur Schule gehen. Viel zu oft ist Bildung noch immer Privileg derer, die sich Bildung leisten können. Viel zu oft ist es auch nach wie vor eine Frage des Geschlechts, ob und wie weitgehend Bildung ermöglicht wird. Gerade deshalb bleibt es unsere Aufgabe und Pflicht, das Recht jedes einzelnen Menschen auf Bildung in den Mittelpunkt auch unserer Außenpolitik zu rücken. Bildung nämlich ist kein Luxus, sondern Menschenrecht. Nicht ohne Grund heißt es in Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung“.

So universell aber das Menschenrecht auf Bildung ist, so weltumspannend sollte unser Anspruch in der Verwirklichung sein. In einer globalisierten Welt bedeutet gute Schulbildung vor diesem Hintergrund auch Kenntnis über andere Sprachen und Wissen um den Reichtum, um die Vielfalt anderer Kulturen. Nur wer den Austausch über die Landesgrenzen hinweg früh kennenlernt und lernt, dass gemeinsame Probleme nur gemeinsame Lösungen kennen, wird die immer grenzenloseren Herausforderungen unserer Zeit entsprechend einordnen, womöglich gar zu ihrer Bewältigung beitragen können.

Für eine solche Schulbildung im Ausland wiederum ist das deutsche Auslandsschulwesen mit seinem großen Netzwerk unabdingbar. In diesem Zusammenhang begrüßen wir grundsätzlich, dass das Auslandsschulgesetz von 2014 nun seitens des Auswärtigen Amtes evaluiert wird. Der Weg dahin war lang und lässt es umso dringlicher erscheinen, dass wir nun nachjustieren und auf aktuelle Bedarfe reagieren.

Einer dieser Bedarfe sei beispielhaft erwähnt: Wie schaffen wir es, die Attraktivität unseres Auslandsschulwesens für Lehrerinnen und Lehrer zu erhöhen? Der Mangel an Lehrkräften nämlich und der Generationenwechsel unter ihnen machen leider auch vor den Auslandsschulen nicht halt. Es braucht hier gezielte Anreize und Unterstützung, die über das Bisherige hinausgehen. Gemessen am Gesamthaushalt des Auswärtigen Amtes sollte die Gewährung eines entsprechenden Handlungsspielraums hoffentlich Konsens sein.

Wir haben hier im Bundestag, insbesondere im Unterausschuss Auswärtige Kultur und Bildungspolitik, lange dafür gekämpft, dass Besoldung und Zuschüsse an Lebensrealitäten angepasst werden, dass Transparenz zu anderen Beschäftigten im Auslandseinsatz herstellt wird, dass der Auslandsschuldienst nicht zum Nachteil für die teilnehmenden Lehrkräfte wird – weder in ihrer aktiven Zeit noch im Ruhestand.

Es bleibt entsprechend zu hoffen, dass sich aus der anstehenden Überprüfung eine Verstetigung und Ausweitung dieser Versprechen an die Lehrerinnen und Lehrer ergibt. Unsere Auslandsschulen nämlich sind nicht weniger als Leuchttürme der Demokratie in unruhigen Zeiten. Sie verbinden Menschen und Gesellschaften, bisweilen auf Lebenszeit. Sie bauen Brücken und schaffen Verständigung, wo viele andere Kanäle schweigen. Gerade deshalb verdienen sie unsere volle Unterstützung.