Rede von Renate Künast

Entwicklungsziele in der Agrarökologie

27.06.2019

Renate Künast

Sprecherin für Ernährungspolitik Sprecherin für Tierschutzpolitik

Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Konzerne wie Bayer-Monsanto investieren Milliarden, um ihr gentechnisch verändertes Saatgut, ihre riesigen Maschinen, ihre hochgiftigen Pestizide und ihren klimaschädlichen Dünger in alle Länder dieser Erde zu exportieren. Dabei werden sie von vielen Regierungen, auch von Deutschland, tatkräftig unterstützt. Den Vorstandsvorsitzenden und den ihnen zugeneigten Politikern dämmert allmählich, dass das energieintensive, Artenvielfalt zerstörende „westliche, agrarindustrielle System“ kein Exportschlager mehr ist.

Trotz größter Anstrengungen, die bis hin zu faktischen Knebelungen bei Handelsabkommen gehen, ist es nicht der agroindustrielle Komplex, der die Welt ernährt. Noch immer sind es die Kleinbauern weltweit, die zu 80 Prozent die Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgen. Der Grund dafür: Landwirtschaft funktioniert dann am besten, wenn sie den regionalen Gegebenheiten angepasst ist, dem Boden, dem Klima, der natürlichen Flora und Fauna, aber auch der sozio-ökonomischen Struktur entspricht.

Landwirtschaft funktioniert dann am schlechtesten, wenn man mit der Brechstange ein System durchsetzen will, das gegen die Umwelt und gegen die Menschen arbeitet, das Raubbau an Mensch und Natur praktiziert. Daran ist schon die sogenannte Grüne Revolution gescheitert, daran scheitert gerade auch unser Ernährungssystem.

In dem indischen Bundestaat Sikkim kann man sehen, wie eine Agrarwende dazu beitragen kann, aus der Tretmühle der Agrarindustrie herauszukommen. Hier werden die ökologischen Systeme regeneriert, Ernährungssicherheit für die Menschen und Perspektiven generiert. Wie gelingt dies? Indem Agrarökologie innerhalb des gesamten Ernährungssystems zum Leitbild erklärt wurde.

Der Ministerpräsident, ein Agrarwissenschaftler, machte die Landwirtschaft zur Priorität und folgte einem systematischen Ansatz. Es gibt für Bäuerinnen und Bauern Schulungen, sie tauschen sich regelmäßig aus. In den Städten entstanden Markthallen, an den vereinbarten Markttagen werden Bauern durch ein System von Transportfahrzeugen zu den Märkten gefahren. Seit etwa vier Jahren ist jeglicher Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden und Düngemitteln verboten, die Einfuhr von konventionell erzeugtem Gemüse wird nur im Einzelfall erlaubt.

Damit ist Sikkim zu einem Vorbild in der gesamten Region geworden, der Nachbar Bhutan will bis 2030 auf 100 Prozent seiner Fläche Ökolandbau praktizieren. Die indischen Bundesstaaten Andhra Pradesh (50 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner), Uttarakhand (1,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner) und Kerala (35 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner) wollen dem guten Beispiel folgen. Kirgistan hat beschlossen, 100 Prozent ökologisch zu produzieren, auch Sansibar geht nun diesen Weg. Viele andere diskutieren es bereits. Klar ist doch seit dem Weltagrarbericht der UN: Die Welt wird sich nur agrarökologisch ernähren können. Der chemisch-industrielle Weg ist nicht vereinbar mit dem Kampf gegen die Klimakrise.

Es freut mich, zu sehen, dass Sie nun endlich die vielen Vorteile dieser Herangehensweise an die Landwirtschaft fördern wollen. Doch dürfen Sie sich anscheinend nicht trauen, der bei Ihnen noch so jungen Saat der Agrarökologie genügend Licht zu geben, weil man dafür die auch massive finanzielle Unterstützung der Agrarindustrie beschneiden müsste. Sie fordern von Minister Müller viel Richtiges, an das Ressort der Ministerin Klöckner trauen Sie sich aber nicht heran. Die gesamte Agrarpolitik Deutschlands und der EU stehen doch den hier erhobenen Forderungen diametral entgegen.

Dieser Antrag ist leider nicht mehr als ein Placebo für das siechende agroindustrielle System, daher lehnen wir ihn ab. Der Antrag verspricht mit wohlklingenden Worten, was er nicht halten kann, weil Sie sich weigern, eine wirkliche Agrarreform vorzunehmen. Es reicht nicht, ein paar schöne Projekte anderswo zu fördern. Wir müssen bei uns selbst anfangen, zum Beispiel beim Ende der Massentierhaltung, damit wir aufhören, das Ackerland anderer im Süden zur Futteranbaufläche zu degradieren, damit wir endlich das Recht auf Nahrung durchsetzen und die Souveränität anderer Staaten respektieren. Wir brauchen nicht einzelne Projekte, wir brauchen Agrarökologie und regenerative Landwirtschaft überall.