Rede von Renate Künast

Ernährung

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28.05.2020
Renate Künast
Sprecherin für Ernährungspolitik Sprecherin für Tierschutzpolitik

Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Fangen wir doch mal mit Corona an. Die Coronapandemie hat doch das Thema „Ernährung und Essen“ eigentlich wieder richtig nah an uns herangeführt. Man könnte also sagen, wenn man individuell betrachtet, was so auf dem Markt los war: Die Wertschätzung für Ernährung ist gewachsen, vor allen Dingen für regionale, für ökologische, für importunabhängige Lebensmittel. Plötzlich fangen die Leute an, Fotos vom gekochten Essen zu posten und zu tweeten, kaufen Mehl und alles, um wieder selber Brot zu backen. Also: Man sieht an dieser Stelle schon, dass da wieder ein gemeinsames Interesse am Essen entsteht.

Trotzdem: Es wurde noch etwas anderes durch Corona sichtbar. Es wurde eine Decke weggezogen, und was sich jetzt zeigt, ist, dass unser Ernährungssystem eigentlich gescheitert ist.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich will Ihnen sagen, warum.

(Stephan Protschka [AfD]: Weil Sie mal Landwirtschaftsministerin waren?)

Wir sehen nämlich jetzt die fast 10 Millionen Diabetiker, über die wir in unserem Land immer reden, meine Damen und Herren. Die sind jetzt eben nicht nur übergewichtig und krankheitsanfällig, nein, jetzt heißen sie „Risikopatienten“.

Wir haben noch mehr gelernt durch Corona, nämlich zum Thema Zoonosen. Wir haben uns in der Art und Weise, wie wir unsere Lebensmittel produzieren, weltweit so ausgedehnt, dass wir sozusagen immer weiter in die Wälder gehen, Kontakte zu Tieren haben, auf deren Viren wir gar nicht vorbereitet sind; die finden plötzlich einen neuen Wirt, und das ist der Mensch. Wir sehen an dieser Stelle durch Corona also auch, dass wir Raubbau betreiben, dass wir die Klimakrise verursachen, den Verlust an Artenvielfalt zu verantworten haben und unsere eigene Gesundheit gefährden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Man kann also sagen: Der Grund für die Pandemie ist die falsche Art und Weise, wie wir unsere Nahrungsmittel produzieren, Landwirtschaft betreiben und mit der Umwelt umgehen. Wofür wir plädieren, ist, dass wir genau diese Erkenntnis jetzt nehmen, umdrehen und sagen: Und deshalb brauchen wir jetzt eine Ernährungswende.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Nicht einfach ausdehnen, sondern Klasse statt Masse! Wir müssen jetzt auf Agrarökologie setzen, auf Bioanbau, auf durchaus mehr regionale Verarbeitung, ohne die Globalisierung gänzlich aufzugeben.

(Lachen des Abg. Stephan Protschka [AfD])

Aber die Prozentzahlen können schon noch steigen, meine Damen und Herren, vor allen Dingen die Zahlen bei der regionalen Wertschöpfung. Es müssen nicht nur große Lebensmittelkonzerne zur Wertschöpfung beitragen, sondern das kann auch hier, mitten in Europa, mitten in Deutschland, geschehen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir müssen auch die Politik der Städte entsprechend ausrichten. Die müssen den Landwirten eine Perspektive geben, genauso wie wir die EU-Agrargelder umbauen müssen, damit sie das hiesige Wirtschaften, das ökologischere, das verträglichere Wirtschaften finanzieren, meine Damen und Herren.

(Stephan Protschka [AfD]: Sie werden doch nicht national denken!)

Und dann müssen wir natürlich überhaupt an die Ernährungswirtschaft ran. Wissen Sie, die Lebensmittelwirtschaft hat die Menschen durch hochverarbeitete Produkte immer zuckerabhängiger gemacht, und in Wahrheit sind die Unternehmen selber auch zuckerabhängig, weil sie ihre Marken jetzt gar nicht mehr umbauen können hin zu Produkten mit weniger Zucker.

Also: Eine Ernährungswende muss her. Wir müssen diese Krise jetzt für einen Umbau nutzen. Wir haben gesehen: Im Ernährungsbereich gibt es so viel Kreativität, Verbindungen, neue Formen – online und offline. Diese Kreativität wollen wir erhalten.

Zum Ende möchte ich einen Wunsch äußern. Nachdem wir all das im Überblick sehen, was wir vorher kannten und seit Corona kennen: Wir müssen in Zukunft anders leben, anders wirtschaften und uns anders ernähren.

Vizepräsident Wolfgang Kubicki:

Frau Kollegin.

Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Wir müssen Schulen, Kitas und Kantinen, Stadt und Land sowie das Handwerk und regionale Wertschöpfung zusammenbringen. Das muss größer und stärker werden und nicht das Alte.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Stephan Protschka [AfD]: Richtig! Zurück zu Nationalstaaten!)

Vizepräsident Wolfgang Kubicki:

Vielen Dank, Frau Kollegin. – Es ist der Fluch der bösen Tat: Jetzt überziehen einfach alle in der gleichen Größenordnung. – Nächste Rednerin ist für die CDU/CSU-Fraktion die Kollegin Ingrid Pahlmann.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)