Rede von Harald Ebner

Digitalisierung in der Landwirtschaft

16.05.2019

Harald Ebner

Sprecher für Waldpolitik Sprecher für Gentechnik und Bioökonomiepolitik

Harald Ebner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die Landwirtschaft steht vor vielen Herausforderungen wie dem drohenden Artentod, der Nitratbelastung, aber auch der Klimakrise. Digitalisierung kann hier Beiträge für Lösungsansätze liefern.

Statt mit Glyphosat können Beikräuter selektiv mit intelligenten Feldrobotern ohne Gift beseitigt werden; am besten mit einstellbarem Biodiversitätsfaktor, sodass seltene Beikrautarten geschont werden. Intelligent gemacht ermöglicht uns Digitalisierung künftig auch den Anbau von Mischkulturen auf dem Acker mit vielfältigen Vorteilen wie geringerer Schädlingsanfälligkeit, besserer Absicherung gegen Wetterextreme und einer besseren Blütenversorgung von Bestäubern. Auch Züchtung kann digital enorm beschleunigt werden. Die digitale Vernetzung macht aus der Bäuerin wieder eine Züchterin. Dank Crowd Breeding eröffnen sich so ungeahnte Potenziale für die Züchtung neuer Sorten mittels biologischer Verfahren – ganz ohne Gentechnik. Und nicht zuletzt kann Digitalisierung die Betriebe erheblich beim Arbeitsaufwand entlasten, etwa bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten oder bei Dokumentationspflichten.

Solche Nachhaltigkeitspotenziale wollen wir gezielt heben. Digitalisierung ist dabei stets ein wichtiges In­strument. Als Allheilmittel für alle Probleme kann sie aber schwerlich herhalten.

Keine Technologie kann für sich genommen das Artensterben stoppen oder das Gülleproblem lösen. Bienenkiller wie die Neonikotinoide sind auch dann noch gefährlich, wenn sie satellitengesteuert in geringeren Mengen ausgebracht werden. Ein Transponderhalsband ändert noch nichts an nicht tiergerechten Haltungsbedingungen mit zu wenig Platz und ohne Auslauf. Sektorale Verbesserungen, also weniger vom Falschen, ist eben noch lange nicht das Richtige.

Einen klaren Kurswechsel in der Agrarpolitik kann die Digitalisierung nicht ersetzen. Aber sie kann uns helfen, Landwirtschaft nachhaltiger und zukunftsfest zu machen. Entscheidend dafür ist, dass digitale Ansätze Teil umfassender Lösungskonzepte im Rahmen einer echten Agrarwende sind.

Liebe Kolleginnen und Kollegen von Union und SPD, Ihr Antrag benennt einige wichtige Aufgaben der Politik wie die kostenlose Bereitstellung öffentlicher Geodaten, die Anpassung der Aus- und Weiterbildung, Gewährleistung von Datensicherheit und Datenhoheit und Technikfolgenabschätzung.

Zu Recht thematisieren Sie auch die Gefahr einer wachsenden Marktdominanz durch wenige Konzerne im Bereich Landtechnik. Sie schlagen dazu in Ihrem Antrag vor, ein Forschungsprojekt zur Schaffung einer Agrar-Masterplattform als Datendrehscheibe einzurichten, mit anschließendem Testmodul. Im Grundsatz ist das durchaus keine schlechte Idee. Aber haben wir noch die Zeit für jahrelange Forschungsprojekte? Dann könnte es schon zu spät sein, wenn wenige Großanbieter längst den Markt mit ihren Produkten und Standards so stark beherrschen, dass kein echter Wettbewerb mehr möglich ist. Wenn wir aus den Fehlern im Umgang mit Google, Facebook und Co lernen wollen, brauchen wir schnell verbindliche Regeln, die offenen Zugang, fairen Wettbewerb und Nutzerfreundlichkeit sicherstellen.

Keine Antwort liefern Sie darauf, wie wir sicherstellen können, dass auch kleinere Betriebe Zugang zu den teuren neuen Systemen bekommen. Dazu gehören etwa die Förderung und Beratung von Maschinenringen und die Lösung datenschutzrechtlicher Fragen, wenn Maschinen gemeinsam genutzt werden.

Das A und O der Landwirtschaft 4.0 ist eine gute Versorgung des ländlichen Raums mit schnellem Netz. Deutschland gehört bislang zu den Schlusslichtern bei der Glasfaserversorgung in Europa. Auch hier bleibt die Große Koalition konkrete Vorschläge schuldig, wie Sie das ändern wollen.

Besserung beim 5G-Ausbau ist leider auch nicht in Sicht. Die Ausschreibungsbedingungen für die 5G-Frequenzen führen zu teurem Parallelausbau der verschiedenen Anbieter, der sich aufgrund von Fehlanreizen weiter auf die Ballungsräume konzentrieren wird.

Und das Ziel 98 Prozent Haushaltsabdeckung bedeutet nicht mehr als 70 Prozent Flächenabdeckung. So bleibt der Trecker auf vielen Äckern im Funkloch. Auch hier werden Sie ihren wohlklingenden Worten einer umfassenden Digitalstrategie leider nicht gerecht.