Rede von Dr. Kirsten Kappert-Gonther

Koloniales Erbe

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26.02.2021

Dr. Kirsten Kappert-Gonther (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir müssen Rassismus verlernen. Die Morde von Hanau, rassistische Übergriffe, struktureller Rassismus: Das dürfen wir niemals akzeptieren.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Darum brauchen wir auch die Aufarbeitung unseres kolonialen Erbes.

In Gesprächen auch hier im Parlament – wir haben es heute gerade schon wieder gesehen –, begegnen uns immer noch Argumente, die zeigen, dass zur Aufarbeitung des kolonialen Unrechts noch sehr viel zu tun ist. „Das ist doch schon alles so lang her. Was hat denn das mit uns zu tun?“: Diese Haltung ist immer noch – leider – sehr weit verbreitet.

Tradierte Behauptungen von Ungleichwertigkeit begründeten die ökonomische und kulturelle Ausbeutung kolonialisierter Gebiete und von Menschen, und sie wirken als Rassismus bis heute fort. Rassismus wird geradezu befördert durch die Heroisierung von Kolonialverbrechern im öffentlichen Raum, durch Straßennamen, durch Denkmäler. Wer das nicht erkennt, sollte mal die Perspektive wechseln.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Es ist gut, dass sich der Black History Month auch in Deutschland etabliert, um einen Raum für marginalisierte Erfahrungen zu schaffen. Doch kritische Aufarbeitung und Rassismuskritik dürfen nicht allein den Betroffenen zugeschoben werden. Sie sind unser aller Aufgabe.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

„Wir tun doch schon so viel“, hören wir von der Bundesregierung auch heute wieder. Die Realität sieht leider wie folgt aus: Die Eröffnung des Humboldt-Forums wurde aufgrund Ihres Festhaltens an der Ausstellung der Benin-Bronzen und anderer Beutekunst zum Debakel. Die Anzahl der an die Herkunftsgesellschaften zurückgeführten Kulturgüter und menschlicher Gebeine ist gemessen an dem, was hierzulande immer noch lagert, minimal. Und absolut überfällig ist eine angemessene Bitte um Entschuldigung für den Genozid an den Herero und Nama.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Ist also die Aufarbeitung des Kolonialismus zum Scheitern verurteilt? Keineswegs, wenn wir ernsthaft bereit sind zur Demut, zur Erweiterung unseres Blickwinkels und dazu, Deutungshoheit abzugeben. Wir brauchen eine zentrale Stelle des Erinnerns und Lernens hier in der Bundeshauptstadt, hier, an dem Ort der Afrika-Konferenz, deren Ende sich gerade zum 136. Mal jährt. Wir brauchen einen Ort des Nachdenkens und des Vorausdenkens, einen Ort, der sich mit den kolonialen Verbrechen und mit dem Widerstand dagegen beschäftigt, der als zentraler Referenzpunkt funktioniert für die dezentralen Initiativen, die es an vielen Orten schon gibt.

Ein gutes Beispiel, wie Denkorte funktionieren können, ist das Antikolonialdenkmal „Der Elefant“ in Bremen, dessen Umwidmung seit vielen Jahren von einem ehrenamtlichen Verein getragen und in Kooperation mit Namibia gestaltet und gelebt wird. Es kann also gelingen, dass wir uns unserer Geschichte stellen, die kritische Aufarbeitung voranbringen und somit einen Beitrag dazu leisten, Rassismus endlich zu überwinden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Dafür, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, braucht es einen klaren politischen Willen. Ich bitte Sie: Stimmen Sie unserem Antrag zu.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vizepräsidentin Claudia Roth:

Vielen Dank, Dr. Kirsten Kappert-Gonther. – Letzter Redner in dieser Debatte und in dieser Sitzungswoche: Ansgar Heveling für die CDU/CSU-Fraktion.

(Beifall bei der CDU/CSU)