Rede von Margit Stumpp

MINT Fächer in der Bildung

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09.10.2020
Foto von Margit Stumpp MdB
Margit Stumpp
Sprecherin für Bildungspolitik Sprecherin für Medienpolitik

Margit Stumpp (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Wenn man aus den zehn Seiten MINT-Antrag den üblichen FDP-Sprech heraussiebt, dann sind doch etliche Forderungen übrig, die aus unserem Antrag zum Thema „Guter Ganztag“ entliehen sein könnten, zum Beispiel die Entlastung der Lehrkräfte durch multiprofessionelle Teams, Raum für individuelle Förderungen – was vor allem Kindern aus benachteiligten Familien zugutekommt –, die zügige Digitalisierung von Schulen durch digitale Grundausstattung, DigitalPakt Plus und die Einrichtung einer Bundeszentrale für digitale und Medienbildung.

Der wesentliche Unterschied ist: Wir denken von den Bedürfnissen der Kinder her, die FDP von den Bedürfnissen der Wirtschaft her. Im Bereich MINT wird vor allem ein Mangel beklagt. Unter anderem schreiben Sie: Sie wollen bezogen auf das fehlende Interesse insbesondere von Mädchen die Rollen der Elternhäuser untersuchen. – Dazu gibt es schon lange und viele Studien. Natürlich hat die Familie einen Einfluss, vor allem das elterliche Vorbild. Aber was soll Ihrer Meinung nach daraus folgen? Sollen in Zukunft die Mütter den Rechner aufschrauben, wenn die Festplatte kollabiert ist, damit sich das Rollenbild der Kinder weitet?

(Dr. h. c. Thomas Sattelberger [FDP]: Sie haben die Studien nicht gelesen!)

Liebe Freie Demokraten, solange unsere Gesellschaft immer noch fest in Rollenstereotypen verhaftet ist, was Frauen und Technik angeht, so lange gibt es für Mädchen eine besondere Hürde beim Zugang zu MINT.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Dr. Birke Bull-Bischoff [DIE LINKE])

Als ich im fünften Semester geheiratet habe, wurde ich von einem Professor vor versammelter Mannschaft gefragt, warum ich denn immer noch zur Vorlesung käme, ich hätte doch mein Ziel erreicht und auf dem für Frauen attraktivsten Heiratsmarkt der Region einen Mann gefunden. Noch im achten Semester musste ich mich fragen lassen, wie ich mich denn in Zukunft nennen wollte: „Ingenieuse“ oder „Ingenieurin“? Auch heute kann es mir noch passieren, dass mir ein TÜV-Prüfer ungefragt erklären will, wie die Abschaltautomatik meines Motorrades funktioniert.

(Heiterkeit beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Angesichts solcher Erlebnisse verwundert es nicht, dass gerade im Westen Deutschlands der Frauenanteil, insbesondere in den harten Technikberufen, niedrig bleibt. Da wirkt das unselige Mutterverdienstkreuzdenken und das brachiale Zurückdrängen der Frauen aus Führungspositionen und Männerberufen in der Nachkriegszeit immer noch nach.

In vielen Teilen der Welt ist der Frauenanteil gerade in den harten technischen Berufen deutlich höher; es wurde gerade genannt. Wenn ein Schub im Westen bei Studienanfängerinnen zu verzeichnen war, dann war das oft ein Wiedervereinigungseffekt.

Im Übrigen setzen sich Frauen im Alltag ständig mit Technik auseinander. Aber sobald diese „weiß“ ist, wird sie verweiblicht und nicht mehr als Technik wahrgenommen. Ich habe mal in meinem früheren Kollegenkreis, alles Ingenieure, gefragt, wer seine Waschmaschine bedienen oder seinen Geschirrspüler programmieren könne. Es folgte peinliches Schweigen.

(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Vizepräsident Thomas Oppermann:

Frau Stumpp, gestatten Sie eine Zwischenfrage der Kollegin von Storch?

Margit Stumpp (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Nein. – Rollenbilder wirken leider auch in die andere Richtung. Ein Vater, der sich um die Kinder kümmert, wird vom Vertreter an der Haustür nach der Hausfrau gefragt. Ein Junge, der beim Kochen hilft, muss sich fragen lassen, wie aus ihm ein richtiger Mann werden soll. Die Klischees reichen bis in die Politik, liebe Kolleginnen. Wie oft wurde Ihr Partner nach Ihrer Wahl ins Hohe Haus gefragt, was er denn nun mache, wenn die Frau die ganze Zeit in Berlin sei?

Diese rollenspezifische Sicht findet sich leider auch im Antrag selber wieder. Ein Maker Space ist hier vor allem Werkstatt. Liebe Kolleginnen, eine Küche ist auch ein Maker Space. Kochen ist angewandte Naturwissenschaft, Physik, Chemie, Biologie, und angesichts der massiven Probleme durch Fehlernährung – über 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind übergewichtig – sollte auch die Küche als Maker Space in einer Schule verankert sein.

Was ist mit dem Kreativpotenzial von analoger Kunst und Musik? Kulturelle Bildung ist prozessorientiert. Wie verhält es sich mit der Bildung über nachhaltige Entwicklung? Das ist Ihnen noch eingefallen, und Sie haben einen Antrag nachgeschoben. Diese Bildung kommt ebenfalls zu kurz, obwohl sie viel Kreativpotenzial bietet. Ich bin der Meinung: Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Es ist richtig und notwendig, in den Schulen mehr Freiräume für Kreativität zu schaffen, damit den Kindern die Freude am Experimentieren und Erkunden erhalten bleibt. Dafür gibt es viele gute Beispiele, gerade in meinem Wahlkreis. Das Werkgymnasium ist als „Heidenheimer Modell“ seit 50 Jahren Modellschule und es ist immer noch Modell. Die JuniorAkademien und das Experiminte-Museum sowie das Explorhino sind als außerschulische Lernorte Erfolgsmodelle. Und natürlich leisten Institutionen wie das „Haus der kleinen Forscher“ exzellente Arbeit.

Deswegen ist uns ein rhythmisierter Ganztag mit den notwendigen zeitlichen und räumlichen Möglichkeiten wichtig. Deswegen fordern wir die Entlastung der Lehrkräfte durch multiprofessionelle Teams und Medienbildung von Anfang an. Dazu gehören natürlich hohe Qualitätsstandards, aber doch nicht nur für MINT. Die alleinige Fokussierung darauf greift zu kurz. Deswegen ist die Vorgabe für spezielle Fächer und Stundenzahlen zu einseitig; denn das Experimentieren-Können und Ausprobieren-Wollen sind Elemente des ganzheitlichen Lernens und hängen nicht an einzelnen Fächern.

Wie wir eine offene Lernkultur, nicht nur mit Blick auf freies Lernen, sondern auch mit Blick auf die Freiheit der Lehre und der Pädagogik verankern wollen, ist strittig. Über diesen und andere Punkte müssen wir im Ausschuss reden.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Birke Bull-Bischoff [DIE LINKE])

Vizepräsident Thomas Oppermann:

Vielen Dank. – Als Nächste spricht für die Bundesregierung die Bundesministerin Anja Karliczek.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)