Rede von Renate Künast

Gesunde Ernährung

17.01.2019
Renate Künast
Sprecherin für Ernährungspolitik Sprecherin für Tierschutzpolitik

Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Um es mal gleich am Anfang zu sagen: Unser Ernährungssystem ist gescheitert.

(Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU – Frank Sitta [FDP]: Ihres!)

Es macht gar keinen Sinn, an der Stelle nur in Klein-Klein rumzureden. Dieses System ist gescheitert. Es ist so, dass die sogenannte industrielle Revolution im Ernährungsbereich unsere Ernährung radikal verändert hat, und zwar definitiv nicht zum Besseren. Das Essen in den Regalen ist der beste Beweis dafür.

Eigentlich müsste die CDU jetzt klatschen, also die, die immer sagen: Wir vertreten die Bauern.

(Dr. Gero Clemens Hocker [FDP]: Schon lange nicht mehr!)

Denn: Sie haben eigentlich auch kein Interesse daran, dass die Regale überfüllt sind mit süßen, salzigen, fettigen Fertigprodukten, Schokoriegeln, sogenannten Frühstückszerealien, wo immer Sie hingehen können.

(Zurufe von der CDU/CSU und der FDP)

Das klare landwirtschaftliche Produkt sehen Sie an der Stelle gar nicht mehr, meine Damen und Herren. Die Hälfte aller in Deutschland verkauften Lebensmittel sind Fertigprodukte. Und weil die meisten so viel Zucker, Salz und Fett enthalten, schaden sie bei regelmäßigem, umfassenden Verzehr der Gesundheit.

Meine Damen und Herren, immer mehr Menschen sind, während wir über Hunger auf der Welt reden, durch Fehlernährung übergewichtig und krank. In Deutschland ist jeder vierte Erwachsene und sind 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig.

Das ist nicht irgendein triviales Thema, meine Damen und Herren, sondern diese veränderte Lebensmittelproduktion und die hochverarbeiteten Lebensmittel, die uns überall entgegenkommen, haben die Art, wie wir uns ernähren, komplett verändert. Sie haben nicht nur dies und unsere Gesundheit verändert, sondern sie haben auch die Rolle der Landwirtschaft verändert, die nur noch als Rohstofflieferant für Billigbilligprodukte da ist.

Der massenhafte Einsatz von Pestiziden, von Glyphosat führt dazu, dass Böden degradiert werden, dass bestäubende Insekten und Bienen aussterben. Genau deshalb sage ich: Unser jetziges Ernährungssystem ist gescheitert,

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

weil es nicht Bestandteil einer regenerativen Produktion ist, meine Damen und Herren.

(Albert Stegemann [CDU/CSU]: Sie sind undankbar!)

Wir wissen: Alle leiden darunter. Während sich die großen Agrarchemiekonzerne und Lebensmittelkonzerne eine goldene Nase verdienen, sind die Bauern, die am Anfang der Produktion stehen, diejenigen, die am dümmsten dran sind, meine Damen und Herren. Wir erleben einen Raubbau.

Wir erleben, dass am Ende der Einzelne, also der, der wegen der hochverarbeiteten Lebensmittel übergewichtig ist, schlechtere Chancen im Leben hat, meine Damen und Herren. Es geht nicht nur um die einzelne Person mit einer Vielzahl von Erkrankungen, angefangen bei Diabetes, über Gelenkprobleme, Herz-Kreislauf-Pro­bleme bis hin zur Demenz – das sind Probleme, die der Einzelne hat –; die Gemeinschaft hat 30 Milliarden Euro jedes Jahr zu zahlen, 30 Milliarden Euro jedes Jahr für die Sozial- und Gesundheitskosten aufgrund dieser, ich nenne es mal, Überernährung. Deshalb sage ich noch mal: Unser Ernährungssystem ist gescheitert! Wenn das das Ergebnis ist, kann man es nicht anders sagen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf des Abg. Dr. Gero Clemens Hocker [FDP])

Es ist also allerhöchste Zeit, endlich zu handeln, meine Damen und Herren. Wir wissen, dass die Ernährungsfrage im 21. Jahrhundert eine der zentralen sozialen, gesundheitlichen und Umweltfragen ist, die auch mit den Lebensgrundlagen zu tun hat – von jedem Individuum, aber auch von der Gesellschaft insgesamt. Wir können doch nicht einfach sagen: Die einen zahlen die Kosten, die anderen machen die großen Profite, auch an den Börsen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vizepräsidentin Claudia Roth:

Frau Kollegin Künast, erlauben Sie eine Zwischenfrage oder -bemerkung des Kollegen von der FDP?

Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Bitte.

Dr. Gero Clemens Hocker (FDP):

Vielen Dank, Frau Kollegin Künast, dass ich diese Zwischenfrage stellen kann. – Nachdem Sie eben erklärt haben, dass Ihrer Meinung nach das Ernährungskonzept für Deutschland gescheitert ist, möchte ich Sie fragen, ob Sie bereit sind, mit mir zur Kenntnis zu nehmen, dass die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die in Deutschland hergestellt werden, zu den qualitativ hochwertigsten zählen und zu den strengsten Umweltauflagen produziert werden. Oder möchten Sie tatsächlich bei Ihrem Urteil bleiben?

Vielen Dank.

(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Lieber Herr Kollege, es ist schön, dass Sie das ansprechen, weil mir das die Gelegenheit gibt, noch mal aufzuzeigen, dass Ernährung und Landwirtschaft eigentlich zusammengehören. Ich habe hier von hochverarbeiteten Lebensmitteln geredet. Sie reden jetzt von den Rohstoffen, die die Landwirte liefern.

(Dr. Gero Clemens Hocker [FDP]: Von „Konzept“ haben Sie gesprochen! Von „Ernährung“ haben Sie gesprochen!)

Das ist, meine Damen und Herren, auf der einen Seite zu trennen; auf der anderen Seite gehört es zusammen.

(Zuruf von der CDU/CSU: Ausrede!)

Wenn ich mir die Rohstoffe angucke, stelle ich fest: Wir haben natürlich jede Menge guter und brillanter Rohstoffe, die die Landwirtschaft herstellt. Wir haben allerdings auch – dafür kann die Landwirtschaft alleine nichts – Pestizidrückstände im Essen, die am Ende ernährungsbedingte Erkrankungen hervorrufen.

Aber wenn Sie mir eine Sekunde zugehört hätten, hätten Sie gemerkt, dass ich über etwas anderes geredet habe, nämlich nicht über die landwirtschaftlichen Rohstoffe, sondern über das Fertigprodukt im Regal. Da steht zwar „Frühstücksriegel“ oder „Frühstückszerealien“, wenn Sie aber auf das Produkt gucken, sehen Sie, dass es bei diesen Frühstückszerealien im Kern nicht um die Haferflocken geht, die die Bauernfamilie hergestellt hat, sondern es geht um Zucker, um Palmfett und um jede Menge künstlicher Aromen. Darüber rede ich.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Vielleicht haben wir an dieser Stelle gar nicht so einen großen Dissens. – Deshalb sage ich: ist gescheitert.

Die Ernährungs- und Agrarministerin nennt ihr Ministerium so schön „Lebensministerium“. Das kenne ich von vor 15 Jahren; so nannte sich das entsprechende österreichische Ministerium, aber das war der offizielle Titel. Ich kann nur sagen: Was Sie draufschreiben, muss auch drin sein. Dann müssen es auch Mittel zum Leben sein, die dabei rauskommen, dann müssen Sie sich auch um das Leben der Menschen und ihre Gesundheit und die Gesundheit der Kinder kümmern, meine Damen und Herren.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir brauchen eine ehrgeizige Reduktionsstrategie, nicht eine, die quasi ein Geschenk an die Lebensmittelindustrie ist, bei der sie selbst die Ziele festlegen soll. Am Ende kommt bei den Zielen vielleicht nicht mehr oder weniger heraus als das, was Ernährungsräte, Ernährungsbewegung und Hunderte von Kinderärzten in dieser Gesellschaft doch längst gefordert haben und die Konzerne längst zwingt, etwas zu tun, meine Damen und Herren.

Ich habe hier zwei gleiche Limonadenflaschen. Eine habe ich mir aus Paris mitbringen lassen, die andere habe ich in Deutschland gekauft. Wenn ich die Inhaltsstoffe dieser Flaschen vergleiche, stelle ich was fest? In Frankreich sind 6,5 Gramm Zucker enthalten, in Deutschland 9,1 Gramm Zucker, meine Damen und Herren.

(Dr. Gero Clemens Hocker [FDP]: Was kann der Landwirt dafür?)

Sie sehen also: Man muss Maßnahmen treffen und konkrete Reduktionsziele vorgeben, dann passiert etwas. So etwas fordere ich auch von Ihnen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Stichwort „Ampelkennzeichnung“: Der Nutri-Score wird, wenn auch abgeschwächt, längst von einigen Unternehmen – Tchibo, Danone und anderen – verwendet. Lassen Sie uns das jetzt auch rechtlich vorgeben, meine Damen und Herren.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich meine: Die Zeit der Freiwilligkeit ist vorbei. Wir brauchen einen ganzheitlichen Ansatz. Selbst Chile hat es geschafft. Man hat eine strenge Kennzeichnung für Lebensmittel, die auf den ersten Blick Aufschluss gibt. Werbung bei Kindern für bestimmte Süßigkeiten ist nicht erlaubt. Süßigkeiten und Limos werden an Schulen nicht mehr verkauft, sondern Wasser. Und das Schulessen ist grundsätzlich umgestellt worden. Genau das brauchen wir auch, meine Damen und Herren.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN und der Abg. Gabriele Hiller-Ohm [SPD])

Das versuchen wir mit unserem Antrag zu erreichen.

Es geht nicht darum, nur individuelle Verhaltensänderungen zu verlangen, während einem im ganzen Umfeld Süßigkeiten, hochkalorische Lebensmittel, hochverarbeitete Lebensmittel entgegenkommen. Stattdessen müssen wir eine Ernährungswende zusammen mit einer Agrarwende – das noch mal in Richtung der FDP – organisieren, bei der es nicht darum geht, Frau Klöckner, die Wahl und Auswahl leichter zu machen. Nein, wir müssen die Verhältnisse so gestalten, dass der Alltag einfach ist.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN und der Abg. Gabriele Hiller-Ohm [SPD])

Vizepräsidentin Claudia Roth:

Darf ich an die Redezeit erinnern?

Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Ja, ich komme zum Schluss, Frau Präsidentin. – Das heißt: Ernährung muss Teil der Stadtentwicklung sein. Die Gemeinschaftsverpflegung von Kindergärten über Krankenhäuser bis zu Seniorenheimen muss komplett umgestellt werden. Wir brauchen eine nationale Strategie, die Reduktionsziele vorgibt. Wir brauchen eine Nährwertkennzeichnung, und wir müssen die Kinder schützen, was das Thema Lebensmittelwerbung angeht.

Die Prämisse, meine Damen und Herren, muss sein: Wir schützen die Gesundheit der Menschen, wir schützen die Kinder und nicht die Profitinteressen der Konzerne. So geht Ernährungswende!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)