Rede von Margit Stumpp

Schulen nach Corona

Mit dem Anklicken bauen Sie eine Verbindung zu den Servern des Dienstes YouTube auf, und das Video wird abgespielt. Datenschutzhinweise dazu in unserer Datenschutzerklärung.

02.07.2020
Margit Stumpp
Sprecherin für Bildungspolitik Sprecherin für Medienpolitik

Margit Stumpp (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“, diese geradezu vernichtende Kritik – sie bezog sich auf die Philosophieschule – stammt von Seneca, ist 2000 Jahre alt. Das mag manche von Ihnen erstaunen, klingt diese Kritik doch erschreckend aktuell.

Klar ist: Die Zielsetzung von Schule muss eine andere sein: Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Wenn wir dieses Ziel erreichen wollen, müssen wir uns fragen: Für welches Leben, für welche Gesellschaft sollen junge Menschen lernen?

Seit Einführung der allgemeinen Schulpflicht durch die Weimarer Verfassung vor nun über hundert Jahren hat sich unsere Gesellschaft zum Glück sehr verändert: Sie ist unter anderem demokratischer, diverser und digitaler geworden. Das sind Prozesse, die parallel ablaufen und sich manchmal auch gegenseitig beschleunigen. Das heißt, unsere Lebensverhältnisse und unsere Gesellschaft verändern sich ständig und immer schneller. Darauf muss Schule vorbereiten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Fragt sich, welche Schule. Wenn wir in unsere Schulen schauen, sehen viele noch aus wie vor hundert Jahren: Bänke, Stühle, Lehrerpult, Tafel. Außer den Farben des Mobiliars hat sich leider nicht viel geändert, sogar die Sitzordnung ist noch gleich – eine optische Bestätigung, dass sich auch die Lernformen kaum geändert haben. Kurz: Mit alten Methoden und Strukturen sollen Schülerinnen und Schüler auf eine Gesellschaft vorbereitet werden, die sich dramatisch weiterentwickelt hat. Das kann so nicht funktionieren.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Natürlich trifft die Analyse nicht auf alle Schulen zu, und natürlich ist Schule ein bisschen demokratischer geworden. Diverser sind trotz unseres selektiven Schulsystems auch Schülerinnen und Schüler.

(Martin Reichardt [AfD]: Kommt da noch irgendwas mit Substanz oder kommen nur Sprechblasen?)

Bei den Lehrkräften sieht es leider ganz anders aus. Digital aufgestellt sind nur wenige, obwohl Konrad Zuse seinen Z1 schon vor achtzig Jahren vorgestellt hat. Die Erkenntnis ist, nicht erst seit der Krise: Die Schule braucht dringend ein Update.

Dazu legen wir heute unseren Antrag vor. Die Vorschläge sind nur ein erster Schritt, aber ein wesentlicher. Unsere Leitlinien sind Teilhabe und Chancengerechtigkeit. Uns ist wichtig, dass das Schulsystem für jedes Kind gleiche Chancen auf beste Bildung gewährleistet.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Dr. h. c. Thomas Sattelberger [FDP])

Digitalisierung darf hier die Schere nicht weiter öffnen, sie muss dazu beitragen, sie zu schließen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Technik folgt Pädagogik. Alle Schulen brauchen eine digitale Basis, möglichst schnell und ohne bürokratische Hürden; darüber haben wir heute schon gesprochen. Schulen und Schulträger brauchen Orientierung. Dazu kann eine Bundeszentrale für digitale und Medienbildung beitragen. Schulen dürfen nicht von großen Techkonzernen abhängig werden, die scheinbar einfache Lösungen bieten, aber dafür Daten abziehen und Abhängigkeiten schaffen.

(Dr. Götz Frömming [AfD]: Wie verhindern Sie das?)

Lehrkräfte brauchen Entlastung durch multiprofessionelle Teams, auch in Form von dauerhafter technischer Unterstützung. Die SPD hat das inzwischen anscheinend verstanden – für Einsicht beim Koalitionspartner, was dauerhafte Finanzierung und konsequentes Regierungshandeln betrifft, reicht es wohl leider noch nicht.

Ein qualitativ hochwertiges Ganztagsangebot ist ein weiterer Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit. Dabei muss Inklusion natürlich immer mitgedacht werden. Wichtig ist uns auch ein Schwerpunkt mit einem Aufholprogramm für Schulen in benachteiligten Quartieren, damit die Schulen Defizite nicht manifestieren, sondern ausgleichen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Dr. Birke Bull-Bischoff [DIE LINKE])

Last, but not least beschreiben wir Maßnahmen, die geeignet sind, die durch die Krise entstandenen zusätzlichen Nachteile möglichst zeitnah auszuarbeiten.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, die Mängel in unserem Schulsystem sind offensichtlich, und sie sind nicht neu. Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte erwarten zu Recht, dass Politik diese Mängel endlich behebt, und es ist ihnen egal, welche Ebene zuständig ist.

Ich bin Ingenieurin und Pädagogin. Beide Professionen sind durch die Gewissheit geprägt: Aufgaben löst man nicht durch Verbote, sondern durch Kreativität und Kooperation.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vizepräsidentin Claudia Roth:

Kommen Sie bitte zum Schluss.

Margit Stumpp (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Wenn unsere Bildungsstrukturen dies verhindern, dann müssen wir das ändern, damit der Schule das gelingt, was ich mir – die Werder-Fans sehen es mir nach – auch für den FC Heidenheim wünsche: den Aufstieg in die erste Liga.

Herzlichen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Martin Reichardt [AfD]: In der Schule wären alle eingeschlafen! Meine Güte!)

Vizepräsidentin Claudia Roth:

Vielen Dank, Margit Stumpp. – Ronja Kemmer für die CDU/CSU-Fraktion gibt ihre Rede zu Protokoll.

Deswegen ist die nächste Rednerin Nicole Höchst für die AfD-Fraktion.

(Beifall bei der AfD)