Fernverkehr: Unser Gesetz bringt den Intercity zurück in deinen Bahnhof
Der ICE fährt durch deinen Bahnhof – halten wird er erst zwei Städte weiter. Wer in Bautzen, Schweinfurt oder Wilhelmshaven wohnt, sitzt erst mal im Auto, bevor es überhaupt losgeht mit der Bahn. Immer mehr Städte verlieren ihren Fernzug, und die Bundesregierung lässt es laufen. Wir Grüne im Bundestag wollen das drehen und haben dafür ein Gesetz in den Bundestag eingebracht.
iStock / ollo
Kurz & Knapp: So kommt der Fernzug zurück
Der Fernverkehr zieht sich aus der Fläche zurück: Zwischen den Metropolen fahren die Züge dicht getaktet, vieles dazwischen wird ausgedünnt oder gestrichen. Das Grundgesetz gibt dem Bund die Aufgabe, für ein gutes Fernverkehrsangebot zu sorgen – ein Gesetz dazu hat aber noch keine Bundesregierung vorgelegt. Wir Grüne im Bundestag legen dieses Gesetz nun vor: Wo Züge sich rechnen, fahren die Unternehmen weiter wie bisher. Wo nicht, senkt der Bund für diese Strecke künftig die Gebühr fürs Gleis – und bestellt den Zug notfalls selbst, so wie die Länder das im Nahverkehr längst tun. Nach unserer Auswertung bekämen so mehr als 150 Städte wieder guten Fernverkehr, 78 davon überhaupt erst wieder einen Halt.
Um was geht es?
Du willst am Freitag zu deinen Eltern, am Montag zum Termin in einer anderen Stadt, im Sommer ans Meer. Früher ging das mit dem Intercity ab dem nächsten größeren Bahnhof. Heute steigst du zweimal um, fährst eine Stunde länger – oder nimmst gleich das Auto.
Seit der Bahnreform 1994 zieht sich der Fernverkehr immer weiter auf die schnellen Strecken zwischen den Metropolen zurück. Was daneben liegt, fällt immer öfter weg. So fährt der Intercity von Leipzig über Jena nach Nürnberg inzwischen nur noch zweimal am Tag. Als nächstes könnten die Verbindungen von Frankfurt über Gießen und Siegen nach Dortmund und die von Kassel über Erfurt und Weimar nach Jena wegfallen. Gestrichen wird, was zu wenig Gewinn bringt. Entschieden wird das im Unternehmen Deutsche Bahn. Die Bundesregierung als Vertreterin des Eigentümers Bund schaut seit Jahren zu.
Der Bund ist Eigentümer der Deutschen Bahn. Im Fernverkehr darf die Bahn aber entscheiden als privates Unternehmen: nach Rendite. Genau deshalb braucht es ein Gesetz. Es macht aus einem Angebot, das sich lohnen muss, einen Auftrag, der zu erfüllen ist.
Selbst mitten im Ruhrgebiet wird es dünner. In Bochum, Duisburg und Düsseldorf sollen ICE-Halte wegfallen. Hier ist der Grund ein anderer: Auf diesen Strecken fahren so viele Züge, dass sie sich gegenseitig ausbremsen. Wer den Fahrplan stabil halten will, ohne neue Gleise zu bauen, streicht Halte. Für dich läuft es auf dasselbe hinaus. Der Zug hält seltener oder gar nicht mehr da, wo du wohnst.
Voll ist das Netz vor allem auf den schnellen Hauptachsen. Auf Strecken wie Hannover–Hamburg, Frankfurt–Hanau–Fulda oder München-Ingolstadt passt kein weiterer Zug mehr rein, ohne einen anderen zu verdrängen. Dort hilft nur bauen. In der Fläche ist es umgekehrt: Die Gleise liegen da und sind frei, es fehlt der Zug. Deshalb braucht es beides.
Dazu kommt der Wettbewerb. Neue Anbieter wie Flixtrain oder Italo drängen auf den Markt, und das kann gut für dich sein: bessere Angebote, günstigere Preise. Aber ohne Regeln drängen sich alle auf die paar Strecken, die richtig Geld bringen. Die Fläche verliert, und die Regionalzüge werden immer voller und unattraktiver.
Dabei wäre es nicht teuer, das zu drehen. Unsere Fernverkehrsgarantie kostet 200 bis 400 Millionen Euro im Jahr, und wir rechnen mit dem unteren Ende. Das ist ein kleiner Teil dessen, was der Bund heute in den Nahverkehr steckt – und ein kleiner Teil der Steuergeschenke für Flugbenzin und private Dienstwagen. Dafür wären Städte wie Chemnitz, Dessau, Jena und Heilbronn mindestens alle zwei Stunden erreichbar.
Ist deine Stadt dabei?
78 Bahnhöfe kommen als Fernverkehrshalte neu hinzu
- Arnsdorf (b Dresden)
- Aschersleben
- Bad Belzig
- Bad Friedrichshall
- Bad Rappenau
- Bautzen
- Bernburg
- Bietigheim-Bissingen
- Bischofswerda
- Calau (Niederlausitz)
- Delitzsch
- Doberlug-Kirchhain
- Döbeln
- Eilenburg
- Falkenberg (Elster)
- Finsterwalde (Niederlausitz)
- Flensburg Weiche
- Flöha
- Fürstenfeldbruck
- Geithain
- Glauchau (Sachs)
- Goslar
- Görlitz
- Gößnitz
- Halberstadt
- Hann Münden
- Haßfurt
- Heilbad Heiligenstadt
- Heilbronn
- Hof
- Hohenstein-Ernstthal
- Immendingen
- Jaderberg
- Jüterbog
- Kaufering
- Kehl
- Kirchenlaibach
- Lauda
- Lauf an der Pegnitz
- Leinefelde
- Luckenwalde
- Ludwigsburg
- Ludwigsfelde
- Lutherstadt Eisleben
- Löbau (Sachs)
- Lünen
- Marktredwitz
- Meerane
- Melsungen
- Mittweida
- Möckmühl
- Mülheim (Ruhr)
- Neckarsulm
- Nordhausen
- Öhringen
- Osterburken
- Pegnitz
- Plauen (Vogtl)
- Radeberg
- Rastede
- Reichenbach (Vogtl)
- Salzgitter-Bad
- Salzgitter-Ringelheim
- Sande
- Sangerhausen
- Schmölln (Thür)
- Schweinfurt
- Schwäbisch Hall-Hessental
- Sinsheim (Elsenz)
- Tharandt
- Torgau
- Varel (Oldb)
- Weiden (Oberpf)
- Weinsberg
- Wernigerode
- Wiesau (Oberpf)
- Wilhelmshaven
- Zwickau (Sachs)
An 81 Bahnhöfen wächst das Angebot deutlich – teils von einzelnen Zügen am Tag auf einen verlässlichen Takt.
- Altena (Westf)
- Altenbeken
- Amberg
- Augustfehn
- Bad Nauheim
- Bad Zwischenahn
- Bebra
- Bernau (b Berlin)
- Bitterfeld
- Brandenburg
- Buchloe
- Bullay
- Chemnitz
- Cochem (Mosel)
- Cottbus
- Crailsheim
- Delmenhorst
- Dessau
- Dillenburg
- Donaueschingen
- Engen
- Erkelenz
- Finnentrop
- Freiberg (Sachs)
- Freising
- Geilenkirchen
- Gera
- Gotha
- Haiger
- Haslach
- Hausach
- Heide (Holst)
- Herborn (Dillkr)
- Hermsdorf-Klosterlausnitz
- Herzogenrath
- Hornberg (Schwarzw)
- Hude
- Husum
- Immenstadt
- Iserlohn-Letmathe
- Itzehoe
- Jena-Göschwitz
- Kempten (Allgäu)
- Konstanz
- Krefeld
- Kreuztal
- Kronach
- Königs Wusterhausen
- Landshut (Bay)
- Leipzig/Halle Flughafen
- Lennestadt-Altenhundem
- Lichtenfels
- Lindau-Reutin
- Lippstadt
- Lübben (Spreewald)
- Lübbenau (Spreewald)
- Marienhafen
- Memmingen
- Naumburg (Saale)
- Niebüll
- Paderborn
- Plettenberg
- Potsdam
- Radolfzell
- Regensburg
- Saalfeld (Saale)
- Siegen
- Soest
- St Georgen (Schwarzw)
- Stadtroda
- Triberg
- Trier
- Villingen (Schwarzw)
- Warburg (Westf)
- Weimar
- Weißenfels
- Werdohl
- Westerland (Sylt)
- Wetzlar
- Witten
- Wittlich
Grundlage: eigene Auswertung der Grünen Bundestagsfraktion, Stand 6. August 2026.
Unsere Maßnahmen im Überblick
Was heißt das konkret? Wir Grüne im Bundestag haben klare Konzepte:
- Eine Garantie, wo der Markt nicht liefert. Wo Unternehmen mit einer Strecke Geld verdienen, braucht niemand eine Garantie. Überall sonst steht der Bund ein.
- Gleisgebühren runter, wo es klemmt. Für jeden gefahrenen Kilometer zahlen die Bahnunternehmen eine Gebühr, den Trassenpreis. Auf wichtigen Strecken senkt der Bund sie gezielt, damit sich der Zug wieder rechnet.
- Züge bestellen, wenn nichts anderes hilft. Reicht das nicht, bestellt der Bund den Fernzug selbst. Die Länder machen das im Nahverkehr längst so. Beim Intercity fehlt dem Bund dieses Werkzeug bis heute.
- Der Zug fährt einfach weiter. Eine Linie, die sich bis zur großen Stadt trägt, darf über sie hinaus verlängert werden, statt dort zu enden. So kommen Orte ans Netz, für die sich eine eigene Linie nie lohnen würde.
- Eine Stelle, die sich kümmert. Ein bundesweiter Aufgabenträger organisiert diese Züge. Er gehört unverkäuflich dem Bund, private Anteilseigner sind ausgeschlossen. Einmal im Jahr legt er dem Bundestag Rechenschaft ab. Dann ist klar, wer verantwortlich ist, wenn eine Verbindung wegzubrechen droht.
- Ein Ticket für alle Züge. Ein gemeinsamer Tarif für den Fernverkehr, wie du ihn aus dem Nahverkehr kennst. Falls dein Zug ausfällt, steigst du in den nächsten Zug, egal welches Unternehmen ihn fährt.
- Deutschlandticket rein in die geförderten Züge. Züge, die der Bund bezuschusst, öffnen sich für das Deutschlandticket. Wer weiter will, nimmt mit einem kleinen Aufschlag den Fernzug – und der Regionalzug nebenan wird leerer.
- Platz für Regional- und Güterzüge sichern. Eine europäische Regel legt fest, auf den Gleisen verteilt wird. Deutschland muss sie schnell umsetzen, damit schnelle Fernzüge den Nahverkehr und die Güterzüge nicht verdrängen.
- Das Netz endlich ausbauen. Ohne mehr Gleise bleibt jeder Fahrplan eng. Sanierung und Ausbau brauchen Tempo und verlässliches Geld – für den Deutschlandtakt und für Strecken wie die Wallauer Spange, die Mitte-Deutschland-Verbindung oder die Marschbahn.
Warum setzen wir uns dafür ein?
Wir kämpfen dafür, dass du überall in Deutschland gut angebunden und mobil bist, auch ohne Auto. Dass du morgens in Bautzen oder Nordhausen in den Zug steigst und nachmittags am Ziel bist, mit einem Kaffee auf dem Klapptisch.
Ein Bahnhof mit Fernverkehr ist mehr als ein Bahnsteig. Er entscheidet mit, ob junge Leute in einer Stadt bleiben, ob ein Betrieb sich dort ansiedelt, ob deine Großeltern dich noch besuchen können.
Die Schiene ist außerdem der Hebel für den Klimaschutz im Verkehr. Solange kein Verkehr von der Straße und aus der Luft auf die Schiene wechselt, verfehlt Deutschland seine Klimaziele. Jeder Zug, der eine Region anbindet, arbeitet daran mit.
Und es ist eine Frage der Gerechtigkeit: Warum soll gute Bahn nur denen zustehen, die zufällig an einer besonders rentablen Strecke wohnen? Italien, die Schweiz, Frankreich, Österreich, Tschechien und Schweden stützen ihr Bahnangebot in der Fläche längst gezielt. Deutschland geht bisher einen Sonderweg.
Was die schwarz-rote Regierung macht und warum das nicht reicht
Artikel 87e des Grundgesetzes gibt dem Bund die Aufgabe, für ein gutes Fernverkehrsangebot zu sorgen, und sieht dafür ein Bundesgesetz vor. Vorgelegt hat es bis heute keine Bundesregierung – auch keine, an der wir beteiligt waren. Aus dem Verkehrsministerium kommt stattdessen ein Programm mit dem Titel „Agenda für zufriedene Kunden“. Zugleich sollen zahlreiche ICE-Halte in Bochum, Duisburg und Düsseldorf wegfallen. Seit Ende Juli führt Steffen Bilger (CDU) das Haus. Wir fordern ihn auf, die Streichungen zurückzunehmen und stattdessen endlich Gleise auszubauen.
Beim Geld ist die Schieflage groß. Im Sondervermögen stehen Milliarden bereit, für die Schiene reicht es trotzdem nicht. Verkehrs- und Finanzministerium stoppen Ausbauprojekte und ziehen Planungsteams ab. Wer eine Planung nach Jahren wieder aufnimmt, muss neue Leute einarbeiten und alte Pläne aktualisieren. Das kostet Zeit und macht am Ende alles teurer. Der Grundsatz „Erhalt vor Neubau“ gilt in dieser Regierung offenbar nur für die Schiene: Die Autobahn GmbH bekommt von Finanzminister Klingbeil zusätzliche Milliarden für neue Straßen, die Schiene bekommt beim Nachschlag nichts.
Der Intercity ist aus ganzen Regionen längst verschwunden. Trotzdem weiten Union und SPD die Steuervorteile für Fluggesellschaften und Mineralölkonzerne aus und verbilligen den Sprit an der Zapfsäule. Das erhöht die Gewinne dieser Konzerne. An deinem Bahnhof ändert es nichts.
Unser Gesetz liegt im Bundestag. Wird es beschlossen, steht ein Jahr später der erste Fernverkehrsplan – und damit schwarz auf weiß, welcher Zug wo hält. Jetzt braucht es eine Regierung, die mitmacht – und Druck aus den Städten und Regionen, die abgehängt werden. Steht dein Bahnhof in einer der Listen oben, ist das ein guter Grund, deine Abgeordneten im Bundestag danach zu fragen.
Weiterführende Informationen und parlamentarische Initiativen
- Unser Gesetzentwurf „Entwurf eines Gesetzes zur Regelung des Schienenpersonenfernverkehrsangebots“ – Der komplette Text mit Begründung. Er schreibt fest, welche Qualität der Bund im Fernverkehr garantiert, richtet eine bundeseigene Stelle dafür ein und verpflichtet sie auf einen verbindlichen Fernverkehrsplan. Zum Gesetzentwurf.
- Unser Antrag „Stillstand in der Bahnpolitik überwinden“ – Damit fordern wir die Bundesregierung im Bundestag auf, das Schienennetz auszubauen, Fernverkehrshalte zu erhalten und endlich ein Gesetz für den Fernverkehr in der Fläche vorzulegen. Zum Antrag.
- Die Studie des Deutschen Zentrums für Schienenverkehrsforschung – Die Bundesregierung hat sie selbst in Auftrag gegeben. Sie rechnet vor, wie viel besserer Fernverkehr für vergleichsweise wenig Geld möglich wäre. Zur Studie.
- Artikel 87e Grundgesetz – Der Verfassungstext, der dem Bund die Verantwortung für ein gutes Bahnangebot zuweist. Ein Auftrag, den bisher keine Bundesregierung eingelöst hat. Zum Grundgesetz.