Awet Tesfaiesus: Mit Soul

„Kultur ist das Beste, was uns passieren kann. Ich will gesellschaftliche Veränderung erreichen und Kultur wirkt schnell, sie ist am Zeitgeist.“ In Erfurt, berichtet Awet Tesfaiesus von ihrer letzten Reise nach Thüringen, suchen die Kulturschaffenden mit ihrem Theaterfestival nicht die schönste Kulisse, sondern gehen in die Plattenbausiedlung. „Da kann man wirklich sehen, Kultur erreicht die Herzen der Menschen und kann mehr bewirken als jede Rede im Bundestag.“ 

Das koloniale Erbe aufarbeiten

Die Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialzeit ist einer der Schwerpunkte der Kulturpolitikerin mit eritreischen Wurzeln. Ein Kapitel deutscher Geschichte, das in unseren Schulbüchern kaum vorkommt. „Claudia Roth hat dieses Thema als Staatsministerin aufs Tapet gehoben, das finde ich toll und dabei unterstütze ich sie nach Kräften“, sagt sie.

Sie selbst mag Hiphop und Soul und sie liebt spontane Kunst. Kunst, die irgendwo auftaucht und sie überrascht, wie zuletzt im Sommerurlaub in Frankreich. In Frankreich bewegt sie sich als Schwarze Frau mit ihrer Familie viel selbstverständlicher, weil Vielfalt dort stärker im Alltag verankert ist. Diese Normalität genießt sie. „Frankreich ist bei der Aufarbeitung seiner Kolonialgeschichte in vielen Bereichen einfach schon weiter als wir.“

Wenn Vielfalt selbstverständlich ist, sind wir am Ziel

Die erste Schwarze Frau im Deutschen Bundestag zu sein, finden andere bemerkenswert, sie selbst sieht es gelassen. „Für mich ist es eigentlich normal, immer die Erste und damit allein zu sein. Das war in der Schule und an der Uni auch schon so.“ 

Bis heute beschäftigt sie aber die Frage: Gehöre ich wirklich dazu? Ein Wendepunkt in ihrem Leben war 2020 die Ermordung von neun Menschen im hessischen Hanau, die allein ihre Migrationsgeschichte verband. Bei vielen Deutschen sah sie Entsetzen darüber, die migrantische Community aber trauerte. „Vorher hatte ich das Empfinden: Du bist hier angekommen, hast eine Kanzlei aufgebaut, bist Arbeitgeberin, hast einen Deutschen geheiratet – maximal integriert. Nach Hanau habe ich realisiert: Selbst das reicht nicht.“ 

Bis dahin hatte sie als Rechtsanwältin insbesondere Geflüchtete und marginalisierte Gruppen vertreten und nebenher Kommunalpolitik in ihrer Heimatstadt Kassel gemacht. Jetzt will sie ihren Fokus ganz auf die Politik richten. 2021 gelingt ihr der Einzug in den Bundestag.

Mit Sorge beobachtet Awet Tesfaiesus das Erstarken rechtsextremer, demokratiefeindlicher Strömungen. „Natürlich kann man in der Politik auch konservative Werte vertreten, aber man muss eine klare Haltung zur Demokratie haben“, fordert sie die roten Linien ein. Sie selbst setzt auf Verständigung, einen freundlichen Umgang auch mit politisch Andersdenkenden. Den zunehmend hasserfüllten Ton in der Politik findet sie abstoßend. 

War es aus heutiger Sicht eine gute Entscheidung, für den Bundestag zu kandidieren? „Es war die Richtige“, sagt sie. „Ich will meinem Kind später sagen können: Ich habe alles getan, damit jede Person frei und ohne Angst in diesem Land leben kann.“

Dieser Text erschien zuerst in der Fraktionszeitschrift profil:GRÜN 9/2024

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Porträtfoto Awet Tesfaiesus MdB