Fair teilen statt abwälzen: Wie wir die Pflege bezahlbar machen
Der erste Brief vom Pflegeheim liegt auf dem Küchentisch. Dein Vater ist gerade eingezogen. Jetzt siehst du die Zahl: über 3.300 Euro im Monat, die er selbst zahlen muss. Sogar eine Rente nach 45 Beitragsjahren mit Durchschnittsverdienst deckt davon nur gut die Hälfte. Wir Grüne im Bundestag wollen die Pflegekosten im Heim begrenzen und dafür sorgen, dass alle ihren Teil beitragen.
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Kurz & Knapp: Obergrenze, fairer Ausgleich, mehr Vorsorge
Der Pflegekasse fehlt Geld, und die Kosten im Heim steigen schneller als die Renten. Die schwarz-rote Regierung antwortet vor allem mit Kürzungen. Wir wollen, dass privat Versicherte ihren fairen Teil beitragen und der Bund zahlt, was nicht in die Pflegekasse gehört. Die Pflegekosten im Heim wollen wir deckeln. Außerdem wollen wir viel mehr dafür tun, dass Menschen länger gesund und selbstständig bleiben.
Um was geht es?
Wenn die Eltern plötzlich Hilfe brauchen, stehen Familien vor vielen Fragen. Wer kommt morgens zum Waschen? Wie lange geht es noch zu Hause? Was kostet das alles? Die Pflegeversicherung hilft hier rund sechs Millionen Menschen. Knapp neun von zehn werden zu Hause versorgt, meist von Angehörigen und ohne Lohn.
Doch das Geld wird knapp. Allein im ersten Halbjahr 2026 fehlten der Pflegeversicherung 770 Millionen Euro. Für 2027 rechnet das Gesundheitsministerium mit einer Lücke von 7,6 Milliarden Euro, für 2028 schon mit 15,4 Milliarden.
Im Heim zahlt die Pflegekasse nur einen Teil der Kosten. Den Rest tragen die Bewohner*innen, das ist der Eigenanteil. Er besteht aus drei Posten: der Pflege selbst, Zimmer und Essen sowie den Kosten für das Gebäude. Am schnellsten wächst der Posten für die Pflege. Er stieg im letzten Jahr um mehr als zwölf Prozent, die Renten nur um gut vier. Reicht das Geld nicht mehr, springt das Sozialamt ein. Heute ist mehr als jede dritte Person im Heim auf diese Hilfe angewiesen.
Unsere Maßnahmen im Überblick
Unser Konzept für eine nachhaltige Pflegereform hat fünf Teile:
- Länger gesund bleiben. Nur etwa jede sechste Reha, die in der Pflegebegutachtung empfohlen wird, findet heute tatsächlich statt. Wir wollen „Reha vor Pflege“ garantieren: Empfiehlt die Gutachterin eine Reha, ein Hilfsmittel oder Physiotherapie, bekommst du das binnen acht Wochen. Dazu kommen ein Check für Herz, Gefäße und Gehirn ab 50 und ein Programm gegen Stürze ab 75. Gute Vorsorge hilft den Menschen und spart der Pflegekasse auf Dauer Geld.
- Kosten gerecht verteilen. Privat Versicherte zahlen oft deutlich weniger für die Pflegeversicherung, obwohl sie Anspruch auf die gleichen Leistungen haben. Das zeigen die Zahlen des Verbands der Privatversicherer selbst. Ein fairer Ausgleich brächte rund drei Milliarden Euro im Jahr. Der Bund soll die Rentenbeiträge pflegender Angehöriger übernehmen und die 5,2 Milliarden Euro zurückzahlen, die die Pflegekasse in der Corona-Zeit für ihn vorgestreckt hat. Neue Beamt*innen und Selbstständige sollen in die soziale Pflegeversicherung einzahlen, als ersten Schritt zur Bürger*innenversicherung.
- Pflegende stärken. Tages-, Nacht- und Kurzzeitpflege und jemand, der einspringt, wenn du selbst krank bist: All das soll in einen gemeinsamen Topf, aus dem du nimmst, was du gerade brauchst. Dazu kommt eine Anlaufstelle, die auch nachts um drei erreichbar ist, wenn du nicht mehr weiterweißt. Das hilft vor allem Frauen: Sie pflegen deutlich häufiger als Männer.
- Pflegekräfte entlasten, Energie sparen. Pflegekräfte sollen nichts mehr doppelt aufschreiben müssen und mehr Zeit für die Menschen haben. Klimaschutz soll fester Teil der Pflege werden, vom E-Auto für den Pflegedienst bis zum Solarstrom vom Heimdach. Das senkt auf Dauer auch die Energiekosten.
- Pflegekosten im Heim deckeln. Hier entscheidet sich, welche Zahl im Brief vom Pflegeheim steht. Für alle im Heim wollen wir den Teil deckeln, den sie für die Pflege selbst zahlen. Er steigt vor allem, weil die Heime ihre Pflegekräfte endlich besser bezahlen. Gute Löhne sind richtig, aber sie dürfen nicht allein bei den Bewohner*innen hängen bleiben. Auch die Ausbildungskosten von im Schnitt 128 Euro im Monat gehören nicht auf die Heimrechnung, sie sind Aufgabe der Länder. Die Obergrenze ersetzt die heutigen Zuschüsse, die mit jedem Jahr im Heim wachsen. Wer schon im Heim lebt, steht damit mindestens so gut da wie heute. Zimmer, Essen und Gebäude zahlen die Bewohner*innen weiter selbst.
Warum setzen wir uns dafür ein?
Jede*r von uns kann pflegebedürftig werden. Nach einem Schlaganfall, mit Demenz oder einfach im hohen Alter. Allein kann das kaum jemand stemmen. Deshalb tragen wir dieses Risiko gemeinsam. Der Sozialstaat verspricht: Wer pflegebedürftig wird, steht damit nicht allein da. Dieses Versprechen muss halten.
Mehr Lebensjahre sollen auch mehr gute Jahre sein: lange zu Hause leben, den Garten machen, die Enkel sehen. Töchter und Söhne müssen pflegen können, ohne später selbst in Armut zu rutschen. Und wer heute jung ist, muss sich darauf verlassen können, dass die Pflegeversicherung auch später noch da ist.
Was die schwarz-rote Regierung macht und warum das nicht reicht
Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) hat den Entwurf seiner Vorgängerin Nina Warken übernommen. Der Entwurf sieht bisher vor, dass Heimbewohner*innen länger auf höhere Zuschüsse warten: 18 statt 12 Monate. Allein das spart der Pflegekasse 2027 rund 2,6 Milliarden Euro. Bezahlen müssten das die Menschen im Heim. Würde die Regel schon heute gelten, läge ihr Eigenanteil im Schnitt um 161 Euro im Monat höher. Die Lücke der Pflegekasse steht damit direkt im Brief vom Pflegeheim.
Auch an anderen Stellen kürzt die Regierung. Wer einen Pflegegrad beantragt oder höher eingestuft werden will, braucht künftig mehr Punkte in der Begutachtung. Manche bekommen dann einen niedrigeren Pflegegrad und weniger Leistungen. Zudem setzt die Regierung die Pflicht aus, in der Pflege nach Tarif zu bezahlen. Wir halten das für falsch: Gute Pflege braucht gut bezahlte Pflegekräfte. Die Obergrenze schützt die Bewohner*innen, ohne bei den Löhnen zu sparen.
Die Folgen tragen auch Städte und Gemeinden. Schon 2027 müssen sie laut Entwurf rund eine Milliarde Euro mehr für die Hilfe zur Pflege zahlen. 2035 wären es fast zwei Milliarden Euro im Jahr mehr als ohne die Kürzungen. Dieses Geld fehlt dann für Kitas, Schwimmbäder und Busse.
Immerhin: Die geplante Kürzung bei der Rente pflegender Angehöriger will Linnemann nach viel Protest nicht mehr. Eine Obergrenze für die Eigenanteile lehnt er aber ab, obwohl die SPD in seiner eigenen Koalition sie fordert. Wie die Pflege auf Dauer bezahlt wird, soll erst eine Kommission klären, mit Ergebnissen bis spätestens März 2027. Bis dahin steigen die Kosten im Heim weiter. Wir wollen, dass im nächsten Brief an deinen Vater nicht schon wieder eine höhere Zahl steht.
Weiterführende Informationen und parlamentarische Initiativen
Unser Antrag: Nachhaltige Pflegereform – Die soziale Pflegeversicherung zukunftsfest machen Hier steht unser ganzes Konzept, mit allen fünf Teilen und der ausführlichen Begründung. Link folgt nach Einbringung.
Alt werden, wo du zu Hause bist Was sich ändern muss, damit du auch auf dem Land gut alt werden kannst: mit Wohnungen ohne Stufen, einem Bus, der wirklich fährt, und Ärzt*innen und Pflege in der Nähe. Zum Text
Krankenkassenbeiträge: Unser Plan für spürbare Entlastung ab 2027 Auch bei der Krankenversicherung zeigen wir, wie eine faire Finanzierung dich entlastet. Zum Text
Rente sicher machen: Für ein gutes Leben im Alter Wer pflegt, braucht eine Rente, die trägt. Hier erklären wir, wie wir das Rentenniveau stabil halten wollen. Zum Text
Woher unsere Fakten kommen
Verband der Ersatzkassen: Eigenbeteiligung in der stationären Pflege, Stand 1. Juli 2026 Die 3.364 Euro, die Heimbewohner*innen im ersten Jahr im Schnitt monatlich selbst zahlen, die drei Posten des Eigenanteils (Pflege, Unterkunft und Verpflegung, Investitionskosten), der Anstieg des Pflegepostens um mehr als zwölf Prozent in einem Jahr und die 128 Euro Ausbildungskosten im Monat. Zur Pressemitteilung
Bundesregierung: Renten steigen zum 1. Juli 2026 Der Anstieg der Renten um 4,24 Prozent und der Rentenwert von 42,52 Euro. Daraus ergibt sich die Standardrente nach 45 Beitragsjahren mit Durchschnittsverdienst: 45 × 42,52 Euro = rund 1.913 Euro brutto, also gut die Hälfte von 3.364 Euro. Zur Meldung
Bundesministerium für Gesundheit: Zahlen, Daten und Fakten zur Pflegeversicherung (Stand Juli 2026) Die rund sechs Millionen Menschen, die Ende 2025 Leistungen der sozialen Pflegeversicherung bezogen, und dass knapp neun von zehn davon zu Hause versorgt werden (86 zu 14 Prozent). Zur Statistik (PDF)
Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Zukunftspakt Pflege“: Fachliche Eckpunkte (11. Dezember 2025) Dass über 60 Prozent der zu Hause Versorgten ausschließlich von Angehörigen gepflegt werden, dass bessere Prävention und Reha die Ausgaben der Pflegeversicherung ab 2030 um rund drei Prozent im Jahr senken könnte, dass in der sozialen Pflegeversicherung mehr Menschen mit höheren Risiken und geringeren Einkommen versichert sind, und dass ein Finanzausgleich 0,15 Beitragssatzpunkte bringt. Bei 2,0 Milliarden Euro je Zehntelpunkt sind das rund 3 Milliarden Euro im Jahr. Zum Papier (PDF)
tagesschau: „SPD stoppt vorerst Pflegereform – Das lassen wir nicht zu“ (25. September 2026) Das Minus von 770 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2026, dass Linnemann den Entwurf seiner Vorgängerin Nina Warken zu Ende bringen muss, der viel Protest auslöste, und dass die SPD eine Obergrenze für die Eigenanteile fordert. Zur Meldung
Bundesministerium für Gesundheit: Referentenentwurf eines Pflegeneuordnungsgesetzes (5. Juni 2026) Die Lücke von 7,6 Milliarden Euro 2027 und 15,4 Milliarden Euro 2028, die um sechs Monate längeren Wartezeiten auf höhere Heimzuschüsse und die 2,6 Milliarden Euro, die das 2027 einspart, die höheren Schwellenwerte für die Pflegegrade 1 bis 3, das Aussetzen der Tarifpflicht, die Kürzung der Rentenbeiträge für pflegende Angehörige, die stärkere Anrechnung des Einkommens von Angehörigen und die rund 1 Milliarde Euro Mehrkosten für Länder und Kommunen 2027. Zum Entwurf (PDF)
Universität Bremen (Rothgang/Mamontova) für die DAK-Gesundheit: Kurzgutachten Hilfe zur Pflege (Mai 2026) Dass heute mehr als jede dritte Person im Heim auf Hilfe zur Pflege angewiesen ist (37,65 Prozent), dass der monatliche Eigenanteil mit den neuen Wartezeiten schon heute im Schnitt um 161 Euro höher läge, und dass die Kürzungen die Sozialhilfeausgaben 2035 um fast 2 Milliarden Euro erhöhen. Zum Gutachten (PDF)
GKV-Spitzenverband: Bericht nach § 18d SGB XI zu Reha-Empfehlungen, Berichtsjahr 2024 Dass von rund 87.200 Reha-Empfehlungen in der Pflegebegutachtung bis Jahresende nur 14.359 in eine Reha mündeten. Das ist rechnerisch etwa jede sechste. Zum Bericht (PDF)
Verband der Privaten Krankenversicherung: Beitragserhöhung in der Pflegeversicherung 2026 Dass die Pflegebeiträge für Privatversicherte laut Verband „in aller Regel niedriger“ sind: im Schnitt 122,64 Euro für Angestellte und Selbstständige, gegenüber 182 Euro für kinderlose gesetzlich versicherte Angestellte mit Durchschnittseinkommen. Zur Übersicht
GKV-Spitzenverband: Statement Oliver Blatt (19. Mai 2026) Die rund 5,2 Milliarden Euro Corona-Schulden des Bundes bei der Pflegeversicherung. Zum Statement (PDF)
Deutsches Ärzteblatt: Bericht zum Pflegebericht des Robert Koch-Instituts (5. Mai 2026) Dass 12,7 Prozent der Frauen, aber nur 7,9 Prozent der Männer Angehörige pflegen. Zur Meldung
Deutscher Bundestag: Linnemann erläutert seine Vorhabenplanung (hib 733/2026, 23. September 2026) Dass es doch keine Abstriche bei den Rentenansprüchen pflegender Angehöriger geben soll und dass eine Kommission spätestens im März 2027 Ergebnisse vorlegen soll. Zur Meldung
Tagesspiegel/dpa: Linnemann lehnt SPD-Vorschlag zu Pflegedeckel ab (27. September 2026) Dass Linnemann eine Obergrenze für die Eigenanteile ablehnt. Zur Meldung