Tulpenklasse schlägt Traktorambition

Rudi Assauer bläute seiner Schalker Mannschaft, den Eurofightern, in der Saison 1996/97 vor jedem Spiel ein: „Form schlägt Klasse!“ Gegen stärker besetzte Mannschaften kann man gewinnen, wenn man selbst gerade in der besseren Form ist. Coach Wienges, der an diesem Abend Coach Toffi vertrat, stellte gegen die roten Landwirtschaftsmaschinen daher im 3-5-2 auf, machte ein Durchkommen durch ein enges Mittelfeld und eine hellwache Abwehrkette nahezu unmöglich und setzte mit geschickten Passgebern im Mittelfeld die zwei blitzschnellen Spitzen Matze Richter und Timon Dzienus in Dszene.

Und schon nach zehn Minuten zeigte sich, dass die Form der Tulpen an diesem Abend die Agrarier vor übergroße Probleme stellte. Zunehmend verlagerte sich ein umkämpftes Spiel in die rote Hälfte, Angriffe auf das grüne Tor verpufften meist schon im Mittelfeld oder in zu langen Pässen oder Laufduellen, die die Tulpen-Dreierkette souverän für sich gestaltete. So überraschte eine Passstafette nach abgefangenem Ball durch das rote Mittelfeld bis in den Traktoren-Strafraum wohl eigentlich auch nur die unterklassigen Zugmaschinen, die sich nicht anders zu helfen wussten, als ihre Mähdrescher-Mentalität auszuspielen und Matze Richter einfach ummähten. Den unumstrittenen Elfmeter verwandelte Julius, ohne Zweifel aufkommen zu lassen, wer hier eine Klasse höher spielte.

Tulpe weiter stabil im Feld – Roter Traktor stottert

Auch in der Folgezeit wussten sich die Traktoren nicht zu helfen. Der rote Motor stotterte, da helfen keine Agrardiesel-Subventionen. Chancen hatten angesichts einer sehr kontrollierten Tulpen-Defensive Seltenheitswert, Ballbesitz im Mittelfeld zeugte von roter Ambition, zerschellte aber Anlauf um Anlauf an grüner Klasse. Die einzige weitere Großchance erspielten sich die Tulpen, aber Julius scheiterte dieses mal allein vor dem Torwart an dessen rechtem Bein. Das 2:0 fiel dennoch nur wenig später nach einer perfekten Ecke von Matze Daun, die ein Traktor sehenswert mit dem Oberschenkel seinem eigenen Torwart, der noch per spektakulärem Hechtsprung an den Ball kam, ins linke Eck, aus dem der Torwart den Ball aber nicht mehr retten konnte.

Eine Chance auf einen bis dahin sich gar nicht abzeichnenden Anschlusstreffer hatten die Treckerfahrer erst nach einem grenzwertigen Einsatz gegen Tulpe-Keeper Jochen, der kurz verletzt liegen blieb. Da aber die Tulpen selbst den Ball nicht ins Aus spielten, kam ein roter Traktor aus spitzem Winkel zum Abschluss. Da war Jochen aber längst wieder auf den Beinen und wehrte den Ball gegen den Außenpfosten ab. So ging es mit souveräner 2:0 Führung in die Pause. 

Aber schon gegen Ende der ersten Halbzeit zeigte sich erster Kräfteverschleiß auf beiden Seiten und die Gangart der Traktoren, die die Tulpen Beine ein ums andere Mal traktierten, ließ schon erahnen, dass wenn die Klasse nicht ausreicht, die Ambition aber größer ist, selbst die überlegene Form Torchancen nicht gänzlich verhindern werden könnte. Die wenigen Chancen mussten also genutzt werden. Und diese Anweisung setzten die Tulpen perfekt um. Nach fünf Minuten in der zweiten Halbzeit drehte Matze Daun einen perfekten Freistoß von halblinks in den Strafraum, wo Julius per Kopf auf 3:0 stellte, aber dahinter auch Matze Richter wohl hätte abschließen können.

Eine Sense macht noch keinen Sommer

Und so lief das Spiel weiter mit viel fruchtlosem Bemühen der Traktoren nach vorne und einigen Chancen der Tulpen, die sich ihrer Haut tapfer erwehrten. Als Matze Richter auf links schon durch war, griff der Dreschflegel mit der Rückennummer 84 auf seine mittelalterliche Verteidigungskunst zurück. Weil er zu langsam und Matze zu schnell, versuchte er erst gar nicht an den Ball zu kommen, sondern stieß Matze von hinten in den Rücken und packte, als der noch immer nicht fallen wollte, auch noch die Sense aus und holte ihn von den Beinen. Ein Versehen, wie er beteuerte. Dass Matze nur noch freie Wiese bis zum Tor und nur wenige Meter vor dem Strafraum war, sei der 84 eigenem Bekunden nach gar nicht bewusst gewesen. Als er Matze nur kurze Zeit später mit dem Ellenbogen niederstreckte und der sich auf dem Boden krümmte, wusste die 84 aber ganz sicher, dass dies nur Schauspielerei sei und konnte darüber nur lachen.

Es ist kein ungewöhnliches Phänomen, dass in der zweiten Halbzeit die Kräfte schwinden und die Lautstärke auf dem Platz steigt. Wenn die eigene Ambition der Klasse der Gegner unterlegen ist, dann wird der Einsatz verbal und an den Grenzen der Regelauslegung gesteigert. Und es soll auch nicht verschwiegen werden, dass die Tulpe in dieser Phase einen schnellen Gegenstoß mit einem dreckigen Foul von hinten unterband, was zu Recht mit einer gelben Karte bestraft wurde. Aber am Gesamtbild änderte sich wenig, es reichte aber für einzelne Traktor-Chancen.
Ein schwungvoller Angriff über rechts wurde quer durch den Tulpen-Strafraum auf links gelegt, wo der Abschluss endlich einmal aufs Tor kam, aber von Jochen bravourös pariert wurde. Heute verdiente Keeper Schieborn sich durch eine tadellose Leistung endlich das zu-Null. Und hatte auch noch Glück, als ein satter Schuss gegen den rechten Pfosten klatschte und parallel zur Torlinie vor dem leeren Tor nach links wegsprang.
Aber in der 85. Minute klappte dann doch ein Traktor-Angriff über links und landete endlich im langen Eck zum 3:1. Nun träumte John Deere & Company vom Doppelschlag, aber die bloße Ambition reichte an diesem Abend nicht für die Klasse der Tulpen, die den Sieg souverän über die Zeit brachten.