Das Wolfgang-Unser der Tulpe

„Disziplin!“

Wolfgang Helm, langjähriger legendärer Coach der Grünen Tulpe, wäre stolz auf uns gewesen. Als Weiland noch für die taktischen Anweisungen während des laufenden Spiels in der Tulpe zuständig war, beschränkten sich diese auf „Konzentration!“ – meist nach einem Torerfolg – und „Disziplin!“ – meist nach einer mehr oder weniger brenzligen Situation. Ergänzt wurden diese einzig durch die taktische Marschrichtung vor dem Spiel: „Wir beginnen heute defensiv!“ – mit jeweils wechselnden Begründungen: weil wir den Gegner kennen, oder weil wir den Gegner nicht kennen, weil er stark ist, oder gerade weil er nicht stark ist, etc.

Ob nun diese Beschränktheit der taktischen Finesse der des Trainers oder der der Möglichkeiten der Mannschaft anzulasten war, ist müßig. Es zählt allein, dass die beiden Anweisungen „Konzentration!“ und „Disziplin!“ für die Tulpe über die Jahre tatsächlich ausreichend das Spektrum notwendiger Anweisungen abdeckten – und meist ungehört verschollen.

Umso erfreulicher gestaltete sich dieser Montagabend, an dem das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zu Gast war. Von Beginn an entwickelte sich ein ausgeglichenes Spiel auf Augenhöhe. Spielerisch mag die Tulpe leichte Vorteile verzeichnet haben, technisch und läuferisch die PIK-Asse. So fiel das frühe 1:0 auch eher zufällig. Der PIK-Torwart will einen hoch abspringenden Ball fangen, Matze Richter setzt nach, springt mit, so dass der Ball von beiden nicht gesichert werden kann und dem mitgelaufenen Aram vor die Füße fällt. Der steht allerdings rechts seitlich neben dem Tor und mit dem Rücken zur Grundlinie, so dass er den Ball mit rechts schräg nach rechts hinter sich schießt – wobei schießen eine Athletik und Präzision suggeriert, die hier nicht angemessen ist. Die Technik dieser Aktion war zumindest in der Geschichte des Fußballs bis dato unentdeckt. Und so springt der Ball eher überraschend für alle Beteiligten ins lange Eck. (Anmerkung der Redaktion: Das Karate-Kick-Tor war Arams 10. Tulpe-Bude und er ist damit ab sofort in der Ewigen grünen Torschützenliste präsent, Glückwunsch!) 

Aram war hier quasi der Unterschiedsspieler. Denn ansonsten konnte keine der beiden Mannschaften in der Folge in dem durchaus ansehnlichen Spiel einen entscheidenden Vorteil für sich erarbeiten. PIK hatte zumeist eine zahlenmäßige und spielerische Überlegenheit im Zentrum, die aber von der letzten Tulpenreihe immer wieder abgefangen werden konnte. Die Tulpen konnten hingegen über außen immer wieder schnelle Gegenangriffe setzen, die aber ihrerseits kaum zu Torchancen führten, sondern von der PIK-Abwehr geklärt werden konnten.

Mitte der ersten Halbzeit fängt die Tulpen-Abwehr dann wieder einen Angriff ab, spielt den Ball nach vorne, vertändelt ihn einmal im Dribbling, gewinnt ihn zurück und vertändelt ihn gleich ein zweites Mal noch in der eigenen Hälfte. Und dieses mal nimmt der PIK-Libero den Ball auf, läuft von links außen in den Strafraum und schließt souverän mit einem platzierten, strammen Schuss ins lange Eck zum 1:1 ab.

Wo warst du, Wolfgang; als wir dich brauchten? „Konzentration!“, „Disziplin!“ Das war es, was der Tulpe fehlte. Dementsprechend waren die Ansagen in der Halbzeitpause. Wolfgangs Erben, die späteren Coaches Sebastian und Toffi, schwangen sich auf, der Mannschaft ein diszipliniertes Spiel über die Außen zu empfehlen und konzentriert die Bälle zu passen, statt Dribblings zu versuchen.

Und, oh Zeichen und Wunder, Wolfgangs Geist kam über die Tulpe. In der zweiten Halbzeit änderte sich wenig am Kräftegleichgewicht zwischen beiden Teams. Aber die Tulpe baute nun gepflegt über die Außenverteidiger Janis und Tobi und die Mittelfeldspieler David, Aram und Stefan auf. Aus dem Zentrum kamen ihnen Luki und Matze Daun zum Klatschen entgegen. Und so konnten immer wieder die schnellen Spitzen Monty und Matze Richter eingesetzt werden. Aber immer wieder wurden die Bälle auch zurückgespielt und bis über Keeper Markus Leick oder die Innenverteidiger Sebastian und Finn die Seite gewechselt. Es gingen kaum noch Bälle im Aufbauspiel verloren und einige Chancen konnten herausgespielt werden.

So kam es Mitte der zweiten Halbzeit zu einem öffnenden Pass auf links, Monty legt auf Luki ab, der behauptet den Ball im Gewusel am gegnerischen Strafraum und – die Chance eigentlich schon vergeben – kickt den Ball mit der Hacke ins Gewühl. Eigentlich genau das Hacke, Spitze, eins, zwei, drei, das zu Ball-, Konzentrations- und Disziplinverlust führt. Aber nun rutscht der Ball zu Matze Richter durch und der spitzelt ihn am Torwart vorbei Richtung langes Eck. Der Keeper bekommt aber noch einen Handschuh an den Ball, der aber dennoch entwischt, gegen den Innenpfosten trudelt und ins Netz springt. 2:1

Und nun zeigte sich immer mehr die Spielkontrolle der zwölf Tulpen, denen 18 PIK-Forscher gegenüberstanden. Eine Flanke spitzelt Matze Richter dem PIK-Keeper mit langem Bein aus den Armen und Stefan netzt zum vermeintlichen Tor ein. Doch der Schiedsrichter zeigte sich Regel-sicher. Denn „Als gefährliches Spiel gilt beim Versuch, den Ball zu spielen, jede Aktion, durch die jemand verletzt werden könnte (einschliesslich des Spielers, der die Aktion begeht) und die einen in der Nähe befindlichen Gegner am Spielen des Balls hindert, weil er eine Verletzung befürchtet.“

Doch nur wenige Zeigerumdrehungen später zieht David einen Freistoß aus dem Mittelfeld über 40 Meter wie mit dem Lineal gezogen auf den Kopf des perfekt einlaufenden Matze Richter, der zum 3:1 trifft.

Und weiter dominiert die Tulpe das Spielgeschehen mit disziplinierten Pässen auf die Außen, die dann lang auf die Außenstürmer, kurz auf die entgegenkommenden zentralen Mittelfeldspieler oder zurück auf die Innenverteidiger spielen. Und so kommt der Ball nach rechts zu Janis, der passt vor sich zu Stefan, der legt zurück wieder auf Janis, der nun weiter zurück auf Sebastian oder Markus spielen könnte. Aber stattdessen spielt er über 50 Meter den perfekten Günther Netzer-Gedächtnispass, überspielt die gesamte PIK-Mannschaft, perfekt getimet in den Lauf von Matze Richter. Der Keeper muss ihm entgegenkommen, und Matze kann den Ball bequem über den Torwart zum 4:1 ins Tor heben. Ein Tor, das zu 90% dem Passgeber Janis angerechnet werden müsste.

Und so endet das qualitativ hochwertige Spiel zweier gleichstarker Mannschaften aufgrund der diszipliniertesten Halbzeit einer Tulpenmannschaft mit einem deutlicheren Sieg, als das Kräfteverhältnis dies begründen könnte. 

Dass ausgerechnet die Grünen ihre Beschränkungen dank mehr Disziplin überwinden würden,… oh, tempores, oh mores!