Julia Schneider: Wege entstehen im Gehen
Julia Schneider hat drei Herzensangelegenheiten: Naturschutz, Ostbewusstsein und Demokratie. Wie das zusammenhängt? Das erklärt sich, wenn man ihre Geschichte kennt.
Grüne Bundestagsfraktion / Stefan Kaminski
Naturverbunden in der Großstadt
Julia Schneider wächst in Berlin-Hohenschönhausen auf, aber ihr Großstadtdschungel ist grün statt grau. Sie tobt mit den Nachbarskindern durch grüne Innenhöfe, lässt am Coca- Cola-Berg Drachen steigen. Wochenenden und Ferien verbringt sie oft mit ihren Großeltern im Bungalow am Oderhaff, geht im Wald Pilze sammeln oder am Strand spazieren. An diese Zeit erinnert sie sich häufig, wenn sie sich heute für den Erhalt der Natur und den Schutz des Klimas einsetzt.
Mit zwölf Jahren verpflanzt ihre Mutter sie der Liebe wegen einmal quer durch die Republik nach Freiburg im Breisgau und dann aufs Dorf. Zur Liebe zur Natur gesellt sich jetzt ihre zweite Herzensangelegenheit. Denn die anderen Kinder finden Julias Hochdeutsch komisch, die Erwachsenen fragen sie, ob sie aus Ost- oder Westberlin kommt. Für Julia war das bisher irrelevant. Auf ihrer Geburtsurkunde steht noch DDR – ein Land, das die im März 1990 Geborene nie kennengelernt hat. „Erst im Westen habe ich gemerkt, dass ich aus dem Osten war“, sagt Schneider.
Diese Erfahrung motiviert sie, sich mehr mit ihrer eigenen Ostidentität und mit den Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern auseinanderzusetzen. Sie lernt nicht nur aus privaten Geschichten, sondern auch aus vielen Büchern, die sie heute in ihrer Ostbibliothek in Pankow zum Ausleihen anbietet. Ihr politisches Ziel: mehr Ostbewusstsein schaffen. Dazu gehört, dass die ostdeutsche Geschichte mehr Anerkennung in der gesamtdeutschen Erinnerungskultur findet, zum Beispiel die Rolle der Umwelt- und Bürgerbewegungen: jener mutigen Menschen, die in der DDR trotz Festnahmen und Repressionen für Freiheit und eine intakte Natur auf die Straße gingen – und so die friedliche Revolution mit anstießen und trugen.
Auch die Beseitigung der strukturellen Ungleichheit zwischen Ost und West ist Teil ihrer Politik. Der Handlungsbedarf ist klar: Die Löhne im Osten sind immer noch 21 Prozent geringer als im Westen und in Führungspositionen sind Ostdeutsche mit rund zwölf Prozent noch immer unterrepräsentiert. „Seit dem Mauerfall sind Fortschritte erzielt worden, das ist wichtig anzuerkennen“, sagt Schneider. „Aber genauso richtig ist es auch, dass es noch viel zu tun gibt.“
„Erst im Westen habe ich gemerkt, dass ich aus dem Osten war.“
Engagement für unsere Demokratie
Dass Veränderung möglich ist, spürt sie zum ersten Mal während ihrer deutsch-spanischen Studien in Madrid. Die Auswirkungen der Finanzkrise machen die jungen Menschen 2011/12 dort zur „verlorenen Generation“, gerade unter den gut Qualifizierten herrscht hohe Arbeitslosigkeit: „Das hat mich sehr mitgenommen, denn das waren ja meine Freund*innen.“ Schneider beteiligt sich an den Demonstrationen ihrer Mitstudierenden an der Puerta del Sol, schätzt die Diskussionen, das Gemeinschaftsgefühl, den Versuch, etwas zu bewegen. Neben Natur und Ostbewusstsein entsteht hier ihre dritte Herzensangelegenheit: das Leben und Verteidigen unserer Demokratie.
Nach dem Bachelor zieht es sie nach Frankfurt/Oder, um einen Master in interkultureller Kommunikation und parallel in European Studies zu machen. Sie lernt dabei, unterschiedliche Perspektiven und Menschen zusammenzubringen, „etwas, das mir in meinen Job heute total hilft“, sagt sie. Ihr Weg in die Politik und zu den Grünen führt 2017 über eine Elternzeitvertretung im Büro des damaligen Haushaltspolitikers der grünen Bundestagsfraktion, Sven-Christian Kindler. Danach hat sie Lust, sich weiter politisch zu engagieren.
Doch das anschließende Trainee-Programm in der Berliner Senatsverwaltung bremst sie eher aus. „Jetzt machense ma nich so schnell, Frau Schneider“, hört sie ständig. Zum Glück gibt es die Arbeitsgruppe (AG) „Verwaltung von unten“ bei den Grünen in Berlin-Pankow, wo sie mittlerweile wohnt. Die Mitarbeit in der AG macht ihr so viel Spaß, dass sie gleich noch in die AG „Klimaschutz“ geht und bald Beisitzerin im Kreisvorstand ist. 2021 tritt sie für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus an – und gewinnt für die Grünen zum ersten Mal das Direktmandat. Bei der Wiederholungswahl 2023 verteidigt sie es, wird umweltpolitische Sprecherin und stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Julia Schneider ist zufrieden und gut ausgelastet, zumal sie in dieser Zeit Mutter wird.
Dann kommt die vorgezogene Bundestagswahl. Als sich in ihrem Kreisverband Pankow nur Männer bewerben, wirft sie ihren Hut in den Ring. Sie holt die Kandidatur, gewinnt den Wahlkreis und wird Mitglied des Bundestags. „Das entsprach nicht gerade meiner Lebensplanung“, sagt sie, „aber bei mir entstehen Wege oft im Gehen.“
Im Umweltausschuss des Bundestags kämpft sie für mehr Grün im Grau. Berlin möchte sie zu einer „Schwammstadt“ umbauen, die das Wasser besser speichert. Haushaltsmittel für die Entsiegelung der städtischen Betonwüsten hatte sie bereits als Landespolitikerin lockergemacht. Auch die Renaturierung des Flüsschens Panke, das ihrem Wahlkreis seinen Namen gibt, will sie vorantreiben. Als Berichterstatterin der Bundestagsfraktion für Klimaanpassung und Fair Fashion reiste sie jüngst nach Bangladesch, um die Folgen der Produktion von Billigmode für die dortigen Flusslandschaften zu begutachten.
Natur, Ostbewusstsein, Demokratie – für Julia Schneider hängen diese Themen eng zusammen: „Wer die Natur zerstört, zerstört unsere Lebensgrundlagen. Wer Ost- und Westperspektiven nicht gleichermaßen respektiert, spaltet die Gesellschaft. Aber für eine funktionierende Demokratie brauchen wir eine intakte Natur und gesellschaftlichen Zusammenhalt – und beides können wir nur mit Demokratie erhalten.“
Dieser Text erschien zuerst in der Zeitung extragrün April/Mai 2026.