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Wie wir unsere Lebensmittelversorgung krisenfest und unabhängig machen
- Ernteausfälle, knappes und verschmutztes Wasser, ausgelaugte Böden sowie konzentrierte Märkte, Lieferengpässe und extreme Preisschwankungen gefährden unsere zukünftige Ernährung. Cyberangriffe werden zunehmend wahrscheinlicher.
- Wir setzen uns dafür ein, dass alle Menschen in Deutschland – auch in Krisen- und Katastrophenfällen – Zugang zu gesunden und ausgewogenen, ökologisch und möglichst regional produzierten Nahrungsmitteln haben.
- Es gilt jetzt vorausschauend zu handeln, um Ernährungssysteme vom Hof bis zum Teller unabhängiger und krisenfester zu machen. Ob durch Bäume und Hecken in der Landschaft, weniger importierte Düngemittel, ein starkes Lebensmittelhandwerk oder mehr regionalen ökologischen Anbau von Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten. Um Vorsorgemaßnahmen für Katastrophenfälle zu entwickeln, muss die Regierung alle Interessensgruppen für einen Austausch zusammenbringen.
Egal ob jung oder alt, in der Stadt oder auf dem Land – alle Menschen in Deutschland brauchen gutes, gesundes und bezahlbares Essen. Der Zugang zu ausreichend gesunder und angemessener Nahrung ist ein Grundrecht. Doch wenn durch Ernteausfälle und Krisen Lebensmittelpreise steigen oder die Verfügbarkeit bestimmter Nahrungsmittel knapp wird, sind einkommensschwache Haushalte besonders stark betroffen. Deshalb ist die Absicherung von Ernten und Lieferketten nicht nur eine Frage der Vorsorge, sondern Grundlage für Gerechtigkeit, Demokratie und sozialen Frieden in unserem Land.
Eine Studie im Auftrag der grünen Bundestagsfraktion zeigt: Unsere Lebensmittelversorgung gerät durch viele gleichzeitig wirkende Krisen zunehmend unter Druck: Die Klimakrise führt zu Dürren, Hitzewellen, Starkregen sowie zu neuen Schädlingen und Krankheiten. Böden, Wasser und Artenvielfalt als Grundlagen der Landwirtschaft werden durch intensiven Anbau geschädigt. Internationale Konflikte können zu Produktionsausfällen, Lieferengpässen und dadurch zu steigenden Lebensmittelpreisen führen, solange die Lebensmittelproduktion von importierten Futtermitteln, Düngemitteln, und fossiler Energie abhängig ist. Cyberangriffe und andere hybride Bedrohungen können unsere zunehmend digitalisierten Systeme empfindlich treffen, zu Stromausfällen oder Lieferkettenunterbrechungen führen. Auch die zunehmenden hybriden und militärischen Bedrohungen erfordern eine stärkere Vorbereitung auf Krisen.
Lebensmittelversorgung bezahlbar und für alle zugänglich halten
Wenn wir unsere Lebensmittelversorgung trotz alledem bezahlbar und für alle zugänglich halten wollen, müssen wir unser Ernährungssystem vom Hof bis zum Teller unabhängiger und krisenfester machen. Das beginnt schon beim Anbau auf dem Acker: Mischkulturen, Agroforstsysteme, vielfältige Fruchtfolgen und standortangepasstes, patentfreies Saatgut machen Landwirtschaft widerstandsfähiger, erhalten fruchtbare Böden, speichern Wasser und fördern die Artenvielfalt. Je mehr der Anbau auf zugekaufte Pestizide und Düngemittel verzichten kann und die Energieversorgung auf dem Hof aus Solarenergie vom eigenen Stalldach stammt, desto unabhängiger werden die Betriebe. Deshalb wollen wir auf Bundes- und EU-Ebene klimaresiliente Anbaumethoden stärken und die agrarökologische Forschung, Lehre und Beratung ausbauen. Das Ziel ist, unsere Selbstversorgung mit regionalen und ökologisch produzierten Lebensmitteln, vor allem von Obst und Gemüse zu erhöhen so und unsere Abhängigkeit von Importen zu verringern.
Ein zentraler Hebel für mehr Unabhängigkeit ist darüber hinaus eine vielfältige Proteinversorgung. Die Tierhaltung und Fleischproduktion in Deutschland hängt stark von importierten Futtermitteln ab, vor allem von Soja aus Übersee, dessen Anbau dort häufig mit der Zerstörung wertvoller Ökosysteme einhergeht. Mehr Tierfuttermittel bei uns in Deutschland anzubauen, verringert die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten und erhöht die Versorgungssicherheit. Genauso wichtig ist, dass deutlich mehr pflanzliche Proteine direkt auf unseren Tellern landen: Eine Ernährung mit mehr Hülsenfrüchten wie Linsen und Bohnen, Nüssen und pflanzlichen Produkten ist gesund, schont Ressourcen und macht unser Ernährungssystem insgesamt krisenfester. Dazu muss der heimische Anbau von stickstoffbindenden Eiweißpflanzen wie Erbsen, Soja- und Ackerbohnen, Lupinen und Linsen gefördert werden. Diese Kulturen bereichern Fruchtfolgen, verbessern die Bodenqualität und bieten gleichzeitig zusätzliche Einkommensperspektiven für die Landwirtschaft.
Wiedervernässung von Mooren zentral
Um die Lebensmittel-, Holz- und Biomasseproduktion, als auch die Trinkwasserversorgung trotz zunehmender Hitzewellen und Dürren aufrecht zu erhalten, müssen wir Wasser in der Fläche halten. Dafür ist die Wiedervernässung von Mooren zentral. Wir wollen Land- und Forstwirt*innen dabei unterstützen, sich auf die kommenden Dürren und Trockenperioden vorzubereiten und die nasse Moornutzung wirtschaftlich attraktiv zu gestalten, um den Betrieben frühzeitig verlässliche Perspektiven und Planungssicherheit zu geben. Das ist auch für den Klimaschutz eine der effektivsten Einzelmaßnahmen: Nasse Moore können enorme Mengen Kohlenstoff speichern. Aktuell sind über 90 Prozent der Moore in Deutschland trocken gelegt - das verursacht erhebliche Treibhausgasemissionen. Deshalb wollen wir bis 2045 jährlich 50.000 Hektar Moorflächen wiedervernässen und nachhaltig bewirtschaften.
Doch um unsere Ernährung zu sichern, braucht es mehr als nur einen klima- und krisenfesten Anbau. Damit die Lebensmittel auch zuverlässig bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommen, ist eine reibungslose Zusammenarbeit von Produktion, Infrastruktur, Logistik, Verarbeitung, Personal und Verteilung notwendig. Um die Ernährung der Bevölkerung auch in akuten Krisen zu sichern, müssen alle Akteure vorsorgen. Der Bund sollte mit Blick auf den Zivil- und Katastrophenschutz staatliche, private und wirtschaftliche Akteure besser einbinden und koordinieren. Dafür braucht es eine umfassende Strategie, damit sowohl die Bürger*innen privat vorsorgen, der Staat ausreichende Notfallreserven bereithält und auch die Privatwirtschaft mithilft, dezentrale Lebensmittellager entlang der gesamten Lebensmittelkette aufzubauen. Unternehmensvielfalt ist dabei ein entscheidender Faktor für Resilienz.
Bäckereien, Metzgereien, Mühlen und andere Betriebe des Lebensmittelhandwerks bilden das Rückgrat einer krisenfesten Nahrungsmittelversorgung. Kleine und mittelgroße handwerklich arbeitende Betriebe können sich flexibler als Industriebetriebe auf unterschiedliche Rohstoffqualitäten, schwankende Mengen oder neue Sorten aus lokaler Produktion einstellen. Die Verarbeitung regional erzeugter Lebensmittel verkürzt Transportwege und sichert die Lebensmittelversorgung vor Ort.
Marktkonzentration des Lebensmittelhandels und der Verarbeitung muss beendet werden
Damit wir die regionale und lokale Versorgungsstrukturen erhalten können, müssen wir den dramatischen Rückgang handwerklicher Betriebe stoppen. Denn in den letzten 20 Jahren ist die Zahl der Betriebe im Lebensmittelhandwerk um dramatische 40 Prozent zurückgegangen. Gründe sind steigende Kosten, Fachkräftemangel, Bürokratielasten und politische Rahmenbedingungen, die häufig nur industrielle Strukturen fördern. Die zunehmende Marktkonzentration des Lebensmittelhandels und der Verarbeitung gilt es zu beenden. Wir fordern ein Aktionsprogramm für das Lebensmittelhandwerk, das spürbar Bürokratie abbaut, faire Marktchancen für kleine und mittlere Betriebe schafft und eine unabhängige und dezentrale Lebensmittelversorgung fördert.
Wir wollen nicht nur unsere Lebensmittelversorgung gegen Krisen absichern, sondern größtmögliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmung über unsere Lebensmittelproduktion ermöglichen. Dafür wollen wir das Agrar- und Ernährungssystem vom Hof bis zum Teller nach agrarökologischen Prinzipien reformieren. Unser Ziel dabei ist, mehr Vielfalt auf dem Acker und dem Teller, mehr ökologisch-regionale Produktion und Verarbeitung im Rahmen einer Kreislaufwirtschaft, mehr handwerkliche- und kleinstrukturierte Produktion und Verarbeitung und eine bessere Kommunikation, Vernetzung und Mitbestimmung aller Beteiligten zu gewährleisten.
Dokumente und Anträge
Studie: Resilienzschwachstellen in der deutschen Lebensmittelversorgung
Unsere Anträge zur Verbesserung der Resilienz unserer Lebensmittelversorgung:
Lebensmittelversorgung in Deutschland krisenfest und unabhängig gestalten
Lebensmittelhandwerk erhalten – Vielfältige und krisenfeste Ernährungsversorgung sicherstellen
Weitere Texte und Dokumente zu diesem Thema
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