Saubere Antriebe

Elektromobilität auf die Überholspur bringen

Eine Hand hält einen Ladestecker an die Steckdose eines Elektroautos. Im Hintergrund ein Getreidefeld, ein Windrad und blauer Himmel.
Das Auto wird weiter zum Mobilitätsmix gehören, muss künftig aber sauber unterwegs sein. Wir wollen die E-Mobilität mit Ladestationen und Kaufprämien stärken, Arbeitnehmer*innen für neue Jobs qualifizieren und die Umwelt- und Klimavorteile der Fahrzeuge weiter ausbauen. istock | SimonSkafar
29.07.2021
  • Alles spricht für die Verkehrswende. Wir wollen sicher, sauber und bezahlbar mobil sein. Deswegen setzen wir Grüne im Bundestag auf klimafreundliche Mobilität mit modernen Bussen und Bahnen und auf sichere Rad- und Fußwege.
  • Ganz ohne Auto wird es nicht gehen. Anders als heute wird es künftig leise und abgasfrei unterwegs sein – und zwar mit Batterieantrieben, die sich bei den Herstellern gegenüber anderen, weniger effizienten Antriebsalternativen durchsetzen.
  • Noch ist der Durchbruch aber nicht gelungen. Wir wollen die E-Mobilität jetzt auf die Überholspur bringen, denn damit stärken wir unseren Wettbewerbsstandort, sichern wertvolle Jobs in der Industrie und schützen das Klima.

Die Bilanz der Bundesregierung beim Klimaschutz im Verkehr ist dürftig. Nach wie vor hängen rund 93 % des Verkehrs an Öl oder Gas, der Treibhausgas-Ausstoß ist hoch. Da fast zwei Drittel der Klimagase im Verkehr aus dem Auto stammen, liegt hier eine große Chance für abgasfreie Elektroantriebe. Es gibt viel zu tun: Im April 2021 waren nur 365.000 aller rund 48 Mio. Autos in Deutschland reine Stromer.

Bundesregierung steht der Antriebswende im Weg

Nur halbherzig fördert die Bundesregierung den Umstieg auf E-Autos. An anderer Stelle untergräbt sie ihn sogar. Wie sollen sich saubere Antriebe durchsetzen, wenn etwa Dieselkraftstoff mit jährlich mehr als acht Milliarden Euro durch einen Rabatt bei der Energiesteuer subventioniert wird? Warum soll die Autoindustrie auf neue Antriebe umstellen, wenn die Bundesregierung bei den CO2-Vorgaben für Neuwagen in Europa auf die Bremse tritt? So kann es nicht weitergehen. Wir wollen, dass ab 2030 in Deutschland nur noch emissionsfreie Pkw neu zugelassen werden.

Wer hat die Nase vorn bei Transformation und Jobs?

Die Automobilindustrie ist ein bedeutender Wirtschaftszweig in unserem Land. Ob unsere Unternehmen auch bei E-Mobilität, Digitalisierung und Automatisierung weltweit mitmischen, entscheidet über ihre Wettbewerbsfähigkeit und unseren Wohlstand. Einen Schutzzaun um den fossilen Verbrenner zu ziehen, wie es die Bundesregierung versucht, ist kontraproduktiv. Damit schadet sie nur der Automobilwirtschaft und gefährdet hunderttausende Jobs. Denn immer mehr Länder und Unternehmen steigen bald aus dem Verbrenner aus. 

Schon heute geht mehr als die Hälfte der Kfz-Exporte in Staaten, die den Ausstieg aus dem Verbrenner aktiv vorantreiben. In Norwegen sollen ab 2025 nur noch emissionsfreie Pkw neu zugelassen werden, in den Niederlanden ab 2030 und in Kalifornien ab 2035. Volvo, Ford und Opel wollen in Europa in diesem Jahrzehnt die letzten Verbrenner-Pkw verkaufen. Und jetzt plant die EU-Kommission sogar, dass in der ganzen EU ab 2035 nur noch emissionsfreie Pkw neu zugelassen werden dürfen.

Untersuchungen zeigen: Den Autobauern wird es auch künftig nicht an Arbeit mangeln, doch die Jobbeschreibungen werden anders aussehen als heute. Vor größeren Herausforderungen stehen kleine und mittlere Zulieferer, die oft ganz vom Verbrennungsmotor abhängig sind. Wir wollen sie daher frühzeitig unterstützen – zum Beispiel mit einem Transformationsfonds. Er soll die finanziellen Mittel für die Umrüstung in den Werkhallen bereitstellen. Außerdem wollen wir eine Qualifizierungs-Kurzarbeit ermöglichen, um Beschäftigte in der Umbauphase nachhaltig weiterzubilden. Auch gänzlich neue Jobs entstehen – z.B. in der Elektroindustrie, die Ladesäulen und Wallboxen errichtet. Studien zeigen, dass die Antriebswende unter dem Strich zu mehr Beschäftigung führen kann. Chancen bietet zudem die Produktion von Batteriezellen.

Wir wollen die Forschungsförderung und die Batteriezellproduktion in Europa stärken. Dann können Batterien nicht nur nachhaltiger produziert werden, sondern europäische Unternehmen kommen auch bei neuen Batterietypen technologisch voran.

Überall laden - auch vor der Haustür

Die „Reichweitenangst“ ist noch häufig verbreitet. Abhilfe schafft eine gut ausgebaute öffentliche Ladeinfrastruktur – auch im ländlichen Raum. Wir wollen die staatlichen Förderprogramme von Bürokratie befreien, höhere Förderungen für den ländlichen Raum vorsehen und die Ausschreibungen von bundesweiten Schnelllade-Standorten zum Erfolg führen. Auch eine Pflicht, bestehende Parkplätze mit Ladesäulen nachzurüsten, kann helfen. Unser Ziel: Ein dichtes, schnelles und einheitliches Ladenetz in ganz Deutschland. Dazu gehört auch, dass das Laden so einfach ist wie das Tanken. Wir wollen die Betreiber von Ladesäulen deshalb zu mehr Einheitlichkeit verpflichten. Im besten Fall reicht zur Bezahlung dann eine App oder Karte aus – auch ohne Ladevertrag. Informationen zu den Ladesäulen, vor allem Strompreis und Belegungsstand, müssen jederzeit verfügbar sein.

Wer sein E-Auto lädt, macht das in vielen Fällen daheim oder bei der Arbeit. Der grüne Vorschlag eines Rechtsanspruchs für Mieter*innen und Miteigentümer*innen in Mehrfamilienhäusern, eine Lademöglichkeit an ihrem Stellplatz anbringen zu dürfen, wurde bereits umgesetzt. Wir wollen aber, dass bei größeren Neubauten Ladestationen gleich mitgebaut werden, und setzen uns deshalb für ambitioniertere Quoten im Baurecht ein. So kann es jeden Morgen mit vollem Akku losgehen. Das gelingt mit keinem Verbrenner.

Sauber soll sich lohnen

Wir Grüne im Bundestag unterstützen die Kaufprämie für reine E-Autos, wollen sie im Gegensatz zur Bundesregierung aber über ein Bonus-Malus-System im Rahmen der Kfz-Steuer finanzieren, anstatt allgemeine Steuergelder einzusetzen, und für Elektro-Leichtfahrzeuge öffnen. E-Autos bekommen eine Gutschrift, während Spritschlucker stärker an den ökologischen Kosten beteiligt werden. Plug-in-Hybride, bei denen im Alltag vor allem der Verbrennungsmotor und nicht der elektrische Antrieb genutzt wird, dürfen keine Förderung mehr bekommen. Dienstwagen wollen wir künftig stärker anhand der CO2-Emissionen des Fahrzeugs besteuern, damit saubere Autos attraktiver werden. Die staatlichen Dieselsubventionen, immerhin acht Milliarden Euro pro Jahr, wollen wir schrittweise abschaffen.

Weiter fahren als gedacht

Geringe Reichweiten, hohe Kosten, überschaubare Auswahl – einige Vorurteile halten sich hartnäckig. Und auch in der Bundesregierung wird mehr über Reichweitenangst gesprochen als über die Chancen der E-Mobilität. Doch der Markt entwickelt sich: Reichweiten von vielen hundert Kilometern sind längst Standard. Die Modellvielfalt steigt zwar langsam, aber stetig. Auch das Kostenargument zieht nicht, denn viele E-Auto-Modelle sind über die ganze Nutzungsdauer schon heute günstiger als vergleichbare Verbrenner. Das belegt nicht nur eine Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft, sondern zeigen auch Berechnungen des ADAC. Mit langen Lieferzeiten für einige Modelle untergräbt allerdings die Automobilwirtschaft ihre eigenen Erfolge. Hier müssen unsere Unternehmen schneller werden.

Ökologisch klar im Vorteil

Zwar verbraucht die Akkuproduktion viel Energie, doch beim Betrieb des E-Autos fällt die Klimabilanz eines E-Autos deutlich positiv aus. Unter dem Strich sind E-Autos damit klimafreundlicher als fossile Verbrenner. Das zeigen verschiedene Studien und Gutachten. Und der Vorsprung wird größer, je mehr Ökostrom im Netz ist.

Für Batterien in Elektrogeräten und auch E-Autos werden Rohstoffe wie Lithium und Kobalt benötigt, die derzeit teilweise unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut werden. Das muss sich ändern. Damit Unternehmen dem Schutz von Umwelt und Menschenrechten in ihren Lieferketten umfassend nachkommen, fordern wir deutliche Verbesserungen beim Lieferkettengesetz.

Auch die Ressourcenbilanz der E-Mobilität muss sich weiter verbessern. Die Wissenschaft zeigt zudem Wege auf, wie Akkus künftig mit anderen Rohstoffen hergestellt werden können. Schon heute sinkt der Kobalt-Anteil in bestimmten Akkus und manche Hersteller haben angekündigt, diesen Rohstoff bald gar nicht mehr einzusetzen. Ein großer Batteriehersteller will sogar zusätzlich auf Lithium verzichten. Wir Grüne im Bundestag beschäftigen uns mit der Nachhaltigkeit der Elektromobilität bereits seit Jahren, etwa bei einem Fachgespräch mit Expert*innen aus Verbänden, Wissenschaft und Industrie.

Ausgediente Akkus sind wertvolle Rohstofflager. Je besser sie recycelt werden, desto weniger neue Ressourcen werden benötigt. Dieses Recycling funktioniert technisch bereits sehr gut, doch bislang fehlen gesetzliche Regeln, die ein umfangreiches Recycling auch vorschreiben. Wir setzen uns für hohe Sammelquoten ein, damit mehr Akkus ins Recycling gelangen. Außerdem brauchen wir separate Recyclingquoten für die Rohstoffe und eine Vorgabe, dass zurückgewonnene Materialien in neuen Produkten eingesetzt werden.

Einsatzfelder nicht nur im Auto

Wir wollen, dass möglichst viel Verkehr „unter Strom“ steht. Im Bahnverkehr hat sich die E-Mobilität schon lange durchgesetzt. Aber viele Strecken betreibt die Bahn immer noch mit Dieselloks. Wir wollen dafür sorgen, dass bis zum Jahr 2030 mindestens 75 Prozent des Schienennetzes elektrifiziert werden. Auch Nahverkehrsbusse können gut elektrisch fahren, wir wollen sie deshalb fördern. Berlin hat sich vorgenommen, bis zum Jahr 2030 vollständig auf E-Busse umzustellen. Elektrische Lieferfahrzeuge haben ebenso viel Potenzial. Zusammen mit Lastenrädern machen sie die Citylogistik sauber. Auf vielen Strecken können heute auch Lkw schon mit Batterieantrieb fahren, denn laut Bundesregierung sind vier von fünf Lkw-Fahrten kürzer als 100 Kilometer.

Für andere Zwecke werden Wasserstoffantriebe die Alternative zum Diesel sein. Wir wollen unter anderem eine CO2-basierte Lkw-Maut, damit sich moderne Antriebe stärker rechnen. Die Elektrifizierung gibt auch dem Radverkehr Rückenwind. Viele Menschen, die vorher nicht aufs Rad gestiegen sind, kommen mit Pedelecs und E-Bikes gut durch den Alltag. Was an vielen Stellen noch fehlt, sind gute Radwege.

Und Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe?

Oft werden als Alternativen zu Batterieantrieben auch Wasserstoff oder synthetische Varianten fossiler Kraftstoffe („E-Fuels“) ins Spiel gebracht. Doch hier lauern große Probleme, denn für die Produktion beider Kraftstoffe braucht man große Mengen Ökostrom, die dann woanders fehlen. Beim Einsatz von Wasserstoff gehen fast drei Viertel des Stroms ungenutzt verloren, bei den sehr teuren und erst in vielen Jahren verfügbaren synthetischen Kraftstoffen noch mehr.

Die Bundesregierung hat ausgerechnet: Um alle fossilen Kraftstoffe in Deutschland auf synthetische Kraftstoffe umzustellen, bräuchte man fast die siebenfache Menge Ökostrom, die im Jahr 2020 in Deutschland produziert wurde – und zwar ausschließlich für die Kraftstoffproduktion. Hinzu kommt: Derzeit bietet kein deutscher Autohersteller Wasserstoff-Serienmodelle zum Kauf an. Mehr als 300 Millionen Euro hat die Bundesregierung bislang für Wasserstoff-Pkw und 91 Wasserstofftankstellen ausgeben – und trotzdem setzen sich Wasserstoffautos nicht durch.

Wasserstoff könnte in Zukunft eher im Lkw eingesetzt werden. Und die kostbaren Mengen synthetischer Kraftstoffe müssen wir für Flugzeuge oder Schiffe reservieren, für die ein Batterieantrieb nicht geeignet ist.

Unsere Forderungen für mehr E-Mobilität im Überblick

1. Wir wollen Bus und Bahn sowie Fuß- und Radverkehr stärken. Das Auto wird Teil des Mobilitätsmixes bleiben. Wir wollen aber, dass es sauber fährt. Ab 2030 sollen deshalb nur noch emissionsfreie Autos neu zugelassen werden.

2. Unsere Automobilwirtschaft müssen wir beim Umstieg auf klimafreundliche Antriebe verlässlich unterstützen. Ein Fonds soll auch kleinen und mittleren Zulieferern bei der Transformation helfen.

3. Arbeitnehmer*innen sind das Rückgrat der Transformation. Mit Weiterbildungsangeboten, insbesondere einer Qualifizierungs-Kurzarbeit, wollen wir ihnen neue attraktive Perspektiven geben.

4. Das öffentliche Ladenetz muss schneller und flächendeckend wachsen. Das Laden muss so einfach werden wie das Tanken. Dazu wollen wir einheitliche Bezahlstandards einführen.

5. Schon beim Gebäudeneubau müssen Lademöglichkeiten an den Parkplätzen mitgebaut werden. Wir setzen uns für ambitioniertere Quoten ein.

6. Die Kaufprämie für E-Autos muss über ein Bonus-Malus-System von den Spritschlucker-Pkw mitfinanziert werden. Plug-in-Hybride, die nicht überwiegend elektrisch fahren, dürfen keine Vorteile genießen.

7. Dieselsubventionen gehören schrittweise abgebaut. Sie verhindern den Umstieg auf die E-Mobilität und kosten jährlich über acht Milliarden Euro.

8. Wir wollen eine Batteriezellproduktion in Deutschland und Europa aufbauen. Damit halten wir Jobs und Wertschöpfung im Land und stellen hohe Ökostandards sicher.

9. Mit Verbesserungen am Lieferkettengesetz wollen wir Unternehmen in die Verantwortung nehmen. So können wir soziale und umweltrechtliche Vergehen beim Rohstoffabbau eindämmen. Vorgaben für effizientes Recycling senken zudem den Bedarf an neuen Rohstoffen.

10. Im Pkw sind Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe keine sinnvollen Alternativen zur E-Mobilität. Wir müssen die wertvollen Kraftstoffe dort einsetzen, wo wir den Strom nicht direkt nutzen können.

Infos Kompakt in unserem Flyer Elektromobilität