27 Apr 2021

Online-Fachgespräch Frauengesundheit stärken

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Beim digitalen Fachgespräch „Frauengesundheit stärken – Geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung“ diskutierten Maria Klein-Schmeink (stellvertretende Fraktionsvorsitzende und gesundheitspolitische Sprecherin) und Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Sprecherin für Gesundheitsförderung) mit Expertinnen aus Wissenschaft und Praxis, welche Forderungen eine feministische Gesundheitspolitik nach vorne stellen muss.

Zur Einführung warb Dr. Kirsten Kapper-Gonther dafür, bei diesem Thema tradierte Geschlechterstereotypen nicht zu bedienen, sondern den intersektionalen Blick zu schärfen, für sich gegenseitig verstärkende Mehrfachbenachteiligungen. Der Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen „Gerechte Gesundheitsversorgung erfordert Gendersensibilität – Frauengesundheit stärken“ stellt vor, was sich verändern muss, damit der Faktor Geschlecht in der Wissenschaft als Kriterium gilt und die Versorgung für Frauen entsprechend ausgestaltet wird. Denn die Forschung und die Versorgung gehen weiterhin oft vom „männlichen Normkörper“ aus. Beispielsweise ist bei vielen Arzneimitteln, die jetzt noch auf dem Markt sind, nicht erforscht worden, wie sie bei Frauen wirken und welche Nebenwirkungen sie für Frauen haben. Daten zum Geschlecht werden immer noch zu selten erhoben. Wir brauchen eine politische Rahmung, um den „gender data gap“ zu schließen.

Auch zu Frauen in Führungspositionen gab es keine Datenlage, bis die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen die Bundesregierung in 2018 und 2020 gefragt hat. Bis heute sind in relevanten Bereichen des Gesundheitssystems kaum bzw. keine Frauen in Entscheidungspositionen. Die gläserne Decke im Gesundheitssystem ist so dick wie die bei DAX-Konzernen. Erforderlich sind Quoten im Gesundheitssystem, denn wir dürfen die Expertise von Frauen nicht weiter systematisch ausblenden. Die Pflege ist im Wesentlichen weiblich, auch im häuslichen Bereich. Gute Pflegepolitik ist deshalb auch Frauenpolitik. Versorgungslücken, die vor allem Frauen treffen, müssen endlich geschlossen werden. Es braucht einen Kulturwandel in der Geburtshilfe und flächendeckenden Zugang zu einem medizinisch sicheren Schwangerschaftsabbruch.

Prof. Turu Stadler (Professorin für geschlechtersensible Präventionsforschung, Geschlechterforschung in der Medizin, Charité) definiert Gendermedizin als geschlechtersensible Medizin, bei der die Gesundheitsversorgung die Geschlechterunterschiede in verschiedenen sozialen Lagen mitdenkt. In Deutschland sind wir hierzu noch am Anfang. Bisher schlüsseln öffentlich geförderte Datensätze das Geschlecht nicht optimal auf und erfassen andere Diversitätsdimensionen oft gar nicht. Viele Menschen, z.B. Menschen mit Behinderung oder mit schlechter sozialer Lage, werden zu wenig sichtbar. Datenlücken müssen geschlossen und Daten nach Geschlecht und anderen relevanten Diversitätsdimensionen aufgeschlüsselt und für die Forschung datenschutzkonform zugänglich gemacht werden. Mit geschlechtersensibler Lehre, Weiterbildungen und Leitlinien kann die Versorgung verbessert werden. Für eine personalisierte Medizin müssen Geschlecht und Diversität im Behandlungskontext erhoben und berücksichtigt werden. Damit mehr Frauen und Menschen mit diversem Hintergrund in Forschung, Praxis und Lehre tätig werden, ist struktureller Wandel nötig.

Karen Walkenhorst (Mitglied des Vorstands der Techniker Krankenkasse) bemängelte, dass geschlechtersensible Gesundheitsversorgung immer noch keine Selbstverständlichkeit ist. Der Antrag der grünen Bundestagsfraktion hat das Thema auf die Tagesordnung gehoben. Warum das nötig ist, zeigt z.B. das Zukunftsthema Digitalisierung: damit kann die Versorgung individualisiert werden. Aber gleichzeitig wird der Aspekt Geschlecht als nicht relevant angesehen und negiert. Die Gefahr besteht, dass wir das, was bis jetzt im Gesundheitssystem nicht gut läuft, in die digitale Gesundheitsversorgung übertragen, wenn die zugrundeliegenden Daten „biased“ (einseitig) sind. Die „Feminisierung der Medizin“ (über 60% der Medizinstudierenden ist weiblich) wirdt die Behandlung geschlechtersensibler machen, weil viele Ärztinnen auf Frauen besser eingehen. In der Medizin wie in anderen Arbeitsbereichen erfahren Frauen einen Gehaltsunterschied. Noch sind das Gesundheitswesen und seine Entscheidungsprozesse männlich geprägt. Wir brauchen mehr Frauen und verschiedene Blickwinkel in Entscheidungspositionen im Gesundheitswesen, damit Geschlechtersensibilität in der Gesundheitsversorgung ankommt.

Die Teilnehmenden bei der Veranstaltung aus der Geschlechterpolitik (49%), der Gesundheitsversorgung (41%) und der Forschung (10%) fragten u.a. zu geschlechterspezifischen Bereichen der Gesundheitsversorgung: der Geburtshilfe, dem Schwangerschaftsabbruch und der noch unzureichenden Forschung zur Gesundheit von Frauen in den Wechseljahren. Dr. Kirsten Kappert-Gonther unterstrich: Unser Gesundheitssystem wird besser und gerechter, wenn wir Gendersensibilität entwickeln und stärker in den Mittelpunkt stellen. Prof. Turu Stadler forderte, die Vergabe von Forschungsgeldern mit einer Auswertung der Daten nach Geschlecht zu verbinden. Die Forschungsförderung muss eine „Geschlechterlinse anlegen“, zu Forschungsfragen und bei der Zusammensetzung von Forschungsteams. Karen Walkenhorst stellt verschiedene Maßnahmen der Frauenförderung vor: Mentoring-Programme, Erfahrungsaustausch, Job-Sharing und geschlechtersensible Auswahl- und Entscheidungsprozesse. Eine geschlechtersensible Gesundheitsversorgung ist keine Geldfrage, sondern eine Frage von Ausbildung und Forschung. Die Digitalisierung als Vernetzung von Daten bietet Chancen, denn bei ihr geht es um eine individualisierte Orientierung an der Kundin bzw. dem Kunden und damit auch um den Blick auf das Geschlecht. Gefragt nach den Nationalen Gesundheitszielen und der Nationalen Präventionskonferenz, in der die Sozialversicherungsträger, die private Kranken- und Pflegeversicherung, staatliche Akteur*innen, Sozialpartner und Akteur*innen der Zivilgesellschaft zusammen die Präventionsstrategie für Deutschland weiterentwickeln, waren sich die drei Referentinnen einig: Bei diesem wertvollen Prozess gibt es noch viel „Raum nach oben“ in puncto Geschlechtersensibilität als Querschnittsaufgabe und politische Maßnahmen zur Umsetzung.

Zum Abschluss der Veranstaltung hob Maria Klein-Schmeink hervor: Die geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung ist für Bündnis 90/Die Grünen ein wichtiges Anliegen für die nächste Wahlperiode. Wie unser Antrag zeigt, haben wir uns viel vorgenommen. Dr. Kirsten Kappert-Gonther betonte, wo für Bündnis 90/Die Grünen die Prioritäten liegen: Gendersensibilität in allen Bereichen, Verbesserung der Gesundheitsforschung, Schließung des „gender data gap“, eine Quote für die Entscheidungsgremien des Gesundheitssystems und Verbesserungen in den Bereichen Geburtshilfe und reproduktive Rechte.

Uhrzeit Programm
15.00

Begrüßung:
Maria Klein-Schmeink MdB
Stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Gesundheitspolitische Sprecherin
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Politische Einführung:
Dr. Kirsten Kappert-Gonther MdB
Sprecherin für Gesundheitsförderung
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Inputs von:
Prof. Dr. Gertraud (Turu) Stadler
Professorin für geschlechtersensible Präventionsforschung
Geschlechterforschung in der Medizin
Charité

Karen Walkenhorst
Mitglied des Vorstands der Techniker Krankenkasse

Diskussion und Moderation:
Maria Klein-Schmeink MdB

Zusammenfassung und Ausblick
Dr. Kirsten Kappert-Gonther MdB

16.30 Ende der Veranstaltung