10 Mai 2021

Online-Fachgespräch Mörderische Medizin. NS-"Euthanasie"-Verbrechen

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Aufzeichnung vom 10.05.2021
  • Zwischen 1939 und 1945 wurden bis zu 300.000 Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen ermordet.
  • Wir fordern, dass die Opfer von „Euthanasie“ und Zwangssterilisation als Verfolgte des NS-Regimes vollständig anerkannt werden und das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ für nichtig erklärt wird.
  • Um diese Verbrechen weiter aufarbeiten zu können, fordern wir ein Vernichtungsverbot aller betreffenden Akten und die Einrichtung einer zentralen Informationsstelle.

Fast 70 Jahre lang wurden NS-“Euthanasie-Verbrechen“ und Zwangssterilisationen aktiv beschwiegen. Bis heute gibt es Lücken in der Aufarbeitung von Kontinuitäten und Denkmustern, die sich auch nach 1945 fortsetzten.

Hierüber diskutierten Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Obfrau im Gesundheitsausschuss) und Erhard Grundl (Sprecher für Kulturpolitik) mit Prof. Thomas Beddies, (Charité), Ulrika Mientus (Philipps-Universität Marburg), Gerhard Schneider (Bezirksklinikums Mainkofen), PD Dr. Winfried Süß (ZZF) und Dr. Sibylle von Tiedemann (Gedenkinitiative „Euthanasie“-Opfer).

Einleitend erklärte Kirsten Kappert-Gonther, über Kontinuitäten zu sprechen bedeute auch, über die bis heute fortdauernde Stigmatisierung von Menschen mit seelischen Erkrankungen oder geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen zu sprechen.

Akten erhalten, Nachgeschichte aufarbeiten

Bereits 1945 wurden Akten vernichtet, um die Verbrechen zu vertuschen, berichtete Krankenhausdirektor Gerhard Schneider. Ihm ist zu verdanken, dass über 12.000 Krankenakten erhalten blieben. Heute gibt es ein Archiv und eine Gedenkstätte im Bezirksklinikum Mainkofen.

Schneider unterstrich die Notwendigkeit eines Kassationsverbots – also des Verbots der Aktenvernichtung - für alle Akten, die NS-Verbrechen betreffen. Damit unterstützt Schneider eine zentrale Forderung unseres Antrags „NS-Euthanasie-Morde und Zwangssterilisation – Nachgeschichte erforschen".

Die „Euthanasie“-Verbrechen seien das „Ergebnis eines Sozialdarwinismus und der Eugenik, die Menschen nach Erbanlagen in eine Wertehierarchie einteilten“, erklärte Winfried Süß. Das Ziel - der „homogene Volkskörper“ - richtete sich gegen alle Formen der Abweichung. Nach 1945 galten Zwangssterilisationen zunächst nicht als NS-Unrecht. Die Mitwirkung an den Eingriffen in die körperliche Unversehrtheit der Opfer führte für die Beteiligten nicht zum Karriereschaden, so Dr. Süß.

Während für uns heute das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 selbstverständlich nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist, war die Deutung der Nachkriegsjahre eine andere, erläuterte Ulrika Mientus. Weil Zwangssterilisationen nicht als Unrecht betrachtet wurden, blieb auch die Abwertung als „erbkrank“ und „minderwertig“ unwidersprochen. Medizin und Psychiatrie behielten die Deutungshoheit, die Erzählungen der Betroffenen dagegen wurden pauschal negiert, betonte die Historikerin.

Vor alten Mustern bewahren

„Die Dimension der Verbrechen geht nicht einher mit einer Dimension der Unwissenschaftlichkeit“, erklärte Professor Beddies. Es wurde durchaus Wissenschaft betrieben - aber ohne ethische Maßstäbe. Heute gehe es in der Medizin immer um eine Individualethik, nicht um einen „Volkskörper“. Das Ziel in der Lehre sei es, Student*innen vor alten Mustern zu bewahren. Neben der Aufarbeitung vor Ort befürwortete Professor Beddies die Einrichtung einer Informationsstelle für Wissenschaft und Forschung, um das Wissen aus der Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft zu tragen.

Anfangs sei die Gedenkinitiative auf Widerstand gestoßen berichtete Dr. Sibylle von Tiedemann. Angehörige würden durch die Nennung der Namen stigmatisiert, hieß es. Tatsächlich suchten viele Auskünfte und wurden mit dem Hinweis abgewiesen, Akten seien nicht mehr vorhanden. Umso wichtiger sei es, so von Tiedemann, die Recherchen zu unterstützen, aber auch Angehörige bei der Akteneinsicht emphatisch und wissenschaftlich zu begleiten.

Abschließend betonte Erhard Grundl, dass der Umgang einer Gesellschaft mit den verletzlichsten ihrer Mitglieder Ausdruck ihrer inneren Verfasstheit sei. Krankheit und Einschränkungen seien Teil menschlicher Existenz und niemand hat das Recht, das Leben eines anderen für „lebensunwert“ zu erklären. Er betonte dabei nochmals die Notwendigkeit der in unserem Antrag geforderten Anerkennung der Opfer von „Euthanasie“ und Zwangssterilisation als Opfer des Nationalsozialismus.  

Uhrzeit Programm
18.00

Begrüßung und politische Einführung:

Dr. Kirsten Kappert-Gonther MdB
Obfrau im Ausschuss für Gesundheit
Stellv. Mitglied im Kulturausschuss
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Kurzinterview mit:

Gerhard Schneider
Krankenhausdirektor des Bezirksklinikums Mainkofen

Diskussionsrunde mit:

Prof. Thomas Beddies
Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin
Charité -- Universitätsmedizin Berlin
 

Ulrika Mientus
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Philipps-Universität Marburg
 

PD Dr. Winfried Süß
Leiter der Abteilung "Regime des Sozialen"
Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung
 

Dr. Sibylle von Tiedemann
Koordinatorin der Gedenkinitiative für die „Euthanasie“-Opfer

Moderation: Erhard Grundl MdB
Sprecher für Kulturpolitik
Obmann im Kulturausschuss
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Dr. Kirsten Kappert-Gonther MdB

Schlusswort: Erhard Grundl MdB

19.30 Ende der Veranstaltung