24 Feb 2021

Online-Fachgespräch Nachweis neuer Gentech-Pflanzen – Man sieht nur was man weiß

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Videoaufzeichnung des digitalen Fachgesprächs vom 24. Februar 2021
  • Das Fachgespräch der Fraktion fand am 24.2.2021 mit sechs Experten statt.
  • Wie können die Kontrollbehörden nicht zugelassene neue Gentechnik-Pflanzen in der EU aufspüren? Dazu sind sie verpflichtet. Doch Nachweise für Pflanzen, die bereits in Nordamerika angebaut werden, fehlen oder werden nicht genutzt.
  • Fazit: So lange wir wissen, wonach wir suchen, können Nachweise erbracht werden. Schwierig wird es bei illegal eingeführten Gentechnik-Pflanzen in die EU, wenn die Hersteller nicht kooperieren.

Auch neue Gentechnik ist Gentechnik und wird als solche reguliert – so urteilte im Jahr 2018 der Europäische Gerichtshof. Bisher liegen der EU keine Anträge auf Zulassung von Pflanzen vor, die mit den neuen gentechnischen Methoden gewonnen wurden. Aber zwei dieser Pflanzen stehen auf nordamerikanischen Äckern: ein herbizidtoleranter Raps der Firma Cibus und eine Sojapflanze mit verändertem Fettsäuregehalt der Firma Calyxt.

Nachweise entwickeln

Für die Kontrollbehörden besteht die Pflicht, illegale gentechnisch veränderte Organismen (GVO) aufzuspüren, damit sie sich nicht in die Warenströme der EU mischen. Doch es fehlt an Nachweisverfahren. Mangelnde technische Möglichkeiten oder mangelnder politischer Wille, fragte MdB und Sprecher für Gentechnikpolitik Harald Ebner. Seiner Meinung nach müssten „EU und Bundesregierung alles daran setzen, um Tests entwickeln zu lassen und um einen Überblick zu behalten, was auf dem globalen Markt an Genome-Editing-Pflanzen verfügbar ist.“

Da die Behörden bislang nichts vorgelegt haben, wurde ein Konsortium aus NGOs aktiv und beauftragte ein US-amerikanisches Labor mit der Entwicklung eines Tests für den Cibus-Raps. Der Test wurde im September 2020 wissenschaftlich publiziert und vom österreichischen Umweltbundesamt validiert, nicht aber von der europäischen Ebene oder dem deutschen Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Zentrales Problem sind widersprüchliche Aussagen des Herstellers, ob er bei der Entstehung der Rapslinien Gentechnik eingesetzt hat oder nicht.

Wie weit ist die Wissenschaft?

Es fehle an wissenschaftlichem Know-how, beklagte Lutz Grohmann vom BVL. Dem wolle man etwa mit dem gerade begonnen Forschungsvorhaben des IPK Gatersleben und der Universität Kiel begegnen. Ergebnisse, zum Beispiel ob es vererbbare Muster gäbe, die auf die angewandte gentechnische Methode schließen ließen, kann man aber erst in zwei Jahren erwarten. Ein weiteres Problem sei die fehlende Kooperation der Hersteller. So hätte das BVL versucht, sowohl von Cibus als auch von Calyxt Referenzmaterial zu bekommen, also Proben ihrer verkauften Pflanzen und Samen, und keines oder erst spät und zu wenig erhalten. Auf der Basis dieses Referenzmaterial können Nachweismethoden erst entwickelt werden. Für den Cibus-Nachweis stellte er einen Bericht des BVL für März in Aussicht.

Dr. Margret Engelhard vom Bundesamt für Naturschutz schätzt die Wissenschaft hier schon weiter ein: So lange wir wüssten, wonach wir suchen, sei das „machbar, umsetzbar, erforschbar“. Wenn wir Sequenzinformationen haben, könnte das Referenzmaterial auch synthetisch hergestellt werden. Außerdem hätten die meisten Entwicklungen in der Pipeline der Unternehmen nicht nur eine Veränderung. „Da werden viele Gene verändert– damit wird der Nachweis noch leichter, wenn man nicht nur an einer Stelle guckt. Es geht aber auch bei Punktmutationen.“

Dr. Konstantin Rizos, Technical Director der Foodchain ID Testing GmbH, zeigte ebenfalls optimistisch, was die Entwicklung neuer Tests angeht: „Hat man Zugang zu Referenzmaterial und zur DNA-Sequenz, lässt sich im besten Fall ein PCR-basierter Test innerhalb einiger weniger Monate entwickeln und validieren.“ Er forderte ein politisches Signal, „dass EU-Recht nicht auf Dauer ignoriert werden kann, wenn nicht zugelassene GVO in Warenströme kommen.“

Was brauchen die Kontrolllabore?

Dr. Tobias Jacobi, koordinierender Referent für Gentechnik im Umweltministerium Rheinland-Pfalz hob hervor, dass sich die Landesbehörden auf eindeutige Ergebnisse der Laboruntersuchungen verlassen müssen, da sie auf dieser Grundlage so folgenschwere Dinge anordnen wie den Umbruch von Feldern: „Die Methoden müssen valide und gerichtsfest sein.“

Dagegen hielt Rechtsanwalt Dr. Georg Buchholz, dass die Behörden nicht auf 100prozentige Nachweise warten dürften. Man müsse „auch im Verdachtsfall einschreiten“. Sonst nehme man „sehenden Auges in Kauf, dass man gentechnisch veränderte Pflanzen nicht mehr raus bekommt.“

Solange kein gerichtsfester Test vorliegt, schlägt Dr. Jacobi hingegen eine „Rückverfolgbarkeit der Handelskette bis an die Quelle“ vor. Die Händler müssten sich von ihren Lieferanten verbindliche Erklärungen über die Art der Herstellung geben lassen.

Wissen, wonach man sucht – Datenbanken helfen weiter

„Wir brauchen eine qualitativ hochwertige Datenbank, in der möglichst alle Genotypen der auf dem Markt befindlichen oder in der Entwicklung fortgeschrittenen genomeditierten Pflanzen und auch ihre Elternlinien aufgeführt sind“, forderte Dr. Jacobi. Dr. Engelhard (BfN) schloss sich der Forderung an und ergänzte, dass auch „indirekte Informationsquellen aus Publikationen, Patenten, Zulassungsverfahren in Drittländern“ genutzt werden sollten. Die zwei bestehenden GVO-Register – das Biosafety Clearing House der Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen und die EUginius-Datenbank – sollten politisch gestärkt werden.

Dr. Grohmann (BVL) sprach sich für die Weiterentwicklung der EUginius-Datenbank aus, die vom BVL mit getragen wird. Hier würden nur öffentlich zugängliche Informationen eingetragen. Sehr skeptisch stand er sowohl einem Register auf globaler Ebene als auch einer Verpflichtung der Hersteller auf Informationsweitergabe gegenüber: „Das sehen wir als eine sehr große Herausforderung, um das mal vorsichtig zu formulieren“. Rechtsanwalt Buchholz sah hingegen durchaus eine Möglichkeit, das verpflichtende GVO-Register auf EU-Ebene auszuweiten, das bisher nur freiwillig und nur für zugelassene GVO gelte.

Schwierig, aber nicht unmöglich

Harald Ebner fasste zusammen, dass wir im Gegensatz zum Anfang der Debatte vor zwei bis drei Jahren heute weiter seien: „Wir haben nicht die Lösung, aber es gibt Mittel und Wege, solche Nachweise zu bringen oder durch andere Methoden ersetzen zu können.“

Die Ergebnisse des Fachgesprächs sollen in einen Antrag fließen.

Uhrzeit Programm
14.00

Grußwort Dr. Anton Hofreiter
Fraktionsvorsitzender
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Begrüßung und politische Einführung:

Harald Ebner
Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Statements und anschließende Diskussionsrunde:

Dr. Georg Buchholz
Rechtsanwalt

Prof. Dr. Detlef Bartsch
Leiter der Abteilung Gentechnik im Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit         

Dr. Lutz Grohmann
Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Abteilung Gentechnik

Dr. Tobias Jacobi
koordinierender Referent für Gentechnik im Ministerium für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten Rheinland-Pfalz

Dr. Margret Engelhard
Bundesamt für Naturschutz, Leitung Abteilung Gentechnik

Dr. Konstantin Rizos
Technical Director, Foodchain ID Testing GmbH


Moderation & Schlusswort: Harald Ebner MdB

15.30 Ende der Veranstaltung