18 Mär 2021

Online-Fachgespräch Ohne Zeitzeug*innen: Wie kann Jugend künftig erinnern?

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  • Wenn Zeitzeug*innen künftig fehlen, bedarf es neuer Konzepte der Geschichtsvermittlung und alternativer Möglichkeiten des Erinnerns.
  • Erinnerungskultur ist ein unverzichtbarer Baustein der demokratischen Bildung und trägt dazu bei, gerade auch junge Menschen widerstandsfähig gegen Verschwörungstheorien zu machen.
  • Neben Faktenwissen und der Stärkung von Kompetenzen im Umgang mit Medien und historischen Quellen, brauchen junge Menschen einen eigenen Zugang zur Erinnerungskultur.

Die Ära der Zeitzeug*innen geht zu Ende. Künftig brauchen wir neue Konzepte der Geschichtsvermittlung und Möglichkeiten des Erinnerns. Erinnerungskultur ist ein wichtiger Baustein der demokratischen Bildung, gerade jetzt, wo unsere Gesellschaft zunehmend durch Angriffe von rechts erschüttert wird. Gleichzeitig nehmen Verschwörungsnarrative immer mehr Raum ein und verbreiten ihr Gift. Das Ziel muss es sein, junge Menschen dagegen stark zu machen, damit sich Fakten gegen Fake-News behaupten, betonte die jugendpolitische Sprecherin der Fraktion Beate Walter-Rosenheimer zu Beginn des öffentlichen Fachgesprächs.

Junge Menschen brauchen gegen Verschwörungstheorien Selbstbewusstsein und Fakten

Bis heute falle es schwer, die Erinnerung an die Nazi-Zeit immer wieder aufleben zu lassen, indem sie darüber berichte, sagte Charlotte Knobloch. Die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern stellt bei ihren Vorträgen in Schulen immer wieder fest, dass die Schüler*innen sehr interessiert sind. Das war nicht immer so. Sie habe Zeiten erlebt, in denen keiner sich erinnern wollte und die Überlebenden alleine waren mit der Bewältigung der Vergangenheit. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagte sie zur Erinnerungskultur und mahnt, sie nicht bei Seite zu legen. Es gehe auch darum, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass solche Dinge nicht wieder passieren. Junge Menschen, so resümierte sie, brauchten gegen Verschwörungstheorien Selbstbewusstsein und Fakten.

Auch Gabriele Hammermann, Leiterin der Gedenkstätte Dachau, schätzt die jugendlichen Besucher*innen der KZ-Gedenkstätte, mehr als in den 1970- oder 80iger Jahren, interessiert ein, das Vorwissen sei jedoch unterschiedlich. Es fehle der persönliche Kontakt. Gerade in Dachau, am historischen Ort, wird ein enger Kontakt zu Überlebenden, Angehörigen sowie Verbänden und Initiativen der ehemaligen Häftlinge gepflegt. Viele Zeitzeug*innen-Interviews auch mit Angehörigen wurden geführt. Gerade werden auch die ehemaligen amerikanischen Befreier befragt. Die Gedenkstätte bietet neue Formate an, um die Besucher*innen stärker einbeziehen, etwa Rundgänge durch das KZ anhand von Zeichnungen von Häftlingen oder das mit dem Bayerischen Rundfunk zusammen entwickelte Digitale Storytelling-Projekt zur Befreiung des KZs.

Gegen das Vergessen

Der 19-jährige David Schiepek hat zusammen mit Freund*innen einen Audio-Guide „Gegen das Vergessen!“ entwickelt, der durch seine Heimatstadt Dinkelsbühl zu den Orten der NS-Opfer und der Täter*innen führt. Erinnerungskultur muss lokaler und biographischer sein, um jungen Leuten einen eigenen Zugang zu Erinnerungskultur zu schaffen, so Schiepek. Bei der politischen Bildung in Deutschland sieht er Lücken. Dagegen gäbe es viele gute Initiativen zur Erinnerungskultur. Hierfür regte er an, einen Ideenpool einzurichten.

Der Historiker und Social Media Experte Hannes Burkhardt will mehr Gegenwartsbezug herstellen. Um Jugendliche im Umgang mit Verschwörungsnarrativen zu stärken, müssten Sachkompetenz, aber auch Methodenkompetenz gestärkt werden. Dann könnten Quellen oder auch Postings in Social Media kritisch hinterfragt und Urteilskompetenz entwickelt werden. Wichtig sei es, Erinnerungskultur nicht elitär zu gestalten und Bottom-up Projekte, wie die von David Schiepek, zu fördern

Erhard Grundl, kulturpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion, erinnerte an die Rede von Charlotte Knobloch am 27. Januar anlässlich der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag. Sie hatte angekündigt, den „Stab der Erinnerung“ weiterzugeben und gemahnt „Vergessen Sie uns nicht!“ Sie nahm uns damit in die Pflicht – und das ist gut so, erklärte Erhard Grundl.

Uhrzeit Programm
14.30 Begrüßung und politische Einführung:

Beate Walter-Rosenheimer MdB
Sprecherin für Jugendpolitik und Aus- und Weiterbildung
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion
14.35

Panel 1: Wie kann Jugend ohne Zeitzeug*innen in Zukunft erinnern?

Videobotschaft von:
Dr. Floriane Azoulay
Direktorin Arolsen Archives
International Center on Nazi Persecution

Gesprächsrunde mit:
Dr. h.c. Charlotte Knobloch
Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Dr. Gabriele Hammermann
Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau

Moderation:
Erhard Grundl MdB
Sprecher für Kulturpolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

14.55

Panel 2: Wie können Jugendliche stark gemacht werden gegen Verschwörungsmythen?

Videobotschaft von:
Marlene Schönberger
Politikwissenschaftlerin

Gesprächsrunde mit:
Dr. Hannes Burkhardt
Historiker und Social Media Experte
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

David Schiepek
Initiator des Audio-Guides "Gegen das Vergessen!"

Moderation:
Beate Walter-Rosenheimer MdB

15.15

Diskussionsrunde

Moderation:
Beate Walter-Rosenheimer MdB
Erhard Grundl MdB

15.55

Zusammenfassung und Fazit:
Erhard Grundl MdB

16.00 Ende der Veranstaltung