Veranstaltungsbericht Wenn die Mutter lesbisch lebt(e)

Fachgespräch: Wenn die Mutter lesbisch lebt(e). Auf dem Podium im Bundestag, vlnr.: Dr. Christiane Rohleder, Staatssekretärin im Ministerium für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz aus Rheinland-Pfalz, Jutta Brambach, Vorstand Dachverband Lesben und Alter e. V., stellvertretende Fraktionsvorsitzende der grünen Bundestagsfraktion Katja Dörner, Ulle Schauws, Sprecherin für Queer- und Frauenpolitik, Dr. Kirsten Plötz, die Historikerin, Lucy Chebout, Rechtsanwältin, Ina Rosenthal, Geschäftsführung Rad und Tat: Offene Initiative Lesbischer Frauen e.V. Berlin.
Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag
Uhrzeit Programm
15.30 Anmeldung
16.00

Begrüßung

Katja Dörner MdB
Stellv. Fraktionsvorsitzende
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

16.10

Inputs

Dr. Christiane Rohleder
Staatssekretärin im Ministerium für Familie, Frauen, Jugend,
Integration und Verbraucherschutz, Rheinland-Pfalz

Jutta Brambach
Vorstand Dachverband Lesben und Alter e. V.

16.30

Podium

Moderation: Ulle Schauws MdB
Sprecherin für Frauenpolitik, Sprecherin für Queerpolitik
Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Dr. Kirsten Plötz
Historikerin
Forschungsprojekt zum Sorgerecht von ehemals verheirateten
Müttern mit nunmehr lesbischen Beziehungen

Lucy Chebout
Rechtsanwältin

Ina Rosenthal
Geschäftsführung RuT e. V.

N.N.  

anschließend Diskussion mit dem Publikum
19.00 Ende der Veranstaltung

Anreise:

Mit der U- oder S-Bahn bis Haltestelle „Hauptbahnhof“ oder „Bundestag“ (U-Bahn 55) oder mit dem Bus 100 bis zur Haltestelle „Reichstag/Bundestag. Über den Eingang West (gegenüber dem Kanzleramt) gelangen Sie zum Veranstaltungsort. Um in das Paul-Löbe-Haus zu gelangen, benötigen Sie ein amtliches Personaldokument. Eine namentliche Anmeldung mit Angabe des Geburtsdatums ist erforderlich.

  • Bis in die 1990er Jahre hinein wurde Frauen, die in Beziehungen mit Frauen lebten, in Deutschland in Einzelfällen das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. Begründet wurde das oft mit der Gefährdung des Kindeswohls.
  • Wir Grüne im Bundestag wollen das Thema endlich enttabuisieren, öffentlich diskutieren und das geschehene Unrecht anerkennen.
  • Wir fordern eine bundesweite Aufarbeitung.

Am 17.1.2020 lud die grüne Bundestagsfraktion zum Fachgespräch „Wenn die Mutter lesbisch lebt(e) - Fälle von Sorgerechtsentzug bei Müttern, die in Beziehungen mit Frauen lebten“ ein. Aktuell wird zu diesem Thema eine erste Studie für das grüne Familienministerium in Rheinland-Pfalz erstellt. Eine bundesweite Aufarbeitung und genaue Zahlen, wie viele Frauen von einem Sorgerechtsentzug betroffen oder bedroht waren, sowie zur Lage der lesbischen und bisexuellen Mütter in der DDR fehlen bisher völlig.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der grünen Bundestagsfraktion Katja Dörner begrüßte die Gäste und unterstrich gleich zu Beginn, wie wichtig es ist, einen Raum zu schaffen, in dem über das Unrecht, das durch das entzogene Sorgerecht Müttern und ihren Kindern angetan wurde, öffentlich gesprochen werden kann. Sie erläuterte, dass auch heute noch bei Jugendämtern und Familiengerichten mitunter persönliche Vorurteile zum Tragen kommen. 

Anschließend gab Dr. Christiane Rohleder, Staatssekretärin im Ministerium für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz aus Rheinland-Pfalz, einen Einblick in die Entstehung der Studie für das Land Rheinland-Pfalz und in die Lebensumstände, in denen sich lesbische und bisexuelle Mütter damals befanden. Jutta Brambach, Vorstand Dachverband Lesben und Alter e. V., ergänzte diese Einordnung eindrücklich um die Sorgen und Ängste, die damit einhergingen, zum Beispiel die Sorge davor, wie ein Outing Unterhaltsansprüche beeinflussen würde.

Ulle Schauws, Sprecherin für Queerpolitik, übernahm dann die Moderation des Podiums und betonte, dass wir erst am Anfang des Aufarbeitungsprozess stehen und deshalb noch nicht viel wissen. Wichtig ist es, das Unrecht zu benennen, und über die Angst zu sprechen, die ein möglicher Sorgerechtsentzug bereitet hat.

Was ist damals passiert?

Dr. Kirsten Plötz, die Historikerin, die das Forschungsprojekt für Rheinland-Pfalz durchführt, erzählte zunächst davon, dass nur wenige Frauen bereit waren mit ihr über ihre Erfahrungen zu sprechen; zum Teil weil das Erlebte bis heute stark mit Scham besetzt ist, aber auch aus Angst vor noch immer möglichen existenzgefährdenden Repressalien. Danach schilderte sie einen konkreten Fall, der das Ausmaß eines Sorgerechtsentzugs verdeutlichte. Ein Vater, dem im Zuge der Scheidung das Sorgerecht zugesprochen wurde, nutzte das Wissen um die neue Partnerin seiner Exfrau, um ihr mit Einschränkungen im Umgang mit dem gemeinsamen Kind zu drohen.

Auch Lucy Chebout, Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Familienrecht, berichtete über die Schwierigkeit Urteile zu finden, in deren Begründungen explizit die Partnerin, bzw. die sexuelle Identität der Mutter angeführt ist. Dies liegt in erster Linie an dem Begriff „Kindeswohl“, mit welchen ein Sorgerechtsentzug oft begründet wurde. Da dieser allerdings kein gesetzlich klar definierter Begriff ist, kann er unterschiedlich ausgelegt werden. Somit ist die Suche nach entsprechenden Akten sehr komplex. 

Ulle Schauws verlas einen Zeitzeuginnenbericht von Betty Thie, in dem eine weitere Facette der Problematik beschrieben wurde. In den 1970ern Jahren arbeitete sie als Erzieherin in einem Kinderheim in Baden-Württemberg. In diesem wurden unter anderem Mädchen untergebracht, die ihren Müttern mit dem Ziel weggenommen worden, sie vor „Missbrauch und vor Entwicklungsstörung durch das unsoziale Verhalten und schlechte Vorbild der Mutter“ zu schützen. Betty Thie berichtete von verhindertem und zensiertem Kontakt zu den Müttern, sowie von Weglaufversuchen der Mädchen.

Ergänzend benannte Ina Rosenthal, Geschäftsführung Rad und Tat: Offene Initiative Lesbischer Frauen e.V. Berlin, den Sorgerechtsentzug und den damit einhergehenden Bruch zwischen Mutter und Kind klar als Traumatisierung, für deren Bewältigung sichere, angstfreie Räume gebraucht werden. Aus ihrer Beratungstätigkeit fügte sie hinzu, dass Frauen sich oft aus Angst um ihre Kinder nicht outeten, zum Teil auch heute noch.

Existieren Vorurteile heute immer noch? 

Immer wieder kamen die Podiumsteilnehmerinnen auf die aktuelle gesetzliche und soziale Lage von lesbischen und bisexuellen Müttern zu sprechen. Dabei stand in erster Linie der langwierige und ungleiche Prozess der Stiefkindadoption von Kindern, die in gleichgeschlechtliche Beziehungen hineingeboren werden, im Fokus. Aber auch von Diskriminierung und Vorurteilen im Kontext Schule oder Jugendamt war die Rede.

Stimmen aus dem Publikum

Das Fachgespräch war von einer sehr persönlichen und achtsamen Atmosphäre geprägt. Viele Redebeiträge aus dem Publikum berichteten von eigenen Erfahrungen, damals und heute, oder äußerten sich dazu, welche Faktoren die Ungleichbehandlung und Diskriminierung von lesbischen und bisexuellen Müttern beeinflussen und beeinflussten. So wurde im Einzelnen auf mangelnde Aufklärung und Schulung von z.B. PsychologInnen und RichterInnen verwiesen, aber auch auf die rechtliche Situation von Pflegeeltern. Auch die anhaltend prekäre Situation von Transfrauen in Rechtsprechung und im Alltag wurde eindrücklich beschrieben.

Wie geht es jetzt weiter?

In einem ersten Schritt ging es darum, Aufmerksamkeit für dieses Unrecht zu generieren. Das ist mit diesem öffentlichen Fachgespräch passiert. Als nächstes sind mehr Daten erforderlich sowie eine breite Aufarbeitung in BRD und DDR. Damit können dann mögliche Entschädigungen und Rehabilitierung der Mütter und Kinder angegangen werden. Auch die Abschaffung der Stiefkindadoption für Frauenpaare wollen wir Grüne im Bundestag im parlamentarischen Verfahren bewirken und haben dazu bereits 2018 einen entsprechenden Gesetzentwurf eingebracht.