Gespräche über Heimat

Im Osten geht die Sonne auf – Heimat im Umbruch

Im dritten Heimatsalon diskutierten wir mit der Autorin Jana Hensel und dem Maler Norbert Bisky über Heimatgefühle im Osten und wie sie sich in gesellschaftlichen Umbruchsphasen verändert haben. Grüne Bundestag/Stefan Kaminski
15.02.2019

"Heimat ist für mich der Ort, an dem es mir nicht egal ist, wie es ist", sagte ein Teilnehmer beim ersten unserer Gespräche über Heimat. Heimat lässt niemanden kalt. In der politischen Diskussionen spielt Heimat wieder eine große Rolle, ob als Kampfbegriff von Rechtsaußen, als Ressort eines Ministeriums oder als (utopischer) Gegenentwurf zum Gefühl des Abgehängt-Seins.

Seit einigen Monaten begleitet die grüne Bundestagsfraktion die Debatte in einer Reihe von Salongesprächen. Im dritten Heimatsalon am 12. Februar ging es um Ostdeutschland als Heimat. Gäste waren die Autorin Jana Hensel ("Wer wir sind", "Zonenkinder") und der Maler Norbert Bisky; mit ihnen diskutierten die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt und der kulturpolitische Sprecher Erhard Grundl.

In ihrer Begrüßung stellte Katrin Göring-Eckardt fest, dass aktuell stärker über den Osten geredet wird, als dies etwa noch vor zehn Jahren der Fall war. Sie erinnerte sich daran, welche Rolle Kultur für sie in der DDR spielte: immer war man auf der Suche nach subversiven Bedeutungen in Kunst und Literatur. Erhard Grundl nahm für sich den "Part des bayrischen Wessis" in Anspruch und wies darauf hin, dass Heimat auch bei der gerade laufenden Berlinale eine Rolle spielt, "Heimat ist ein Raum aus Zeit" heißt ein Film des Regisseurs Thomas Heise, der dort zu sehen ist.

Festgelegte Formate des Sprechens über den Osten

Auf Erhard Grundls provokante Frage, ob man denn "einmal Ossi, immer Ossi" sei, antwortete Jana Hensel, dass sie zwar wechselnde Identitäten habe, sich aber politisch und emotional als Ostdeutsche fühle.

Auch Norbert Bisky, Sohn des 2013 verstorbenen Politikers Lothar Bisky, bestätigte, dass seine DDR-Sozialisation eine große Rolle für sein Denken und Erleben spiele. Zugleich gebe es aber Dinge, für die er sich wahnsinnig schäme, und meinte dabei insbesondere den in Ostdeutschland grassierenden Rassismus. Sowohl Hensel als auch Bisky monierten, dass die Sicht auf den Osten bestimmten, sich wiederholenden Mustern folge. Bisky sprach von einer "rasterhaften Wahrnehmung", während Hensel "festgelegte Formate des Sprechens über den Osten" diagnostizierte.

Was fehle, so Hensel, sei eine gesamtdeutsche Erzählung, die ost- und westdeutschen Diskurse liefen ohne Interaktion aneinander vorbei. Erschütternd sei es, dass Ostdeutsche im öffentlichen Raum immer noch "unfassbar unterrepräsentiert" seien. So sei zum Beispiel keiner der Rektorenposten an Unis von einem oder einer Ostdeutschen besetzt. Überhaupt seien innerdeutsche Ressentiments zwischen Ost und West eines der größten Tabus der deutschen Gesellschaft, über die viel zu wenig gesprochen werde.

Bisky meinte hingegen, es werde eher zu viel als zu wenig über die berühmten "ostdeutschen Befindlichkeiten" geredet, dabei seien Menschenverachtung und Rassismus nicht durch die ostdeutsche Seelenlage zu rechtfertigen. Offenbar sei es so, dass im Osten bestimmte Bereiche des kulturellen Erlebens brachliegen, weshalb eine stärkere Beschäftigung mit Kunst, Musik und Literatur aus dem Osten wichtig sei - um so "mit Emotionen aufgeladene Räume" zu schaffen.

Das Gefühl von Wut und Scham angesichts der demokratiefeindlichen Entwicklungen im Osten teilte auch Katrin Göring-Eckardt, sie betonte aber, dass aus diesen Gefühlen die Aktion folgen müsse: das Aufstehen für die liberale Demokratie.

Von ostdeutschen Erfahrungen lernen

Im Publikumsgespräch erinnerte Michael Freundt vom Dachverband Tanz daran, dass Heimat immer mit dem Gefühl verbunden sei, mitgestalten zu können. Historisch sei dieses Gefühl bei der Gründung der DDR als auch 1989 da gewesen und müsste heute neu wiedergewonnen werden. Die grüne Bundestagsabgeordnete Monika Lazar wünschte sich, dass die Erinnerungsjahre 2019 und 2020 dazu genutzt werden, ein nachhaltiges Interesse für den Osten zu verankern.

Ähnlich äußerte sich Ellen Ueberschär von der Heinrich-Böll-Stiftung: der emanzipative Moment von 1989 sollte Teil der gesamtdeutschen Erinnerungskultur werden. Die wie Monika Lazar aus dem Osten stammende grüne Abgeordnete Luise Amtsberg forderte, dass mehr von Ostdeutschen und ihren Erfahrungen gelernt wird. Gerade zu aktuellen Themen wie Überwachung, Ausgrenzung und Diskriminierung hätten Ostdeutsche viel zu sagen.  Sie wünschte sich mehr ostdeutsches Selbstbewusstsein, während Norbert Bisky die Westdeutschen aufforderte, sich im Osten zu engagieren: "Coole Leute müssen in die ostdeutschen Gesellschaften hinein, und die coolen Leute, die schon da sind, müssen die Möglichkeit haben, da zu bleiben."