Was wurde diskutiert?

Freiheitskongress

Seite 4: Forum 3: Wahlfreiheit oder familienpolitisches Leitbild?

Zwischen den Wünschen vieler, die Verantwortung für andere übernehmen und dem, was sie im Alltag leben, klaffen große Lücken. Der Freiheit zu wählen, wie man leben will, sind Grenzen gesetzt. Letzteres bestätigte eindrücklich Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, in ihrem Input. Mit einer Vielzahl statistischer Fakten wies sie darauf hin, dass Wahlfreiheit in Deutschland noch immer deutlich geschlechtsspezifisch konnotiert sei. Männer und Frauen hätten demnach unterschiedliche Chancen, ihren Lebenswunsch zu verwirklichen. Ein wesentlicher Grund hierfür sei die noch immer existierende deutliche Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern, welche sich besonders im Rentensystem zum Nachteil der Frau auswirke. Auch die aktuelle Gesetzeslage präferiere keine Wahlfreiheit, sondern nach wie vor das Alleinverdiener- oder Zuverdiener-Modell. Aus ihrer Forschung habe sich die Grundsatzfrage ergeben, in welchem Verhältnis bezahlte Lohnarbeit zu unbezahlter Arbeit in Erziehung, Pflege oder Haushalt stehe, beziehungsweise stehen müsse. Neben der Debatte über die monetäre Förderung müsse nun auch die Frage der Zeit stärker Berücksichtigung finden.

Verführt Familienpolitik die Menschen zu ihrem Glück?

Dass Eltern auf unterschiedlichste Weise leben und arbeiten und die Familienformen in Deutschland in den letzten Jahren zunehmend bunter geworden sind, konnte vor allem Dr. Detlev Lück, Mitautor der Studie „Familienleitbilder“, bestätigen. Er ergänzte aus der Leitbildforschung zu inneren Familienbildern, dass es einen großen Unterschied zwischen dem gebe, wie Familien leben möchten, wie sie tatsächlich leben und dem, was ihrer Meinung nach die Gesellschaft von ihrer Lebensweise erwarte. Dieses Spannungsverhältnis setze viele Familien mit Kindern unter Druck und sorge für Unzufriedenheit. Vollkommene Wahlfreiheit würde seiner Auffassung nach bedeuten, dass sich die Familienpolitik völlig zurückziehen müsse. Er sehe deren Auftrag vielmehr darin, die „Leute zu ihrem Glück zu verführen“.

Barbara Streidl, Journalistin und Autorin, ergänzte aus alltagspraktischer Perspektive, dass Wahlfreiheit für sie bedeute, einfach mal zu entschleunigen, E-Mails nicht sofort zu beantworten und die Kinderbetreuung auch mal anderen zu überlassen.

Die Diskussion hat gezeigt, dass es von entscheidender Bedeutung ist, wie man Familie definiert. Versteht man darunter nur Eltern mit Kindern? Sind Ehepartner ohne Kinder oder Menschen, die dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen auch eine Familie? Und was ist mit der Beziehung zwischen Erwachsenen zu deren Eltern? Bei der Frage, ob Familienpolitik ein Leitbild braucht, war man sich insofern einig, als dass Leistungen und Maßnahmen der Familienpolitik immer für eine bestimmte Familienkonstellation zugeschnitten sind – also einem Leitbild folgen. Dieses kann jedoch auch sehr offen sein und es schließt nicht aus, dass daneben andere Leitbilder existieren. In welchem Umfang man diese fördern will, ist eine entscheidende Frage für grüne Familienpolitik.

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