Porträt

Brantner entwaffnend

Franziska Brantner

Wenige Meter vom Reichstag entfernt sitzt die zierliche Frau mit der auffälligen großen Brille in der Frühlingssonne. Von der Spree sind die Ausflugsschiffe zu hören. Vor zwei Jahren tauschte die 35-Jährige Brüssel gegen Berlin. Nachdem sie bereits vier Jahre für die Grünen im Europaparlament gesessen hatte, wurde sie 2013 über die baden-württembergische Landesliste in den Deutschen Bundestag gewählt.

Franziska Brantner ist mit Kopf und Herz Europäerin. Im Dreiländereck in Lörrach geboren besuchte sie das deutsch-französische Gymnasium in Freiburg. Französisch, Englisch und Spanisch spricht sie fließend. Als Studentin und Politikerin war sie in Paris, Brüssel und Oxford zu Hause. Nach wie vor liest sie regelmäßig Le Monde und The Guardian auf ihrem Blackberry. „Ich habe eben nicht nur Deutschland im Blick. Mich interessiert auch, wie sich unsere Politik zum Beispiel auf die Wahlen in Spanien auswirkt.“

„Die Zeit im Europaparlament hat mich geprägt“, sagt Franziska Brantner. An manche Gepflogenheiten des deutschen Politikbetriebes hat sie sich noch nicht gewöhnt – und will sich damit auch nicht abfinden. „In Berlin herrscht diese Unkultur, dass ganz viel abends stattfindet.“ In Brüssel hingegen werde vieles beim ausgedehnten Mittagessen besprochen, der Abend bleibt eher frei. Bei maximal zwei Abendterminen pro Woche soll es denn auch bleiben, lautet ihr Vorsatz – der fünfjährigen Tochter zuliebe, die sie allein erzieht. Als Sprecherin für Kinder- und Familienpolitik weiß Franziska Brantner, wovon sie redet. Nicht nur aus persönlichen Motiven fordert sie, „den Arbeitsmarkt so einzurichten, dass er den Familien entspricht und nicht umgekehrt“.

Am Rednerpult des Bundestages erlebt man die Abgeordnete aus Heidelberg stets ruhig und sachlich, Emotionen zur Schau zu stellen ist nicht ihre Art. Doch im Gespräch wird schnell deutlich, worüber sie sich aufregt und was sie antreibt. Das „anachronistische Bild von Familie und Ehe in Deutschland, wo den Frauen immer noch bestimmte Aufgaben zugeschrieben werden“, findet sie „einfach grausam“ und schüttelt sich.

„Aber es gibt noch etwas, was mich wirklich auf die Palme bringt, und das ist kurzfristiges Denken“, sagt Brantner. Das hat vor allem mit ihrem zweiten Schwerpunktthema, der zivilen Krisenprävention, zu tun. Wann in Syrien welche Chance vertan wurde, eine Eskalation zu verhindern, hat sie genau im Kopf. Weil sie wissen wollte, wie man Konflikte friedlich lösen kann, machte sie vor zehn Jahren eine Ausbildung zur Mediatorin.

Verstehen und verändern wollen – dieses Motiv begleitet Franziska Brantner seit ihrer Schulzeit. Schon als Jugendliche organisiert sie Streiks an ihrem Gymnasium. Nach dem Abitur geht sie zur Böll-Stiftung nach Tel Aviv, um die jüdische Kultur kennenzulernen. Als Studentin an der Sciences Po, dem renommierten Pariser Institut für politische Studien, beschäftigt sie sich bereits vor dem 11. September mit dem politischen Islam. Und in ihrer Doktorarbeit geht sie der Frage nach, wie reformfähig die Vereinten Nationen sind.

Franziska Brantners Lebenslauf klingt nach Überfliegerin, Stipendien und Arbeit für die Vereinten Nationen eingeschlossen. Sie selbst sieht es locker: „Ich lerne sehr gerne und das fällt mir zum Glück leicht.“ Sich in neue Themen einzuarbeiten macht ihr Spaß, aber bitte keine halben Sachen: „Da habe ich auch den Anspruch, richtig gut darin zu werden“, sagt sie und lacht. Für Kino, Theater oder Sport bleibt da kaum Zeit. Jede freie Minute, die ihr bleibt, verbringt Franziska Brantner mit ihrer Tochter. Nur das Lesen lässt sie sich nicht nehmen. Gerade liegt Michel Houellebeqs „Unterwerfung“ auf ihrem Nachttisch: natürlich im Original.

In: profil GRÜN, Ausgabe Juni 2015

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