Chris Kühn im Porträt

Willkommensarchitekt

Porträtfoto von Chris Kühn

Von Susanne Sporrer / veröffentlicht in profil:GRÜN, Ausgabe 3/2015

Auf den langen Fluren des Jakob-Kaiser-Hauses ist das Abgeordnetenbüro von Chris Kühn leicht zu finden. Das Wahlkampfplakat mit seinem Konterfei an der Tür verspricht Politik „für morgen statt von gestern“. Gerade feilt der 36-Jährige noch mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an der nächsten Bundestagsrede. Aber dann kommt er gleich zur Sache: „Ich war immer schon der Öko“, seine Augen lachen durch die markante Brille. „Einer der wenigen, die mit Lederranzen in die Schule kamen.“

Das hat mit dem 26. April 1986 zu tun. Als in Tschernobyl der Atomreaktor explodierte, veränderte sich schlagartig auch das Leben des Siebenjährigen im ländlichen Göppingen. Die Eltern kauften plötzlich im Bioladen ein, backten das Brot selbst und überdachten ihre politische Einstellung. „Das war ein einschneidendes Ereignis in meiner Kindheit“, erinnert sich Kühn. Sein Bewusstsein für die Umwelt, und was sie bedroht, war geweckt. Als Schüler engagiert Chris sich bereits im Naturschutz, wird in den Jugendgemeinderat gewählt und gehört zu den Mitbegründern der Grünen Jugend in der kleinen Stadt Göppingen.

Die Vision von der grünen Stadt der Zukunft

Zwei Jahre ist Chris Kühn jetzt im Bundestag. Der Parlamentsbetrieb war ihm durchaus vertraut. Als Student der Soziologie und Politik arbeitete er für den damaligen Tübinger Abgeordneten Winfried Hermann. Trotzdem hat er in seiner neuen Verantwortung eine überraschende Erfahrung gemacht. „Ich bin viel ungeduldiger, als ich gedacht habe“, sagt der so ruhig und bedächtig wirkende Mann. „Wir führen immer noch die gleichen Debatten wie am Anfang, das dauert Jahre, bis Argumente endlich ankommen – wie zum Beispiel bei der Mietpreisbremse.“

Als Sprecher der Fraktion für Wohnen und Bauen verfolgt Chris Kühn die Vision von der „grünen Stadt der Zukunft“. Naturnah, ruhig und entspannt – so sollen die Menschen auch in den Großstädten leben können. Ein gelungenes Beispiel ist für ihn das Französische Viertel in seiner Hei-matstadt: Auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne entstand dort ein lebendiger grüner Stadtteil zum Wohnen und Arbeiten, in dem mehr Fahrräder als Autos unterwegs sind.

Eigentums- und Sozialwohnungen liegen dicht beieinander. Ein eigenes Blockheizkraftwerk gibt’s auch. Bei allen Plänen zum Umbau der Städte hat für Kühn aber eines Priorität: „Wohnen muss bezahlbar sein.“ Deshalb setzt er sich im Bundestag für eine neue Wohnungsgemeinnützigkeit ein.

Wir brauchen eine Willkommensarchitektur

Bezahlbare Wohnungen brauchen jetzt auch hunderttausende Menschen, die sich vor Krieg und Krisen nach Deutschland flüchten. „Das ist sicher die größte Herausforderung für die Wohnungspolitik seit der Nachkriegszeit. Aber wir können das schaffen“, ist Kühn überzeugt. Wie, dafür hat er viele Ideen: Warum nicht Parkhäuser mit Modulbauten aufstocken, in denen jetzt syrische Familien und später vielleicht Studierende wohnen können? Oder warum nicht „Häuslebauer“ mit raschen Genehmigungen und Steueranreizen beim Dachausbau unterstützen – unter der Bedingung, an Flüchtlinge zu vermieten? Nur eines geht für Kühn gar nicht: Flüchtlinge isoliert am Stadtrand unterzubringen. Integration beginnt für ihn schon beim Wohnen: „Wir brauchen eine Willkommensarchitektur.“

Seit er 16 ist, macht Chris Kühn Politik. Kann er sich etwas anderes vorstellen? Er streicht nachdenklich durch seinen Bart, bevor er mit einem klaren Nein antwortet. Der Wunsch, etwas zu verändern, bestimmt sein Leben – so sehr, dass seine Berliner MitarbeiterInnen und Mitarbeiter ihn gelegentlich daran erinnern müssen, auch mal etwas für sich zu tun, schwimmen gehen zum Beispiel.

Zu Hause in Tübingen ist das anders. Seit vor knapp eineinhalb Jahren sein Sohn zur Welt kam, gibt der den Rhythmus vor. „Mein Sohn zeigt mir, dass es Wichtigeres gibt, als noch ein Interview mehr zu geben. Ein Kind erdet.“ Mit dieser Erfahrung ist Kühn nicht allein in der Fraktion. Die vielen Geburtsanzeigen im Regal zeugen von dem Babyboom bei den Bundestagsgrünen. Bald wird noch eine Karte dazukommen – wenn er im Januar zum zweiten Mal Vater wird.

Weitere Informationen über Chris Kühn

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