Umbau der Landwirtschaft

Artgerechte Tierhaltung und faire Vergütung

Ein Schwein schaut in die Kamera
Ein besseres Leben ist möglich, auch für Schweine. Wir wollen, dass Tiere artgerecht gehalten werden. Pascal Debrunner / unsplash
03.07.2020
  • Zu viele Tiere in der Landwirtschaft in Deutschland werden zu schlecht gehalten. Sie haben zu wenig Platz, zu wenig frische Luft und zu wenig Tageslicht.
  • Wir müssen die Tierhaltung grundlegend verbessern und Bäuerinnen und Bauern ordentlich bezahlen. In einem Antrag haben wir Grüne im Bundestag beschrieben, wie der Umbau der Landwirtschaft für mehr Tierschutz und faire Bezahlung sozial verträglich gestaltet werden kann.
  • Dafür soll etwa auf tierische Produkte ein Tierschutzcent gezahlt werden und es einen sozialen Ausgleich für weniger Vermögende geben.

Die gesellschaftliche Betriebserlaubnis für die heutige Tierhaltung ist erloschen. Seit Jahren verhindert und verschleppt das unionsgeführte Landwirtschaftsministerium dringend notwendige Verbesserungen für eine zukunftsfähige Tierhaltung. Es ist den Landwirten gegenüber unfair zu erzählen, dass die Tierhaltung in der heutigen Art und Dimension künftig noch Bestand haben wird weder vor Gerichten noch vor den Wünschen der Kund*nnen. Ein Umbau der Tierhaltung muss mit einem Abbau der Tierbestände einhergehen.

Schmerzen, Leiden und Schäden sind noch immer nicht beendet

Podcast mit Renate Künast

Ein Gespräch mit Renate Künast, Sprecherin für Tierschutz und Ernährungspolitik, über Tierschutz, Verbraucher*innenrechte und Fleischproduktion. Wie können Tiere artgerecht gehalten werden? Wie sieht es mit einer guten Entlohnung für Bäuerinnen und Bauern aus? Warum brauchen wir eine Transparenz der Haltungsbedingungen für die Verbraucher*innen?

Ihr könnt den Podcast auf gruene-bundestag.de oder auch bei Spotify, Apple Podcast, Google Podcast und Deezer anhören

Die meisten Tiere haben heute zu wenig Platz, Auslauf und Beschäftigungsmöglichkeiten. Jedes Jahr werden 20 Millionen Ferkel ohne Betäubung kastriert und 45 Millionen männliche Küken getötet. Sauen verbringen ein Drittel ihres Lebens in engen Kastenständen. Puten leiden an zuchtbedingten Erkrankungen und immer noch werden Rinder in ganzjähriger Anbindung gehalten.

Bereits 2015 hat der Wissenschaftliche Beirat (WBA) des Landwirtschaftsministeriums ein umfassendes Gutachten vorgelegt, wie die Tierhaltung in Deutschland verbessert werden kann. In seinem Bericht beschreibt er die gängigen Haltungsbedingungen als „hohes Risiko für das Auftreten von Schmerzen, Leiden und Schäden“ bei den Tieren und attestiert der landwirtschaftlichen Tierhaltung in Deutschland sie sei in dieser Art „nicht zukunftsfähig“.

Empfehlungen des Kompetenznetzwerks erst der Anfang

Was wir Grüne im Bundestag, die Wissenschaft und weite Teile der Gesellschaft bereits seit langem fordern, hat jetzt das von der Bundesministerin Klöckner eingesetzte Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung in seinen Empfehlungen nochmals bestätigt. Die Empfehlungen des Kompetenznetzwerks sind ein wichtiger erster Schritt und müssen in der Folge konsequent umgesetzt und weiterentwickelt werden.

Grundsätzliche Neuausrichtung auf tier- und artgerechte Tierhaltung

In Bezug auf die Kastenstände in der Sauenhaltung, ist es grüne Position, diese Haltungsform langfristig abzuschaffen. Die Zeiten, die eine Sau im Kastenstand verbringen muss, sind aktuell mit bis zu 150 Tagen im Jahr viel zu lang. Wir brauchen dringend eine grundsätzliche Neuausrichtung. Deshalb kämpfen wir Grüne seit langem dafür, dass es in Deutschland Gesetze gibt, die dazu führen, dass die Tiere vor allem in der Gruppe leben. Dabei können wir von anderen Ländern lernen, die bereits andere Wege gehen.

Die grün regierten Bundesländer haben hart mit der Bundesregierung verhandelt, um für mehr Tierschutz und auch für mehr Planungssicherheit für die Landwirtinnen und Landwirte zu sorgen. In den Verhandlungen mit der Bundesregierung, konnten deutliche Verbesserungen verglichen zum Entwurf der Bundesregierung erreicht werden. Der Kompromiss ist nun wichtiger Schritt nach vorne – für die Tiere und für die Schweinehalter*innen. Der Kompromiss führt weg vom Kastenstand hin zur Gruppenhaltung. Kastenstände für Sauen, die gedeckt werden, verschwinden ganz. So schafft der Kompromiss mehr Tierwohl für die Sauen. Es ist der entscheidende Hebel für einen Systemwechsel in der Sauenhaltung. Dieser Kompromiss geht deutlich über das Magdeburger Urteil hinaus: Wenn man nur das Urteil umsetzen würde, stünden die Tiere weiterhin in den Kastenständen, diese wären nur etwas größer. Das hat uns aber nicht gereicht. Sauen sind soziale Wesen, sie sollten in Gruppen leben, und das wird nun erreicht. Die Umbaufrist von acht Jahren ist auch uns zu lang; es hätte schneller gehen dürfen. Aber ohne dieses Zugeständnis wäre der Systemwechsel gar nicht gelungen, es bliebe beim Kastenstand im Deckzentrum.

Wir als Grüne Bundestagsfraktion fordern in unserem Antrag: Bis 2028 soll in allen Ställen (und nicht nur in Schweineställen) ein gesetzlicher Standard tatsächlich erreicht sein, der den Tieren ein Leben ohne andauernde Leiden und Schmerzen ermöglicht. Bis 2035 soll dieser Standard so ausgebaut werden, dass die Tiere ein in jeder Hinsicht und auf jeder Stufe der Tierhaltung tier- und artgerechtes Leben haben;

Mehr Geld für echten Tierschutz

Bäuerinnen und Bauern, die sich um mehr Tierschutz bemühen, werden heute nicht fair entlohnt. Eine bessere Tierhaltung ist aber mit Kosten verbunden. Das sind einerseits höhere laufende Kosten für die Betriebe, die etwa durch intensivere Betreuung oder mehr Stroh entstehen. Andererseits fallen für den Umbau der Tierhaltung auch hohe Investitionskosten an. Da in den gängigen Haltungssystemen kein echter Tierschutz möglich ist, müssen viele Ställe neu gebaut werden.

Tierschutzcent und sozialer Ausgleich

Mehr Tierschutz muss auch bezahlt werden. Deshalb schlagen wir einen Tierschutzcent vor. Die Einführung einer solchen Abgabe muss sozialpolitisch flankiert werden, insbesondere für Geringverdiener. Es braucht einen höheren Mindestlohn und eine Anhebung der ALG-II-Sätze.

Der unbestreitbare Mehraufwand für eine tiergerechte Haltung muss für VerbraucherInnen erkennbar und nachvollziehbar werden. Durch eine transparente und verpflichtende Haltungs- und Herkunftskennzeichnung soll gezeigt werden, wofür VerbraucherInnen mehr zahlen sollen.

Schutz der Tiere ordnungsrechtlich garantieren

Außerdem muss eine Finanzierung durch einen besseren ordnungsrechtlichen Rahmen flankiert werden, um Missstände wie das Kupieren von Schwänzen und andere Amputationen abzustellen. Seit 2003 steht der Schutz der Tiere im Grundgesetz, aber noch immer existieren unhaltbare Zustände in den Ställen.

Auch gibt es in Deutschland keine systematisierten, verlässlichen und umfassenden Daten zur Situation des Tierschutzes in der Landwirtschaft. Das ist aber erforderlich, um bestehende Missstände gezielt zu beenden. Ein betriebsgenaues Tierschutzmonitoring soll das ändern.