Grüne KonferenzLange Nacht der Ernährung

Unter dem Motto „Wir ackern für gutes Essen“ haben wir am 1. Juli zur Langen Nacht der Ernährung eingeladen. Veranstaltungsort war die Markthalle 9 in Berlin-Kreuzberg, die seit ihrer Wiederbelebung einen Schwerpunkt auf Vielfalt, Qualität, Regionalität und Nachhaltigkeit legt und daher ein optimaler Ort für unsere Lange Nacht war.

Eröffnet wurde der Abend vom Fraktionsvorsitzenden Anton Hofreiter und Nicole Maisch, der verbraucherpolitischen Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion. In ihrer Begrüßung machte Nicole Maisch deutlich, dass die grüne Bundestagsfraktion mit dieser Langen Nacht Beispiele aufzeigen will, wie Initiativen vor Ort aktiv sind für gutes, gesundes und regionales Essen. Für sie sei es wichtig, von dieser mittlerweile großen gesellschaftlichen Bewegung zu hören, wo politische Rahmenbedingungen geändert werden müssen, damit die Initiativen weiter wachsen können.

„Wenn wir in Zukunft zehn Milliarden Menschen ernähren müssen, können wir das nicht auf dem Weg tun, den uns die Konzerne vorschlagen“, stellte Anton Hofreiter klar. „Wir dürfen nicht weiterhin so produzieren, dass wir unsere Lebensgrundlagen zerstören.“ Einen Weg zeige der Weltagrarbericht, der auf kleinbäuerliche Produzenten und ökologische Anbauverfahren setze. Dass das funktioniert, zeige der Anbaurekord für Reis – denn der werde von einem indischen Kleinbauern gehalten.

Zwischen Hunger und Überfluss – was tun, um alle satt zu machen?

Unter diesem Motto stand der Dialog zwischen Valentin Thurn und Anton Hofreiter, der mit einem Filmausschnitt aus Thurns neuem Film „10 Milliarden – wie werden wir alle satt?“ startete. In diesem Film sucht der Regisseur nach Antworten auf die Frage, wie Ernährung in Zukunft aussieht. Von einer indischen Saatgutbank für traditionelle Reissorten bis hin zu synthetisch hergestelltem „Laborfleisch“ – der Film zeigt ganz unterschiedliche Ansätze. Sein Fazit: „Neue Technologien werden die Welt nicht ernähren, weil sie zu teuer sind. Für arme Länder bieten sie keine Chance. Dort sind die Kleinbauern das Rückgrat der Ernährung und müssen es bleiben, da sie mit ihrer Arbeitskraft mehr aus dem Land herausholen können als die Großen.“ Auch in Deutschland müssten die Bäuerinnen und Bauern davor bewahrt werden, von der Agroindustrie aus der Lebensmittelproduktion verdrängt zu werden. „Die Aufgabe für uns Politiker ist es, die Bäuerinnen und Bauern darin zu unterstützen, tiergerecht und im Einklang mit der Natur zu arbeiten.“ Am dringendsten sei es, Tierschutzstandards zu verbessern, den Antibiotikaeinsatz zu reduzieren und die Gefährdung des Grundwassers durch Gülleseen zu stoppen.

Futter fürs Gehirn – Gutes Schulessen für alle Kinder

Wie können alle Kinder in der Ganztagsschule in den Genuss eines guten Mittagessens kommen? Darüber diskutierten Nicole Maisch und Özcan Mutlu, Sprecher für Bildungspolitik in der grünen Bundestagsfraktion, mit Sabine Schulz-Greve von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung Berlin und Alexander Francolino, dem Küchenchef der Gelben Villa in Berlin-Kreuzberg.

Sabine Schulz-Greve wies darauf hin, dass für eine Verbesserung des Schulessens ein Paradigmenwechsel - vom Preiswettbewerb hin zum Qualitätswettbewerb - von zentraler Bedeutung sei. Insbesondere die Beratung der Schulen durch die Vernetzungsstelle habe sich in Berlin positiv auf die Qualität der Schulverpflegung ausgewirkt. Aber auch die

Ernährungsbildung müsse in der Schule mitgedacht werden, betonte Alexander Francolino: „Die Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen hängt auch davon ab, ob sie ein warmes und qualitativ hochwertiges Mittagessen bekommen.“

Özcan Mutlu hob daher die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung hervor und forderte, dass sie endlich als Standard für die Gemeinschaftsverpflegung verbindlich gemacht und die Vernetzungsstellen gemeinsam mit den Ländern gestärkt und zu Kompetenzzentren der Gemeinschaftsverpflegung ausgebaut werden müssen. „Gute Ernährung ist die beste Gesundheitsprävention. Insbesondere Kinder und Jugendliche aus armen Familien müssen hier noch viel stärker unterstützt werden. Wir brauchen deshalb die besten Ganztagsschulen dort, wo die Kinder und Jugendlichen am meisten benachteiligt sind“, so Özcan Mutlu.

Dass die Bundesregierung bei Thema Ausbau der Schulverpflegung weiter an ihre eigenen Versprechungen erinnert werden muss, erläutert Nicole Maisch, zuständig für das Thema Ernährung in der grünen Bundestagsfraktion. Die Antworten auf ihre Kleine Anfrage zur Situation der Schulverpflegung seien ernüchternd gewesen. So sei die versprochene Weiterfinanzierung der Schulvernetzungsstellen unklar und die von Ernährungsminister Schmidt selbst ausgerufene „Chefsache“ Schulessen lächerlich unterfinanziert: „Die Bundesregierung hat im Jahr 2014 für das Thema Schulverpflegung 1,9 Millionen Euro ausgegeben, das sind 23 Cent pro Schüler und Jahr. Das ist lächerlich wenig, wenn man bedenkt, dass sich die Bundesregierung zum Beispiel die Förderung von Agrarexporten drei Millionen Euro im Jahr 2014 kosten lässt.“

Initiativen für Gutes Essens: Wertschätzung als Voraussetzung für Wertschöpfung

Markus Tressel, Sprecher für ländliche Räume, stellte zwei Initiativen vor: Zuerst die „GemüseAckerdemie“, ein schulbegleitendes und praxisorientiertes Bildungsprogramm für mehr Wertschätzung von Nahrungsmitteln. Dr. Christoph Schmitz, der Entwickler des Programms, erklärte, dass durch den Anbau und die anschließende Vermarktung von eigenem Gemüse die Schüler landwirtschaftliches Basiswissen lernten und ein Verständnis für natürliche Wachstumsprozesse entwickelten.

Diese Bildung fehle heute häufig an Schulen, dabei führe sie zu mehr Wertschätzung für Nahrungsmittel. Wertschätzung wiederum sei Grundvoraussetzung für Wertschöpfung, fasste Markus Tressel zusammen. Das unterstrich Anke Kähler, Vorstandsvorsitzende der Berufsorganisation traditioneller Handwerksbäcker „Die Bäcker. Zeit für Geschmack e.V.“. Sie stellte unter anderem ihr neues Projekt „Knust“ vor, eine Weiterbildungsinitiative im nachhaltig-ökologischen Bäckerhandwerk. Denn Handwerk sei das Wissen, Verfahren an Rohstoffe anzupassen. Auch dieses Wissen müsse wieder stärker verbreitet werden.

„Vom Hof auf den Teller – Wie stärken wir regionale Bauern und das Lebensmittelhandwerk“

Eine wichtige und zentrale Aufgabe für die Entwicklung einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Landwirtschaft ist, dass jungen Menschen mit neuen Ideen Platz gegeben wird, diese Ideen auch umzusetzen. Das ist angesichts der Konzentration in der Landwirtschaft und dem Aufkauf ganzer Landstriche durch außerlandwirtschaftliche Investoren oft gar nicht einfach. Ein Ziel grüner Landwirtschaftspolitik ist es deshalb unter anderem junge Menschen darin zu unterstützen, neue Betriebe zu gründen.

Landwirtschaft kann gesellschaftliches und politisches Engagement bedeuten – das machte Julia Bar-Tal von der Hofgemeinschaft Bienenwerde im Gespräch mit Friedrich Ostendorff deutlich. Sie ist engagiert im Bündnis junge Landwirtschaft und zudem international aktiv, indem sie das erste Ernährungssouveränitätsnetzwerk in Syrien unterstützt. Gemeinsam mit anderen bewirtschaftet die junge Landwirtin seit fünf Jahren 43 Hektar, zum allergrößten Teil Grünland plus zehn Hektar Wald. Der Betrieb hat Mutterkühe, Milchziegen und Pferde mit denen die Gartenflächen bewirtschaftet werden und eine Vermarktung nach Berlin aufgebaut. Die betrieblichen Flächen zu erwerben war ein langer Kampf mit der BVVG, aber ein beträchtliches Beharrungsvermögen hat letztendlich zum Erfolg geführt.

Diese Beharrlichkeit und eine langfristige Sicht ist in der Landwirtschaft notwendig, machte Friedrich Ostendorff deutlich, der auf eine siebenhundertjährige bäuerliche Familiengeschichte zurückblickt. Neben der lokalen Verantwortung betonte Julia Bar-Tal besonders auch die internationale Verantwortung und die Notwendigkeit zur Solidarität mit zivilgesellschaftlichen, gewaltfreien bäuerliche Netzwerken, zum Beispiel in Syrien.

Wie politisch ist das gemeinschaftliche Gärtnern in der Stadt?

Diese Frage stellte Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik und Bioökonomiepolitik, an seine Gesprächspartnerin Kerstin Stelmacher, die sich als Redakteurin bei stadtacker.net, als Mitorganisatorin des Allmende-Kontors und im Berliner Kiezgarten Schliemannstraße für das gemeinschaftliche Gärtnern einsetzt. Ihre Antwort darauf: Urban Gardening ist definitiv mehr als die Suche nach einem schön gestalteten Rückzugsort in der Stadt. So werden nicht nur Möglichkeiten der Selbstversorgung geschaffen, sondern auch Orte der Umwelt- und Ernährungsbildung und Orte, an denen die gemeinschaftliche Nutzung von Gemeingütern geübt wird. Ganz praktisch trage das Gärtnern dann eben auch dazu dabei, dass die GärtnerInnen sich mit agrarpolitischen und stadtplanerischen Fragen – von Saatguterhalt und ökologischem Anbau bis Planungsrecht – beschäftigen, so Kerstin Stelmacher.

Die bundesweit vernetzten Stadtgärtner haben ihre Ziele in einem Urban-Gardening-Manifest festgehalten, das Harald Ebner zum Abschluss gerne entgegennahm.

Das Interesse an unserer Langen Nacht der Ernährung hat gezeigt: Gutes Essen ist ein Thema, das Viele beschäftigt. Für die grüne Bundestagsfraktion ist klar: Wir bleiben dran und ackern weiter für gutes Essen – unter anderem, indem wir solche Initiativen, wie diejenigen, die sich an der Langen Nacht beteiligt haben, politisch unterstützen und ihre Anliegen in den Bundestag tragen.

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