Kleine Anfrage

Situation der muslimischen Wohlfahrtspflege

Zwei verschleierte Frauen schauen auf ihr Handy, das gerade die Deutsch Islam Konferenz aufzeichnet.
Die kultur- und religionssensible Weiterentwicklung der freien Wohlfahrtspflege ist für die Gesellschaft der Vielen von großer Relevanz. Die Bundesregierung hat dies in der Deutschen Islam Konferenz zum Thema gemacht, aber nicht geliefert. dpa
13.04.2021
  • Bislang gibt es keinen muslimischen Spitzenverband in der freien Wohlfahrtspflege in Deutschland, obwohl der Bedarf an kultur- und religionssensiblen sozialen Dienste für Musliminnen und Muslime zunimmt.
  • Die Bundesregierung hat das Thema zwar bereits 2015 auf die Agenda der Deutschen Islam Konferenz (DIK) gesetzt, bislang haben sich jedoch keine nachhaltigen Strukturen etabliert.
  • Wir haben in unserer Kleinen Anfrage nachgefragt, was die Bundesregierung hier unternimmt. Deren Antwort offenbart nur sehr geringe Fortschritte.

In Deutschland zeichnet sich die freie, unabhängige Wohlfahrtspflege dadurch aus, dass Dienste und Einrichtungen der Jugend- und Familienhilfe, der Sozialhilfe und des Gesundheitswesens von gemeinnützigen Trägern organisiert werden. Dies hat eine lange Tradition und wird gegenwärtig von sechs sowohl säkularen als auch religiösen Spitzenverbänden organisiert. Bislang fehlt neben den christlichen und jüdischen Trägern aber ein muslimischer Spitzenverband.

Freie Wohlfahrtspflege in der vielfältigen Gesellschaft

Da die Nachfrage nach religions- und kultursensibler Wohlfahrtspflege jedoch stetig zunimmt, ist diese Lücke für viele Menschen besonders in sensiblen Lebenssituationen von existenzieller Tragweite. Bislang wird dies vor allem in einzelnen Moscheegemeinschaften durch häufig ehrenamtlich Mitarbeitende aufgefangen. Der Bedarf kann dadurch aber nicht gedeckt werden.

Geringe Fortschritte der Bundesregierung

Die Bundesregierung hat das Thema der muslimischen Wohlfahrtspflege 2015 auf die Agenda der DIK gesetzt und erklärt, dass Staat und Gesellschaft dazu aufgerufen sind, den Prozess der Etablierung „islamischer freigemeinnütziger Wohlfahrtspflege in Deutschland konstruktiv und partnerschaftlich zu begleiten“.
Muslimische Verbände und Experten haben sich im Rahmen der DIK darüber ausgetauscht, wie eine islamische Wohlfahrtspflege in der Bundesrepublik etabliert werden kann.

In ihrer Antwort auf unsere Kleine  Anfrage legt die Bundesregierung zwar dar, dass aus ihren Gesprächen das Projekt „Empowerment zur Wohlfahrtspflege mit den DIK-Verbänden“ hervorgegangen ist und seit der konstituierenden Sitzung im September 2018 jährliche Beiratssitzungen zu dem Projekt stattfinden. Bislang sind jedoch keine nennenswerten Fortschritte hin zur Gründung eines oder mehrerer großer islamischer Wohlfahrtsverbände erreicht wurden.

Die Bundesregierung hat den Bedarf des Ausbaus der muslimischen Wohlfahrtspflege zwar erkennt, räumt der Thematik aber keine Priorität ein. Dies gilt auch für den Ausbau der islamischen Seelsorge. Sie geht ebenfalls nur sehr schleppend voran. Wir haben bereits 2013 gefordert, dass durch ein Beiratsmodell muslimische Militärseelsorge ermöglicht wird. Die Bundesregierung muss hier endlich entschlossen handeln.