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Jahrestag FukushimaGrenzwertiges Risiko

Die schwer beschädigten Reaktoren 3 und 4 von Fukushima Daiishi im März 2011 aus der Luft aufgenommen.
Obwohl sieben Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima immer noch die dringlichsten Probleme ungelöst sind, verteidigt die japanische Regierung die Nutzung der Atomkraft und gaukelt eine Normalität vor, die so nicht existiert.

Sieben Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima sind einige deutsche und europäische Atomkraftwerke in schlechtem Zustand.

Als „Gelegenheit, der Welt zu zeigen, wie die Menschen die Katastrophe hinter sich gelassen haben“, bezeichnete Maki Kobayashi, Exekutivdirektorin des Olympia-Organisationskomitees, die Entscheidung, die olympischen Auftaktspiele für Baseball 2020 in der Provinz Fukushima stattfinden zu lassen. Gleichzeitig wurden vor einem Jahr die Evakuierungszonen für die Gemeinden Iitate und Teile Namies aufgehoben und die Menschen durch Einstellung von finanziellen Hilfen von der Regierung zur Rückkehr in die verstrahlten Gebiete gezwungen.

Es wird eine Normalität vorgegaukelt, die nicht existiert. Einer Greenpeace-Studie zufolge liegen die Strahlungswerte in den dekontaminierten Zonen noch weit über den international für die Bevölkerung geltenden zulässigen Grenzwerten. Die Produkte von Bauern und Fischern der Provinz Fukushima sind unverkäuflich, auch wenn sie aus nichtkontaminierten Gegenden stammen. Die Provinz verarmt.

Die geschmolzenen Kernbrennstoffe in den Reaktoren eins bis drei können nach wie vor nicht genau lokalisiert werden. Roboter können bei der hohen Strahlung in den zerstörten Reaktoren nur kurz arbeiten. Mehr als eine Million Tonnen tritiumverseuchtes Wasser sollen ins Meer eingeleitet werden, da die Kapazitäten auf dem Gelände des havarierten AKW längst erschöpft sind. Man versucht, den Schleier des Schweigens über den Narben des Unglücks auszubreiten.

Und auch in Deutschland wird seit dem fraktionsübergreifenden Ausstiegsbeschluss, der auch eine Reaktion auf Fukushima war und eine Abschaltung aller deutschen AKWs bis 2022 vorsieht, das Thema Atomkraft zunehmend als abgewickelt betrachtet. Die zahlreichen Pannenmeiler an unseren Grenzen bieten jedoch eher Grund zur Sorge als zur Gelassenheit.

Trotz Atomausstiegsbeschluss trägt Deutschland dazu bei, dass sich das europäische Atomkarussell weiterdreht. Die ANF-Brennelementefabrik in Lingen hat in den letzten zwei Jahrzehnten fast alle Nachbarstaaten mit AKW mit Brennelementen beliefert, darunter das älteste AKW der Welt im schweizerischen Beznau, die belgischen Skandalreaktoren, die französischen AKW Cattenom und Fessenheim, die massiv gegen europäische Mindestanforderungen in Sachen Störfallsicherheit verstoßen.

Der marode belgische Reaktor Tihange 2 ist mit seinen vielen Rissen im Reaktordruckbehälter als Risikofaktor bekannt. Durch meine Auskunftsanforderungen bei der belgischen Atomaufsicht wurde öffentlich, dass sich im Nachbarreaktor Tihange 1 die „Precursor“-Ereignisse häufen.

Dabei handelt es sich um Vorboten für Schäden im Reaktorkern. Nicht umsonst werden diese Vorfälle hierzulande seit Jahrzehnten gesondert analysiert. Sie sind nicht so harmlos, wie die belgische Atomaufsicht und leider auch das deutsche Umweltministerium beschwichtigen.

Auch die französische Regierung hält an der Atomkraft fest. Den Ankündigungen, bis zum Jahr 2050 nur noch die Hälfte des Stroms mit Hilfe von Atomkraft zu produzieren, sind keine Taten gefolgt. Das Abschalten des gefährlichen AKWs Fessenheim koppelt sie an die Inbetriebnahme von Flamanville 3 am Ärmelkanal, ein unmoralisches Angebot. Insbesondere, weil bei dem AKW-Neubau jetzt schon zahlreiche Anomalien in der Stahlzusammensetzung von Boden- und Deckelkalotte des Reaktordruckbehälters bekannt sind.

Erst jetzt wurde bekannt, dass das Schweizer Atomkraftwerk Beznau 1 wieder angefahren werden soll. Es ist seit März 2015 vom Netz. Seit September 2017 gilt das als Langzeitstillstand, der neue Probleme wie die Alterungsmechanismen in diesem AKW-Fossil mit sich bringt.

Die Bundesregierung muss das atomare Risiko in der Nachbarschaft an den Grenzen ernster nehmen, Mitspracherechte für Anrainerstaaten bei AKW-Sicherheitsfragen einfordern, Verbesserungen des grenzüberschreitenden Katastrophenschutzes forcieren und sich für eine schnelle Abschaltung europäischer Schrottreaktoren einsetzen.

Als ersten Schritt muss sie die eigenen Brennstofflieferungen einstellen und die Anlagen in Lingen und Gronau stilllegen. Das gehört zu einem konsequenten Atomausstieg dazu. Deutschland darf nicht weiter für den Betrieb europäischer Zeitbomben-AKWs sorgen. Andernfalls könnte ein nächster Super-GAU trotz eigenem Atomausstieg auch in unserer Verantwortung liegen.

Was eine solche Katastrophe für uns als Anrainerland bedeuten kann, darüber sollten wir am 11. März vertieft nachdenken. Anders als die japanische Regierung allen weismachen möchte, legt man einen Super-GAU nicht nach ein paar Jahren zu den Akten. Umwelt und Menschen erholen sich nur langsam.

Dieser Gastbeitrag von Sylvia Kotting-Uhl ist am 8. März 2018 in der Frankfurter Rundschau erschienen.

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