"Homo-Heiler"

Aktionsplan gegen "Konversionstherapien"

Zwei Mädchen am Strand
Es ist eine gefährliche Vorstellung, dass Lesben und Schwule wegen ihrer Liebe „geheilt“ werden sollten. Solche „Therapien“ machen krank und müssen bekämpft werden picture-alliance / beyond/BreBa
07.05.2020
  • Die wissenschaftlich unhaltbaren und lebensgefährlichen sogenannten Konversionstherapien müssen verboten werden – und zwar ohne Hintertürchen.
  • Es ist eine gefährliche Vorstellung, dass Lesben, und Schwule oder transgeschlechtliche Menschen wegen ihrer Liebe oder Identität „geheilt“ werden können. Solche „Therapien“ machen krank und können sogar zum Suizid führen.
  • Wir fordern ein wirksames Verbot solcher Pseudotherapien sowie einen Maßnahmenkatalog zur Aufklärung und Unterstützung Betroffener. Der von der Bundesregierung vorgelegte Gesetzentwurf zum Schutz vor Konversionsbehandlungen verdient jedoch in der aktuellen Fassung seinen Namen nicht.

Es ist ein Skandal, dass im Jahr 2020 Pseudotherapien, die darauf abzielen, die homosexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität zu ändern, nach wie vor in Deutschland stattfinden. Aus diesem Grund fordern wir als grüne Bundestagsfraktion seit 2013 ein Verbot und haben auch in dieser Wahlperiode einen ausführlichen Antrag mit zahlreichen Maßnahmen zur Aufklärung und zur Unterstützung Betroffener in den Bundestag eingebracht.

Aktionsplan gegen "Homo-Heiler"

Bereits 2013 haben wir den ersten Gesetzentwurf zum Verbot sogenannter „Konversionstherapien“ vorgelegt. Im gleichen Jahr hat der Weltärztebund, zu dem auch die Bundesärztekammer gehört, eine Resolution verabschiedet: Darin stellte sie fest, dass sogenannte "reparative" oder „Konversionstherapien“ mit dem Ziel, Homosexuelle zu "heilen", gefährlich sind. Sie sollten verboten und bestraft werden. Die Resolution wurde gemeinsam von der Bundesärztekammer, der französischen und der britischen Ärztevereinigung eingebracht.

Daher begrüßte die grüne Bundestagsfraktion die Ankündigung der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, diese Forderung aufzugreifen und ein gesetzliches Verbot auszuarbeiten. Es ist sehr erfreulich, dass die Schädlichkeit solcher Pseudotherapien und die Notwendigkeit, gegen sie vorzugehen, unter allen demokratischen Parteien nun Konsens ist. 2013, als wir den ersten Gesetzentwurf dazu vorgelegt und die Diskussion darüber angestoßen haben, war das noch anders.

Dicke Lücken in Spahns Gesetzentwurf

Allerdings ist der von der Bundesregierung vorgelegte Gesetzentwurf eine große Enttäuschung. Danach sollen nur Minderjährigen vor dieser lebensgefährlichen Scharlatanerie geschützt werden. Mindestens bei jungen Menschen in der Altersgruppe zwischen 18 und 26 Jahren muss es aber einen vergleichbaren Schutzbedarf geben. Das zeigen gerade die Coming-Out-Verläufe und familiäre Abhängigkeiten von jungen Erwachsenen.

Zudem ist das Beharren der Bundesregierung auf der Ausnahmeregelung in Bezug auf Eltern brandgefährlich. Sie ermöglicht Eltern und Erziehungsberechtigten weiterhin und ohne Folgen, diese Pseudotherapien durchzuführen. Denn dies kann dazu führen, dass Jugendliche weiter unter enormen Druck geraten. Wir fordern, dass der Gesetzentwurf Jugendliche auch vor dem Druck aus ihrem Umfeld schützt - und zwar ausnahmslos.

Die Beratungen im zuständigen Gesundheitsausschuss änderten daran nichts. Es ist sehr bedauerlich, dass die Koalition die breite Kritik aus der Zivilgesellschaft, seitens des Bundesrates und von anderen demokratischen Fraktionen im Bundestag ignoriert hat. Nicht einmal die Meinung der Expert*innen aus der öffentlichen Anhörung am 11. März 2020 hat sie ernst genommen, was vollkommen unverständlich ist.

Enttäuschend war zudem das Abstimmungsverhalten der FDP, die die Ausweitung des Schutzes vor Konversionsbehandlungen für junge Erwachsene nicht unterstützt hat. Eine gemeinsame Position aller demokratischen Oppositionsfraktionen wäre in der Sache sehr wünschenswert.

Daher werden wir in der abschließenden Beratung im Plenum des Bundestages versuchen, mit Änderungsanträgen den Gesetzentwurf in diesen Punkten zu verbessern. Nur ein wirkungsvolles Verbot solcher Pseudotherapien kann die Antwort auf den Skandal sein, dass in Deutschland immer noch Menschen gibt, die aus Homosexuellen- und Transsexuellen Feindlichkeit die Gesundheit und das Leben anderer riskieren.

Aufklärung für Akzeptanz und Vielfalt nötig

Um dieser Scharlatanerie ein Ende zu setzen bedarf es allerdings mehr als eines strafrechtlichen Verbotes. Zu den weiteren Maßnahmen gehören Kampagnen, die die Akzeptanz der Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten ausbauen und über die Gefahr von Behandlungen aufklären. Hiermit sollen die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die Bundeszentrale für politische Bildung sowie Jugendhilfeeinrichtungen beauftragt werden. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die Aufklärungsarbeit leisten, sollen finanziell unterstützt werden.

Darüber hinaus sollen die Richtlinien des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung überprüft werden, damit die sogenannten „Konversions“- oder „Reparations“-Therapien nicht unter anderen Leistungen abgerechnet werden können. Und schließlich muss klar sein, dass das Anbieten solcher Pseudotherapien, die die grundrechtlich geschützte Menschenwürde der Betroffenen verletzt, der Gemeinnützigkeit entgegensteht.

Angebote genau unter die Lupe nehmen

Organisationen, die in Deutschland derartig schädigende Behandlungen anbieten, empfehlen oder Ratsuchende auf einschlägige Anbieter hinweisen, stammen meist (aber nicht ausschließlich) aus dem evangelikalen Spektrum. Freilich unterstützt nicht das gesamte evangelikale Spektrum solche Bestrebungen, gerade in den letzten Jahren mehren sich dort auch kritische oder zumindest differenziertere Stimmen.

Bei Organisationen, die solch schädigende Behandlungen weiterhin anbieten, empfehlen oder Ratsuchende auf solche Angebote hinweisen, hat aber nach Berichten Betroffener auch aus jüngster Zeit offenbar kein Umdenken stattgefunden, sondern es finden sich vor allem ausgefeiltere Strategien der Camouflage.

Es wird heute meist ein Vokabular benutzt, mit dem man sich unangreifbar machen will und mit dem die reale Haltung sowie der ideologische Hintergrund der Ablehnung von Homosexualität kaschiert werden sollen, zum Beispiel der „Versuch einer Veränderung“. Einige halten auch am Therapie-Begriff fest und sprechen dann von „Reorientierungstherapien“. An der Schädlichkeit ändert die geänderte Bezeichnung nichts, sie macht solche Angebote, Empfehlungen oder Hinweise an Ratsuchende nur noch gefährlicher, weil intransparenter.

Insgesamt scheint in diesem Spektrum allerdings Einiges in Bewegung. Das ist erfreulich. In den USA hat Exodus International, der „größte christliche Informationsdienst“ der Ex-Gay-Bewegung, seine Arbeit eingestellt. Fast vier Jahrzehnte lang hatte Exodus International in 19 Ländern versucht, Homosexuelle zu heilen. 2013 entschuldigte sich die Gruppe bei Menschen, "denen wir geschadet haben", und gab ihre Auflösung bekannt.