Große Anfrage zu LSBTI

Soziale und gesundheitliche Situation von LSBTI

Zwei Männer gehen Hand in Hand an einer Steilküste spazieren
In den letzten Jahrzehnten hat der Staat LSBTI diskriminiert, pathologisiert und unsichtbar gemacht. Er hat damit auch das allgemeine gesellschaftliche Klima bestimmt. In unserer Großen Anfrage fordern wir eine gerechte Gesundheits- und Sozialpolitik. StockSnap / Pixabay
17.01.2020
  • Eine effektive Sozial- und Gesundheitspolitik muss die besondere Situation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI) berücksichtigen und ihren speziellen Bedarfen Rechnung tragen.
  • In den letzten Jahrzehnten hat der Staat LSBTI diskriminiert, pathologisiert und unsichtbar gemacht. Er hat damit auch das allgemeine gesellschaftliche Klima bestimmt. Es ist Zeit, dass er die Verantwortung für das geschehene Unrecht übernimmt.
  • Dafür brauchen wir im ersten Schritt ein umfassendes Bild über die soziale und gesundheitliche Situation von LSBTI in Deutschland, um daraus konkrete Handlungsstrategien zu entwickeln. Deshalb haben wir eine Große Anfrage an die Bundesregierung gestellt.

Nicht die Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtlichen Menschen sind krank, sondern die Situation in der sie leben. Wenn jemand als Mensch zweiter Klasse behandelt wird, in der Familie um Unterstützung ringt, auf dem Schulhof als „Scheiß Lesbe“ bezeichnet wird und sich als Erwachsene bei der Arbeit verstecken muss,  kann das nicht ohne Auswirkungen auf seine soziale und gesundheitliche Situation bleiben.

Situation von LSBTI: Große Anfrage soll Überblick geben

Dazu ist eine umfassende und strukturierte Erfassung der sozialen und gesundheitlichen Situation von LSBTI unter Berücksichtigung von Mehrfachdiskriminierung erforderlich. Das wollen wir mit der Großen Anfrage erreichen. Sie soll erstmals ein umfangreiches Bild über den Stand der sozialen und gesundheitlichen Situation von LSBTI in Deutschland liefern und diese sichtbar machen, um daraus konkrete Handlungsstrategien zu entwickeln.

Staatliche Verfolgung von LSBTI hinterließ deutliche Spuren

Die staatliche Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung hinterließ deutliche Spuren bei den betroffenen LSBTI. Von der Strafverfolgung der Homosexuellen waren nicht nur die Männer betroffen, die verurteilt worden sind, sondern ganze Generationen von Schwulen, Lesben, Bisexuellen sowie trans- und intergeschlechtlichen Menschen.

Neben der Strafverfolgung wurden vom deutschen Staat auch menschenrechtswidrige Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit geduldet, bzw. nicht geahndet. Intergeschlechtliche Menschen wurden die in der Regel mehrfachen Operationen insbesondere im Säuglings- und Kindesalter unterzogen. Transgeschlechtliche Menschen mussten sich bis 2011 sterilisieren lassen und einer operativen Angleichung ihrer Genitale unterziehen, damit sie ihre kontrafaktische Geschlechtszuordnung anpassen durften.

Pathologisierung von LSBTI: Hat negative Auswirkungen auf soziale und gesundheitliche Situation

Auch die jahrzehntelange Pathologisierung hat zur Stigmatisierung, Ausgrenzung und Entwertung von LSBTI geführt und sich negativ auf deren soziale Situation sowie psychische Verfassung ausgewirkt. Erst 1992 wurde Homosexualität aus dem Verzeichnis „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ entfernt. „Transsexualismus“ zählte hingegen noch immer zu den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen. Erst mit der neuen Klassifizierung, welche im Juni 2018 verabschiedet wurde, wurde sie endlich gestrichen. Der neue Katalog muss bis 1. Januar 2022 in nationales Recht umgesetzt werden.

Gesellschaftliche Akzeptanz: Noch nicht ganz erreicht

Trotz veränderter Rahmenbedingungen und einer wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz haben aktuell nur 60 Prozent der Menschen in Deutschland keinerlei Probleme, wenn zwei Männer bzw. zwei Frauen sich in der Öffentlichkeit küssen. Nur 50 Prozent der Befragten geben beispielsweise an, dass sie sich in Gegenwart einer transgeschlechtlichen Person wohl fühlen würden.

Bei Jugendlichen ist die Situation besonders dramatisch. So machen immer noch 82 Prozent der lesbischen, schwulen und bisexuellen Jugendlichen und 96 Prozent der transgeschlechtlichen Jugendlichen Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihrer sexuellen bzw. geschlechtlichen Identität.

Diskriminierung führt zu großem Stress und psychosomatischen Erkrankungen

Die historische Erblast, aber auch die anhaltende Diskriminierung und Abwertung, mangelndes Wissen, das sich spezifisch auf die Belange von LSBTI bezieht, und die medizinische Unterversorgung verursachen, dass LSBTI durchschnittlich unter größerem Stress, den sogenannten „minority stress“, leben als der Bevölkerungsdurchschnitt. Sie entwickeln zudem überdurchschnittlich häufig Symptome psychischer Leiden, um Ausgrenzung, Benachteiligung und Leidensdruck zu kompensieren. Das wiederum begünstigt psychische wie psychosomatische Erkrankungen wie beispielsweise Essstörungen oder Substanzabhängigkeit.

Im Ergebnis ist die Selbstmordrate bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit homosexueller oder bisexueller Ausrichtung signifikant höher als bei Gleichaltrigen. Unter obdachlosen Jugendlichen sind laut Studien aus den USA besonders viele queere Jugendliche zu finden, nämlich um die 30 Prozent.

Grüne Forderung: Gerechte Sozial- und Gesundheitspolitik

Eine umfassend gerechte Sozial- und Gesundheitspolitik muss die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung und Marginalisierung anstreben. Bei allen Maßnahmen brauchen wir daher eine intersektionale Perspektive, um auch die spezifischen Belange von LSBTI of Color, mit Behinderung oder anderweitig von Mehrfachmarginalisierung betroffenen LSBTI zu berücksichtigen. All das ist Gegenstand der vorliegenden Großen Anfrage.