Konzept für eine starke Schiene

Mit dem Nachtzug durch Europa

Wir Grüne im Bundestag wollen die Weichen stellen für ein attraktives Nachtzugangebot und eine klimafreundliche internationale Mobilität - es ist überfällig, die Investitionen in die Schiene massiv zu erhöhen. Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion
15.09.2021
  • Die Bahn hat riesiges Potenzial für eine klimafreundliche, zuverlässige und bezahlbare Mobilität in ganz Europa.
  • In den nächsten Jahren kommt es darauf an, massiv in das europäische Schienennetz zu investieren und Bahnfahren für Reisende über Grenzen hinweg deutlich zu vereinfachen.
  • Wir Grüne im Bundestag haben dafür ein Konzept entwickelt: Mit der „Netzvision 2030+“ können wir perspektivisch bis zu 500 Großstädte, Mittelzentren und Urlaubsregionen in Europa miteinander verbinden.

Wie reisen, ohne das Klima zu schädigen und unsere Lebensgrundlagen auf das Spiel zu setzen? Diese Frage stellen sich immer mehr Menschen, egal ob anlässlich einer längeren Urlaubsreise, eines Städtetrips oder einer Dienstreise. In Europa ist der Verkehrssektor für etwa ein Viertel aller klimaschädlichen CO2-Emissionen verantwortlich. Verantwortlich sind auch die hohen Anteile des Autoverkehrs und die gewaltige Zunahme des Luftverkehrs in den letzten Jahrzehnten.

Rückgrat einer klimafreundlichen Mobilität

Die Antwort ist einfach: Klimafreundliches Reisen geht vor allem mit der Eisenbahn. Kein anderes Verkehrsmittel kann mit ihrer Effizienz und der raschen Aussicht, zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien zu setzen, mithalten. Gerade auf lange Distanzen spricht auch der Komfort für die Bahn: Unterwegs lesen, arbeiten, mit den Kindern spielen, im Bordrestaurant speisen und gute Gespräche führen – das geht nur auf der Schiene.

Eine besondere Option sind Nachtzüge. Anders als beim Flugzeug entfallen hier aufwändige Sicherheitschecks und weite Anreisen zum außerhalb liegenden Flughafen. Man kann einfach mitten in der Stadt einsteigen, entspannt reisen und am Zielort morgens ankommen. Während viele Menschen tagsüber Bahnfahrten von deutlich über sechs Stunden als lang empfinden, ist es über Nacht kein Problem, wenn die Fahrt zehn, zwölf oder auch mal sechzehn Stunden dauert. Denn ein Gutteil der Strecke wird einfach verschlafen.

Die Schiene jahrzehntelang vernachlässigt

Ärgerlich also, dass das Bahnsystem in Deutschland, durch das wegen seiner zentralen Lage viele europäische Verbindungen führen, seit Jahrzehnten kaputtgespart wird und unter seinen Möglichkeiten bleibt. Entgegen aller Beteuerungen, mehr Verkehr auf die Schiene verlagern zu wollen, stellt die von Union und SPD getragene Bundesregierung auch 2021 für die Schiene nur 1,5 Milliarden Euro bereit, aber eine doppelt so hohe Summen für neue Bundesstraßen und Autobahnen. 

Jede 6. Weiche, jede 6. Brücke und jedes 6. Gleis ist im deutschen Schienennetz reparaturbedürftig. Genau das macht Bahnfahrten störungsanfällig, das ist der Grund, warum viele die Bahn als unzuverlässig erleben und ungern umsteigen.

Lücken im internationalen Bahnnetz nicht geschlossen

Fahrlässig ist zudem, dass Union und SPD seit Jahrzehnten Ausbau und Modernisierung grenzüberschreitender Schienenverbindungen verschleppt haben. Besonders blamabel ist dabei, dass Deutschland Verträge mit seinen Nachbarländen nicht einhält und Zusagen zum Ausbau von Schienenstrecken reihenweise bricht.

So steht etwa der Ausbau der Rheintalbahn seit 1980 im Bundesverkehrswegeplan und wurde 1996 der Schweiz vertraglich zugesichert. Doch während die Schweizer Seite sogar zwei lange Tunnels fertiggestellt hat, verspätet sich Deutschland um 21 Jahre und braucht für die Fertigstellung seiner Gleise noch bis nach 2040.

Ebenso verzögern sich Verbindungen zu unseren östlichen Nachbarn erheblich. Auf der Strecke von Dresden nach Breslau etwa liegt Deutschland bei der Elektrifizierung fast 10 Jahre im Rückstand. Um diese Verspätungen aufzuholen, sind mehr Mittel für das Bahnnetz ebenso überfällig wie eine Strukturreform, die die Verantwortlichkeiten für die Schieneninfrastruktur neu ordnet.

Den Nachtzugverkehr der DB beerdigt

Besonders kläglich ist das Versagen der Großen Koalition beim Nachtzugverkehr. Er wurde von der Deutschen Bahn AG im Einvernehmen mit dem Eigentümer – also dem Bund – im Jahr 2016 komplett eingestellt. Angeblich, weil Nachtzüge nicht rentabel genug sind. Andere Anbieter wie die österreichische ÖBB weiten ihr Nachtzugangebot allerdings seit Jahren erfolgreich aus und sind so Vorreiter beim Klimaschutz im Fernverkehr. Die ÖBB betreibt in Mittel- und Westeuropa 19 Nachtzug-Linien, in drei Jahren sollen es schon 26 sein.

Statt aus dem Nachtzugverkehr auszusteigen und damit eine nachhaltige Alternative abzuschaffen, wäre es Aufgabe der Bundesregierung gewesen, den Wettbewerb zwischen Fluggesellschaften und Eisenbahnunternehmen endlich fair ausgestalten. So fällt auf ein internationales Flugticket bislang keine Mehrwertsteuer an, auf Zugtickets dagegen sehr wohl.

Profitieren würden Nachtzüge auch von niedrigeren Trassenpreise für die Nachtstunden, in denen das Schienennetz ohnehin weniger ausgelastet ist. Das von der CSU geführte Bundesverkehrsministerium lehnt eine solche Maßnahme bislang ab. Stattdessen kündigte sie hochtrabend eine Initiative für einen „Trans-Europa-Express 2.0“ an – doch das ist bisher nicht viel mehr als eine kleine Spielzeugeisenbahn im tristen Schaufenster der deutschen Bahnpolitik.

Besonders ärgerlich für Bahnreisende ist, dass es selbst im Jahr 2021 äußerst schwierig ist, Tickets für internationale Züge oder Zugverbindungen im Ausland zu buchen. Verkehrsminister Scheuer sind Shownummern wie "Das Deutsche Zentrum Mobilität der Zukunft" wichtiger als die verkehrs- und digitalpolitische Kärrnerarbeit in der Gegenwart.

Grünes Konzept für eine Renaissance des Nachtzugs

Nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern auch, weil es eine komfortable Mobilität ermöglicht, wollen wir Grüne im Bundestag den Aufbau eines europäischen Nachtzugnetzes anschieben und damit eine gute Alternative für alle Reisenden schaffen.

Unsere Vision ist ein europäisches Netz mit rund 40 internationalen Linien, das mehr als 200, perspektivisch bis zu 500 Großstädte, Mittelzentren und Urlaubsregionen miteinander verbindet. Für ein europäisches Nachzugsystem haben wir die Nachtzugkarte „Euro Night Sprinter – Netzvision 2030+“ entwickelt.

Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion

Um in enger Absprache mit der EU und den beteiligten Staaten ein transeuropäisches Hochgeschwindigkeits-Nachtzugnetz zu etablieren, schlagen wir einen Fünf-Punkte-Plan vor:

  1. Infrastruktur passend ausbauen
  2. Beschaffung von komfortablen und schnellen Zügen
  3. Kundenfreundliche Buchungsplattform mit Anschlusssicherung
  4. Senkung der Trassenpreise
  5. Faire Wettbewerbsbedingungen zwischen Schiene und Flugzeug

Mit ihrer Strategie für eine nachhaltige und intelligente Mobilität hat die EU-Kommission 2020 ein starkes Plädoyer für eine sofortige Verkehrswende in Europa abgegeben. Verkehrswachstum darf es künftig nur bei grüner Mobilität geben, so lautet ihr zentrales Prinzipien.

Unser Fünf-Punkte-Plan für einen starken Nachtzugverkehr knüpft an die EU-Strategie an und setzt auf eine gute Kooperation auf europäischer Ebene, die unter anderem durch die Europäischen Eisenbahnagentur ERA getragen werden sollte.