Pflegeversicherung

Doppelte Pflegegarantie – Plädoyer für ein neues Denken

DRK-Seniorenwohnanlage in Rostock-Evershagen, eine Pflegekraft hilft einer Bewohnerin beim Essen.
Die Regierung diskutiert Verbesserungen für professionelle Pflegekräfte, bleibt aber die wichtigste Antwort schuldig: Wie kann verhindert werden, dass nicht am Ende allein die Pflegebedürftigen die Zeche zahlen? Wir liefern die Antwort. picture-alliance/ dpa
02.07.2019

Wer soll die notwendigen Verbesserungen in der Pflege bezahlen? Wie kann vermieden werden, dass am Ende alleine die Pflegebedürftigen die Zeche dafür zahlen? Darauf gibt die Bundesregierung trotz der mit der „Konzertierten Aktion Pflege“ intendierten Verbesserungen in der Pflege weiterhin keine Antwort. Die grüne Bundestagsfraktion stellt nun ihr Konzept vor: Doppelte Pflegegarantie. In unserem Vorschlag beschreiben wir, welche Leistungen die Pflegeversicherung zukünftig übernehmen soll.

Denn für viele Menschen ist Pflege ein wichtiges Thema, weil die Eltern gepflegt werden müssen oder weil man sich fragt: Wie wird es mir selbst einst ergehen? Viele sind unsicher, wie sie vorsorgen müssen, um später gute Pflege zu bekommen. Pflege im Heim oder zu Hause - wenn es so weit ist, ist meist alles undurchschaubar und unkalkulierbar. Wir wollen dafür sorgen, dass es für alle Klarheit und Sicherheit gibt.

Benötigte Pflege, Kosten begrenzt

Wir setzen uns für eine umfassende Reform der Pflegeversicherung ein, die dafür sorgt, dass alle pflegebedürftigen Menschen die Pflege erhalten, die sie benötigen, und deren Kosten für sie begrenzt sind.

Wir garantieren zum ersten: Die finanzielle Vorsorge für die selbst aufzubringenden Pflegekosten wird verlässlich planbar. Der Pflege-Eigenanteil, den Pflegebedürftige monatlich selbst für die Pflege tragen, wird künftig festgeschrieben und gedeckelt.

Bisher erhält eine pflegebedürftige Person von der Versicherung je nach Pflegegrad zwischen 125 und 2.005 Euro. Alles, was Pflege darüber hinaus kostet, muss man selbst bezahlen. Im ersten Quartal 2019 für Heimpflege im Schnitt 680 Euro pro Monat – Tendenz steigend. Unterkunft und Essen muss jeder selbst tragen, das macht zusammen noch mal rund 1200 Euro. Wer nur eine kleine Rente hat und wenig Ersparnisse, muss Hilfe zur Pflege beantragen – so wie derzeit etwa 30 Prozent der HeimbewohnerInnen. Jede Verbesserung, wie die angemessene Bezahlung der Pflegekräfte, geht zu ihren Lasten. Wir wollen, dass Pflegebedürftige einen festen Betrag für die Pflege zahlen – deutlich unter den aktuellen 680 Euro. Mit unserem Vorschlag wären die Kosten für die Pflegebedürftigen überschaubar gedeckelt.

Wir garantieren zum zweiten: Die Pflegeversicherung übernimmt in Zukunft alle darüber hinausgehenden pflegerischen Kosten für eine bedarfsgerechte Versorgung. Damit wollen wir erreichen, dass in Zukunft alle Pflegebedürftigen die für sie notwendigen, am konkreten Bedarf orientierten Pflegeleistungen erhalten – wir wollen damit die Unterversorgung, die insbesondere bei der häuslichen Pflege vorkommen kann, beseitigen.

Bei der Pflege zu Hause – dort leben etwa drei Viertel aller Pflegebedürftigen – geht es oft nicht danach, was die Pflegebedürftigen brauchen, sondern was sie oder die Angehörigen zahlen wollen oder können. Wir wollen, dass sie das erhalten, was wirklich benötigt wird und klar ist, wer dafür Sorge trägt. Im Idealfall erfolgt dies gebündelt mit Pflegeleistungen aus der Krankenversicherung oder dem Antrag für Hilfe zur Pflege. Elementare Pflege wird verlässlich gesichert.

Eigenverantwortung und Steuerzuschuss bei der doppelten Pflegegarantie

Eigenverantwortung besteht weiter bei Wohnen und Essen. Für uns ist unstrittig, dass diese Kosten – egal ob zu Hause oder im Heim – weiter selbst zu zahlen sind. Wo das Einkommen nicht reicht, muss der Staat über die Kommunen unterstützend eingreifen. Der Bund wiederum sollte sich wie bei der Kindererziehung über einen Steuerzuschuss an den Rentenbeiträgen Pflegender beteiligen.

Die Wirkung der doppelten Pflegegarantie

  • Sie bietet Verlässlichkeit und finanzielle Planbarkeit, weil klarer abgeschätzt werden kann, welche Kosten für die Pflege auf einen zukommen.
  • Sie mindert das Armutsrisiko im Alter, weil Ersparnisse nicht von steigenden Pflegekosten aufgefressen werden.
  • Sie entlastet Kommunen finanziell, weil weniger Menschen Sozialhilfe über die „Hilfe zur Pflege“ beantragen müssen.
  • Sie schafft mehr Solidarität, denn sie verteilt das Risiko steigender Pflegekosten von wenigen auf viele Schultern – von den Pflegebedürftigen auf alle BeitragszahlerInnen – Versicherte und ArbeitgeberInnen.
  • Sie entlastet und unterstützt Pflegebedürftige und ihre Angehörigen, weil diese zukünftig besser informiert, beraten und falls notwendig bei der Auswahl der Leistungen begleitet werden.

Die Umsetzung der doppelten Pflegegarantie

Die Idee ist einfach, die Umsetzung jedoch anspruchsvoll. Die wichtigste zu klärende Frage lautet: Welche Leistungen übernimmt die Pflegeversicherung künftig? Eine solche Steuerung ist komplex. Notwendig sind bundesweit geltende Kriterien. Auf deren Basis müssen vor Ort Pflegebedürftige und Angehörige informiert, beraten und wenn notwendig begleitet werden - durch ein multiprofessionelles Case-Management. Damit diese Unterstützung gelebt werden kann, müssen wir als Gesellschaft darüber sprechen, welche neue Pflegemodelle wir umsetzen wollen, wie die bestehende strikte Trennung der Versorgung zu Hause oder im Heim aufgebrochen werden kann und welche Rolle die Gemeinden und Landkreise bei der Bereitstellung passgenauer Pflegeangebote spielen können. Es ist eine große Aufgabe – und es wird Zeit, dass sie angegangen wird.

Wir Grüne im Bundestag wollen die Weichen für eine zukunftsfähige Pflege(-versicherung) stellen. Für die Umsetzung ist ein breiter politischer und gesellschaftlicher Konsens wichtig. Daher appellieren wir an alle Beteiligten, sich an der Debatte zu beteiligen und gemeinsam die doppelte Pflegegarantie auf den Weg zu bringen.

Zum Weiterlesen:

Fraktionsbeschluss: „Doppelte Pflegegarantie – Plädoyer für ein neues Denken der Pflegeversicherung

Antrag: „Pflege gerecht und stabil finanzieren – Die Pflege-Bürgerversicherung vollenden“