Textilproduktion

Grüner Knopf weckt falsche Hoffnungen

Am zweiten Jahrestag nach dem katastrophalen Einsturz des Rana Plaza Gebäudes in Bangladesh trauern Angehörige der Opfer an der Stelle, an der zuvor das Gebäude stand.
Ab September soll es den „Grünen Knopf“ als freiwilliges Siegel für nachhaltige Kleidung geben. Aber die Kriterien sind so schwach, dass das neue Siegel zum Greenwashing einlädt statt Klarheit für Verbraucherinnen und Verbraucher zu bringen. Unser Bild zeigt den Platz, wo am Morgen des 24. April 2013 in einem Vorort von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, der achtstöckige Textilfabrikkomplex Rana Plaza einstürzte und tausende Menschen unter sich begrub. picture alliance / NurPhoto
20.08.2019
  • Sechs Jahre nach der Katastrophe in Rana Plaza hat sich an den Arbeitsbedingungen in Textilfabriken wenig geändert.
  • Der von Entwicklungsminister Müller vorgelegte „Grüne Knopf“ kann die geweckten Erwartungen nicht erfüllen.
  • Wir Grüne im Bundestag wollen Unternehmen dazu verpflichten, ihre Lieferketten offenzulegen und für die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards zu sorgen.

Vor sechs Jahren hat die Katastrophe in der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch, bei der mehr als tausend Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter starben, die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie ins Bewusstsein der Menschen gebracht. Auch die Bundesregierung kündigte an, sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den globalen Lieferketten einzusetzen. Unter anderem startete Entwicklungsminister Müller 2014 das Textilbündnis, das für bessere Bedingungen in der weltweiten Textilproduktion sorgen sollte, allerdings nur auf freiwilliger Basis. Dementsprechend ernüchternd ist die Erfolgsbilanz: Bis heute deckt das Textilbündnis gerade einmal die Hälfte des Marktes ab. Ausgerechnet beim Thema faire Löhne konnten bislang keine Fortschritte erzielt werden. Ab September soll nun der „Grüne Knopf“ als staatliches Siegel mehr Klarheit für Verbraucherinnen und Verbraucher schaffen, die nachhaltige und faire Kleidung kaufen wollen.

Renate Künast und Uwe Kekeritz zum "Grünen Knopf"

Knopf kein Garant für Nachhaltigkeit       

Doch von einem echten Nachhaltigkeitssiegel ist der Grüne Knopf weit entfernt. Statt wie von Minister Müller angekündigt für faire Arbeitsbedingungen vom Baumwollfeld bis zum Bügel zu sorgen, deckt das Siegel in seiner Einführungsphase, bis 2021, nur zwei Stufen der Lieferkette ab. So muss ein T-Shirt beispielsweise nicht aus ökologisch angebauter Baumwolle bestehen. Und auch bei den sozialen Kriterien bleibt das Siegel zu vage. Statt eines existenzsichernden Lohns reicht auch der im Produktionsland vorgeschriebene, oft aber viel zu geringe Mindestlohn aus. Strengere Kriterien sind zwar im Anschluss an die Einführungsphase vorgesehen, doch hierfür gibt es bisher weder konkrete Ziele noch Zeitplan. Unklar ist zudem, wie viele Unternehmen sich überhaupt am Grünen Knopf beteiligen werden. Denn selbst bei vielen Mitgliedern des Textilbündnisses stößt er auf Widerstand.

Transparenz- und Sorgfaltspflichten notwendig

Wir meinen: Statt ausschließlich freiwilliger Maßnahmen sind gesetzliche Regelungen notwendig, um einen grundlegenden Wandel in der Textilproduktion zu erreichen. Die Bundesregierung muss die Unternehmen endlich in die Pflicht nehmen und darf die Verantwortung nicht auf die Verbraucherinnen und Verbraucher abwälzen. Entwicklungsminister Müller hat zwar ein Gesetz angekündigt, doch dies ist bisher eine reine Luftnummer – denn dafür fehlt ihm die Zustimmung im Kabinett. Wie stiefmütterlich die Bundesregierung den Menschenrechtsschutz in der globalisierten Wirtschaft behandelt, zeigt sich auch dran, wie kläglich sie an der im Koalitionsvertrag vereinbarten Umsetzung des Nationalen Aktionsplans Wirtschaft und Menschenrechte scheitert, während sie gleichzeitig internationale Bemühungen zum Schutz von Mensch und Umwelt in den globalen Lieferketten untergräbt.

Grüne Forderungen

  • Europäische Transparenz- und Sorgfaltspflichten in der Textilproduktion: Für Textilunternehmen, die in Europa oder für den europäischen Markt produzieren, sollen gesetzliche Transparenz- und Sorgfaltspflichten gelten. Die Unternehmen sollen Verantwortung für ihre Wertschöpfungskette übernehmen und nachweisen, wo und wie produziert wurde. Wie bei Lebensmitteln soll auch für Kleidung der gesamte Produktionsweg bekannt sein. Vor allem aber müssen die Unternehmen dafür sorgen, dass überall in der Produktions- und Lieferkette internationale Arbeits- und Umweltschutzstandards eingehalten werden.
  • Gesetzliche Verankerung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten für alle Branchen: Zur Umsetzung der international geltenden „Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte“ müssen konkrete gesetzliche Sorgfaltspflichten für die Unternehmen definiert werden.
  • Rechtsverstöße durch Unternehmen wirksam sanktionieren: Die besten Gesetze nützen nichts, wenn Verstöße nicht geahndet werden. Daher machen wir konkrete Vorschläge für wirksame Sanktionen.
  • Aussagekräftige Berichtspflichten für Unternehmen: Unternehmen müssen über soziale und ökologische Aspekte ihres Wirkens in Form von Nachhaltigkeitsberichten Auskunft geben. Diese Berichtspflichten sollten jedoch – anders als von der Bundesregierung umgesetzt – für alle großen Unternehmen gelten und nicht nur für börsengelistete Unternehmen.
  • Verbindliches UN-Abkommen unterstützen: Die Bundesregierung muss sich auf UN-Ebene endlich an der Erarbeitung eines verbindlichen Abkommens zum Schutz der Menschenrechte in der globalisierten Wirtschaft beteiligen. Der Boykott des Prozesses ist einer führenden Exportnation nicht würdig.