Aktuelle Klimareporte

Die Klimakrise verschärft sich weiter

Eine Sturmfront über einem Stoppelfeld.
Dunkle Wolken über den Hoffnungen auf eine Bewältigung der Klimakrise. Es bleibt kein Aufschub für dringend nötige Maßnahmen zum Klimaschutz. pixabay/SturmjaegerTobi CC0
17.03.2020
  • Immer mehr WissenschaftlerInnen und Berichte aus aller Welt zeigen auf, wie dramatisch die Erderhitzung voranschreitet und wie schnell und entschlossen wir handeln müssen. Auch für das Jahr 2019 wurden neue, traurige Rekorde gemessen.
  • Im Bewusstsein der Menschen hat sich die Klimakrise als stärkste Bedrohung verfestigt.
  • Doch trotz der fundierten wissenschaftlichen Berichte und Zahlen versäumt es die Bundesregierung, der Krise entschlossen zu begegnen.

Im aktuellen jährlichen Bericht der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) wird deulich, wie sehr sich die Erde immer weiter aufheizt. 2019 war das zweitwärmste jemals gemessene Jahr, und die letzten fünf Jahre waren die fünf wärmsten jemals gemessenen Jahre.

Seit 1980 war jede folgende Dekade wärmer als die vorangegangene. Nie zuvor war der CO₂-Gehalt der Luft größer, die Ozeane wärmer oder der Meeresspiegel höher als im vergangenen Jahr. Auch das Meereis in der Arktis hatte im September die zweitgeringste je erfasste Ausdehnung.

Das Fortschreiten der Klimakrise belegt der Deutsche Wetterdienst (DWD) auch für Deutschland. Das Jahr 2019 war nach Angaben des DWD mit einer Mitteltemperatur von 10,3 °C in Deutschland zusammen mit dem Jahr 2014 das zweitwärmste Jahr seit Beginn der 139-jährigen Temperaturzeitreihe. Elf der zwölf Monate des Jahres 2019 waren zu warm.

Seit Beginn der Aufzeichnungen 1881 beträgt der Erwärmungstrend hierzulande 1,6 Grad oder 0,11 Grad pro Jahrzehnt. Vom 24. bis 26. Juli 2019 traten im Westen Deutschlands an drei aufeinanderfolgenden Tagen Höchsttemperaturen von über 40 °C auf. Neuer Rekordhalter in Deutschland ist nun die Station Lingen im Emsland mit einer Temperatur von 42,6 °C.

Klimakrise wird als größte Bedrohung gesehen

Die Angst vor den Folgen der Klimakrise nimmt laut einer Umfrage des Washintonger Pew Research Centers zu. In seiner letzten Umfrage von 2018 sahen 67 Prozent der Befragten die Klimakrise als größte Bedrohung, noch vor der Angst vor einem Atomkrieg oder einem Terroranschlag. Bei der vorangegangenen Umfrage zu diesem Thema sahen weniger als 50 Prozent der Befragten die Klimakrise als die größte Bedrohung.

Vor allem in Europa ist die Wahrnehmung der Folgen der Klimakrise stark gestiegen. In Deutschland sehen sogar 71 Prozent der Befragten die steigende Erderwärmung als größte Bedrohung. Mehr als 27.000 Menschen aus 26 Ländern wurden in der repräsentativen Umfrage über die größte Bedrohung für Sicherheit und globalen Wohls befragt. 

UN-Umweltprogramm: Klimaanstrengungen verdreifachen

In den letzten Jahren hatten mehrere wissenschaftliche Berichte die dramatische Situation beschrieben. Der so genannte Emission Gap Report des UN-Umweltprogramms UNEP zeigte ein weiteres Mal, auf welch gefährlichem Klimapfad sich die Welt befindet. Die Emissionen waren im Jahr 2018 sogar wieder gestiegen, nachdem sie in den drei Jahren zuvor wenigstens konstant geblieben waren. Laut Bericht können wir das Ziel, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, am besten auf 1.5 Grad, zu begrenzen, aber trotzdem noch schaffen. Dafür müssten aber alle möglichen Anstrengungen unternommen werden.

Derzeit befinden wir uns allerdings auf dem gegenläufigen Weg. Aktuell werde sich die Erdtemperatur um durchschnittlich circa 3,2 Grad im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung erhöhen - und dann noch weiter steigen.

Mehrere Kipppunkte stehen bevor

Wir stehen vor irreversiblen Kipppunkten, zum Beispiel dem Abschmelzen des grönländischen Eisschildes, dem Auftauen der Permafrostböden und dem Verlust der CO2-Senke Amazonas. Die Anstrengungen der Weltgemeinschaft müssten verdreifacht werden, damit das Ziel der Begrenzung der Erderwärmung noch erreicht werden kann.

Der Bericht des UNEP reiht sich ein in eine Folge von Klimaberichten in der letzten Zeit, die ausnahmslos dramatisch sind und auf sofortiges Handeln drängen - doch anscheinend unerhört bleiben.

IPCC: Klimakrise braucht Entschlossenheit

Im Oktober 2018 wurde der IPCC 1.5 Sonderbericht des Weltklimarates veröffentlicht. Demnach sei die Begrenzung der Erderwärmung auf 1.5 Grad nur erreichbar, wenn radikale Maßnahmen ergriffen würden. Der Aufschrei war groß und auch die Bundesregierung bekräftigte, die Ergebnisse des Sonderberichts ernst nehmen und handeln zu wollen. Danach geschah jedoch nichts mehr.

Deutschlandreport: Klimaschutz ist auch wirtschaftlich eine Chance

Dabei zeigt auch der "Deutschland Report" des Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos auf, dass die Mehrinvestitionen, die für das Erreichen der Klimaschutzziele 2030 und 2050 notwendig wären, nicht nur dem Klima helfen würden. Umsatz und Einkommen, zum Beispiel im Baugewerbe, aber auch das Bruttoinlandsprodukt allgemein würden durch Klimaschutz-Investitionen bis 2045 steigen.

Fatale Rekorde von CO2-Emissionen und CO2-Konzentration

Auch die Weltwetterorganisation der UNO (WMO) hat Mitte November 2018 erschreckende Rekordwerte, was die CO2 Konzentration in der Luft betrifft, gemeldet. In seinem Klimabericht hat die WMO zudem veröffentlicht, dass 2018 voraussichtlich das viertheißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen sein wird. Die Plätze davor belegen die Jahre 2015 bis 2017.

Nicht nur die CO2-Konzentration, sondern auch die CO2-Emissionen allgemein steigen weiter an. In der Anfang Dezember erschienen Studie "Global Carbon Budget 2018" wird ein erneuter Anstieg der weltweiten CO2-Emissionen durch fossile Brennstoffe, Industrie und Zementherstellung festgestellt. Um rund 2,7 Prozent sind die Emissionen dieses Jahr im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Wurde 2017 noch als negativer Ausreißer mit einem Anstieg um 1,6 Prozent gesehen, führt die Studie uns nun vor Augen, wie ernst die Regierungen den Klimaschutz tatsächlich nehmen.

US-Klimaschutzbericht: Massive ökologische, ökonomische und gesundheitliche Folgen

Auch die USA haben heimlich still und leise ihren Klimaschutzbericht veröffentlicht. Der National Climate Assessment (NCA) hat der US Regierung die massiven ökonomischen und ökologischen Kosten der drohenden Klimakrise aufgezeigt. Präsident Trump ignoriert die Warnungen und steuert sein Land weiter in die Klimakatastrophe. Doch neben den wirtschaftlichen und ökologischen Folgen wird in einer Studie der UN und 27 führenden internationalen Forschungsinstituten auch auf die Folgen für die Gesundheit aufmerksam gemacht. Die Klimakrise wird nämlich auch zunehmend zu einem Gesundheitsrisiko.

2018 stieg - so die Forscher - die Zahl der gefährdeten Menschen, die zum Beispiel Hitzeperioden ausgesetzt waren, weltweit um 18 Millionen an. Europa ist besonders gefährdet, zum einen, weil hier deutlich mehr ältere Menschen leben, aber auch da es ein sehr dicht besiedeltes Gebiet ist. Denn vor allem Stadtbewohner müssen mit deutlich heißeren Tagen und so genannten Tropennächten leben.

UN-Klima-Konferenz: Dürren, Überschwemmungen, Stürme nehmen zu

Auf der UN-Klimakonferenz in Katowice wurden weitere Studien und Reports vorgestellt, wie zum Beispiel der Globale Klima-Risiko-Index der Nicht-Regierungsorganisation Germanwatch. Der Index zeigt an, wie stark Länder von Wetterextremen wie Überschwemmungen, Stürmen, Hitzewellen etc. betroffen sind. Vor allem Entwicklungsländer sind in der beobachteten Zeitspanne am härtesten betroffen. Dass die Klimakrise aber auch in Deutschland angekommen ist, zeigen nicht nur der Dürresommer und die Millionenverluste bei den Landwirten, sondern auch Germanwatch. Denn durch extreme Wetterlagen gab es 2017 auch in Deutschland 27 Todesfälle und materiellen Schäden von knapp 3,18 Milliarden Euro.

Es bleibt keine Zeit: Handeln! Jetzt!

Alle Berichte zeigen das gleiche auf: Wenn wir eine Chance haben wollen, eine lebenswerte Erde für unsere Kinder und Enkel zu hinterlassen, müssen wir sofort handeln. Die Grüne Bundestagsfraktion hat das im Vorstandsbeschluss "Radikale Umweltpolitik" beschrieben.

Doch die Bundesregierung verschleppt den Klimaschutz, bleibt bei den Maßnahmen halbherzig und scheut wirksame ordnungsrechtliche Maßnahmen. Vor allem aber wird der Ausbau der Erneuerbaren abgewürgt, der Kohleausstieg in die Länge gezogen und die Empfehlungen der Kohlekommission ignoriert.

Wir Grüne im Bundestag wollen:

  • Ein Klimaschutzgesetz, das diesen Namen auch verdient, indem es den Klimaschutzpfad bis 2050 mit rechtlich verbindlichen Zwischenzielen für 2030 und 2040  festsetzt. Werden die Ziele nicht erreicht, muss das Gesetz die Politik zum nachsteuern verpflichten. Nur so gelingt es, den Klimaschutz- und Modernisierungspfad erfolgreich zu beschreiten.
  • Ein Ende des Ausbremsens und stattdessen ein neuer Schub für erneuerbare Energien und zukunftsfähige Arbeitsplätzen, damit wir im Jahr 2030 100% Erneuerbare im Netz haben. Wir wollen konkret den aktuellen Solarausbau mindestens verdreifachen (von knapp 3000 Megawatt in 2018 auf 10.000 Megawatt pro Jahr) und die Obergrenze für den Ausbau der Solarenergie streichen. Bisher ist vorgesehen, bei einer installierten Gesamtkapazität von 52GW die Förderung einzustellen. Und wir wollen eine verbindliche Nutzung von Solarenergie für alle Neubauten, damit ohnehin entstehende Dachflächen auch zur Energieerzeugung genutzt werden.
  • Wir wollen einen Kohleausstieg, der schnell beginnt, einen gleichmäßigen und stetigen Abschaltplan und einen beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien. Das ist die Voraussetzung für ökologisches Wirtschaften von morgen.
  • Eine ökologische Finanzreform, damit Preise die ökologische Wahrheit nennen. Solange Umweltbelastung sowie Ressourcen- und Energieverbrauch keinen angemessenen Preis bekommen, profitieren die Verursacher auf unsere Kosten. Ökologisch ehrliche Preise belohnen dagegen Unternehmen, die mit Ressourcen pfleglich umgehen und Emissionen senken. Sie setzen Anreize, neue Techniken zu entwickeln und auch die Verbraucherinnen und Verbraucher profitieren, wenn langlebige Geräte Neuanschaffungen ersparen und klimafreundliche Heizungen die Stromrechnung senken.
  • Die Verankerung des Klimaschutzes im Grundgesetz. Die international vereinbarten Ziele müssen auch national verbindlich festgeschrieben werden.

Alle Links noch einmal in der Übersicht:

WMO Statement on the State of the Global Climate in 2019

Pew Research Center

Emisson Gap Report der UNEP

Artikel zum IPCC Sonderbericht

Klimschutzbericht 2018 der Bundesregierung

Pressemitteilung der UN-Weltwetterorganisation zur CO2-Konzentration

Pressemitteilung der UN-Weltwetterorganisation zu den Klimazielen

National Climate Assessment der US-Regierung

Studie zu den Gesundheitsfolgen des Klimawandels (aus The Lancet)

Vorstandsbeschluss "Radikale Umweltpolitik" der Grünen Bundestagsfraktion

Brief an Bundeskanzlerin Merkel

Unser Antrag für ein wirksames Klimaschutzgesetz